Als wäre ein wunderbares Geschenk vom Himmel gefallen: Holzspielzeug, von Hand gearbeitet, gedacht für Kinder, die wenig besitzen. Gerd Koch überraschte in dieser Woche viele Menschen.

Fröndenberg

, 13.12.2018 / Lesedauer: 3 min

Gerd Koch ist etwas außer Atem, als die Tür aufgeht. Der 89-Jährige hatte schwer zu tragen. Eine Kiste und zwei Leinenbeutel schleppt der Fröndenberger in die Redaktion. Was Gerd Koch dann auspackt, müsste alle Kinderaugen dieser Welt aufblitzen lassen: Zum Vorschein kommt ein Spielzeug-Traktor aus Holz. Einen zweiten Trecker zieht er aus der Stofftasche, ebenfalls aus Buche, mit einem Miniaturnummernschild und gelb-roten Rückleuchten. Es folgt der dritte Trecker, wie die beiden anderen gut 30 Zentimeter lang, mit kleinem Auspuffrohr, Lenkrad und Fahrersitz. Nicht genug, auf einem Langholzwagen liegt ein Stapel schmaler Äste als Baumstämme, und ein Kipper komplettiert das Holzspielzeug, das an Weihnachtsfeste in alter Zeit mit Schnee, Rauschgoldengel und viel Lametta erinnert.

„Machen Sie etwas damit“, bittet der 89-Jährige

„Machen Sie etwas damit“, sagt Gerd Koch. „Das ist für die Ärmsten der Armen.“ Das lässt einen schon schlucken. Der liebenswürdig lächelnde Mann möchte zum bevorstehenden Fest Kindern eine Freude bereiten. Was für ein einzigartiges Geschenk. „Reine Handarbeit“, sagt der geschickte Mensch, und man sieht den kleinen Traktoren auch an, wie viel Mühe drin stecken muss.

Als wäre es vom Himmel gefallen – ein wunderbares Geschenk für Kinder, die wenig besitzen

Mit viel Liebe zum Detail hat Gerd Koch die Traktoren gefertigt. © Marcus Land

Gerd Koch erzählt. Viele Monate hat er im heimischen Keller am Sümberg an seiner Drehbank gesessen und einen massiven Buchenklotz nach dem anderen gedrechselt und geschliffen. Da war er ganz bei sich. „Das mache ich, damit ich noch ein wenig sinnvolle Arbeit habe.“ Gerd Koch ist gebürtiger Stettiner und kam nach dem Krieg, 1952, nach Fröndenberg. Der gelernte Hochspannungselektriker heuerte bei der Kettenfabrik Topp in Warmen an. „Da war ich erst Hilfsarbeiter, die konnten sich keinen Elektriker leisten.“ Später war er doch der Betriebselektriker, danach, bei der Zahnradfabrik in Bösperde, lernte er auch, Gewinde in Metall zu drehen. So viele Fertigkeiten, die sich nun alle in den Holzautos wiederfinden.

Geleimt und vernagelt, stabil gegen Kinderfüße

Da sind zum Beispiel die gebogenen dünnen Kotflügel. Die hat Gerd Koch aus einer Ronde gedrechselt und mit der zuvor zurecht gesägten Karosserie verleimt, damit sie stabil sind und nicht brechen können, sollte mal ein Kinderfuß drauftreten.

Als wäre es vom Himmel gefallen – ein wunderbares Geschenk für Kinder, die wenig besitzen

Für die Achsstangen hat Gerd Koch selbst die Gewinde gedreht. Die Lenkung funktioniert einwandfrei. © Marcus Land

Unterm kreisrunden Lenkrad sitzt eine Messingstange, die mit der Vorderachse verbunden ist. Gerd Koch fasst mit zwei Fingern ans Lenkrad, dreht und strahlt: Der Traktor fährt eine Links-, dann eine Rechtskurve auf dem Tisch. Wohin man lenkt, müsse der Trecker auch fahren. „Kinder sind sehr genau.“

In die Messingachsen hat Gerd Koch ein filigranes Gewinde gedreht und mit den Rädern verschraubt. „Die Achsen sind das Schwierigste“, erklärt der Kunsthandwerker. So muss man es wohl bezeichnen, wenn jemand in liebervoller Detailarbeit auf winzige Holzscheiben Rücklichter aufpinselt oder ein selbstgemachtes Emblem mit dem Namen „Lanz“, der weltbekannten Traktormarke, auf den Kühler klebt. Zuletzt wird das ganze Werk fein abgeschliffen und mit Wasserlack bestrichen – umweltfreundlich.

Wo andere einen Bauplan brauchen, arbeitet Gerd Koch aus dem Kopf

„Ich habe keinen Bauplan, ich mache alles aus dem Kopf“, erzählt der ältere Herr mit den wachen Augen – mancher, der es ihm gleichmachen wollte, habe verzweifelt aufgegeben. Ohne Bauplan? Keine Chance. Gerd Koch schmunzelt. Wirkt da eher verständnisvoll und bescheiden. Er hat halt ein Händchen für so was. Spieluhren baut er selbst, Weihnachtspyramiden, schnitzt Miniaturen. Von der Messe „Kreativ“ in der Gesamtschule kennen ihn viele. Die Holztraktoren, an denen er bis in die letzten Tage arbeitete, zu verkaufen, komme aber überhaupt nicht in Frage. „Ich habe alles, zu essen und ein Dach über dem Kopf“, sagt Gerd Koch, der im April 90 Jahre alt wird. Und sobald er seinen Haushalt erledigt habe, gehe es wieder nach unten, an die Drehbank. „Machen Sie etwas damit“, sagt der liebenswerte Fröndenberger und verlässt die Redaktion mit leeren Taschen. Zurück bleibt nur das Holzspielzeug auf dem Tisch.

Lesen Sie im Hintergrund, wer das Holzspielzeug bekommen wird.

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