Bis zu 200 Häftlinge werden im Justizvollzugskrankenhaus behandelt. Jugendliche, Männer, Frauen; auch kriminelle Schwergewichte. Warum Auszubildende dort trotzdem von ihrem Job schwärmen.

Fröndenberg

, 01.11.2019, 11:34 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Arbeit hinter Gittern ist nichts für Sensibelchen. Wer aber glaubt, die Justiz bräuchte nur den saloppen „Kerl wie ein Baum“, irrt gewaltig. Das Gegenteil ist der Fall.

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Es gibt auch im Gefängnis Situationen, in denen Frauen einfach das bessere Gespür haben. „Man merkt oft, dass es einen positiven Einfluss auf die Situation hat, wenn eine Frau den Raum betritt“, sagt Petra Würfel, Ausbildungsleiterin im Justizvollzugskrankenhaus (JVK) Fröndenberg. Und deshalb sucht das einzige Krankenhaus seiner Art in Nordrhein-Westfalen Frauen wie Männer für den Allgemeinen Vollzugsdienst. Und zwar durchaus dringend. Zehn Ausbildungsstellen sind noch zu vergeben.

Schwere Jungs und böse Mädchen: Im JVK kommt alles aus NRW-Gefängnissen zusammen

Zwei von derzeit acht Anwärtern, die im Justizvollzugskrankenhaus die Ausbildung zu Justizvollzugsbeamten absolvieren. Augrund der Sensibilität ihres Berufes nennen wir ihre Namen nicht. © Alexander Heine

Das JVK ist mit dem Problem nicht allen, in ganz Nordrhein-Westfalen suchen Justizvollzugsanstalten händeringend Personal. Landesweit gibt es im Allgemeinen Vollzugsdienst 6500 Stellen, mehr als 400 davon sind aktuell unbesetzt.

Häftlinge von jedem Kaliber: Im JVK kommt alles zusammen

Was das Fröndenberger Justizvollzugskrankenhaus von den 35 Gefängnissen im Land unterscheidet: Die Arbeit im Allgemeinen Vollzugsdienst hier ist abwechslungsreicher als dort. Schon allein, weil es das einzige Krankenhaus für Häftlinge in NRW ist. Denn das bedeutet auch: Hier kommt alles zusammen. Jugendliche, Männer, Frauen. Menschen, die alles getan haben, was man sich vorstellen kann – sich vielleicht aber auch gar nicht vorstellen möchte. Und während die Gefangenen in den Gefängnissen mitunter lange Haftstrafen absitzen, verbringen sie im Justizvollzugskrankenhaus für gewöhnlich nicht mehr als ein paar Wochen. Die Vollzugsbeamten haben es mit ständig wechselnden Straftätern zu tun.

Schwere Jungs und böse Mädchen: Im JVK kommt alles aus NRW-Gefängnissen zusammen

Abteilungsdienst in den medizinischen Fachabteilungen des Justizvollzugskrankenhauses: Es finden täglich Besprechungen statt, damit alle Beteiligten wissen, mit wem sie es zu tun haben. © Alexander Heine

Hintergrund

So läuft das Auswahlverfahren

  • Wer sich im Justizvollzugskrankenhaus im Allgemeinen Vollzugsdienst ausbilden lassen möchte, richtet seine Bewerbung direkt an das Krankenhaus.
  • Einem Hospitationstag schließt sich dann ein Bewerbungsgespräch in Fröndenberg an, bevor die potenziellen neuen Auszubildenden in einem landesweiten, zweitägigen Auswahlverfahren auf ihre Eignung getestet werden.
  • Die zweijährige Ausbildung umfasst drei je dreimonatige Präsenzphasen an den Justizvollzugsschulen in Hamm oder Wuppertal. Während dieser Zeit sind Auszubildende Beamte.
  • Die Ausbildung beginnt offiziell am 1. Juli eines jeden Jahres. Solange sie auf einen Schulplatz warten, können Interessierte schon im Justizollzugskrankenhaus arbeiten. Die Bezahung erfolgt dann nach dem Tarifvertrag der Länder (TV-L), während der Ausbildung sind Auszubildende Beamte auf Widerruf, danach zunächst auf Probe und später auf Lebenszeit.
  • Ausführliche Informationen zur Ausbildung im Allgemeinen Vollzugsdienst gibt es im Internet unter http://menschen-im-sinn.justiz.nrw/. Dort gibt es auch einen sogenannten Knast-O-Mat, mit dem man seine Eignung testen kann.

Und das sind nicht wenige. 150 Patienten sind die Regel, zu Spitzenzeiten passen auch 200 in das ehemalige Stadtkrankenhaus, das schon fünf Jahre nach dem Bau 1979 für den Strafvollzug erworben wurde und nach dem Umbau 1986 als Justizvollzugskrankenhaus in Betrieb gegangen ist. Es ist nach eigenen Angaben das größte seiner Art in Deutschland. Rund 300 Menschen arbeiten dort, 113 davon sind Justizvollzugsbeamte, acht durchlaufen derzeit die zweijährige Ausbildung.

„Man kommt nicht zur Arbeit, setzt sich in einen Stuhl und geht dann wieder nach Hause.“
Ein Auszubildender des JVK

„Man kommt nicht zur Arbeit, setzt sich in einen Stuhl und geht dann wieder nach Hause“, berichten zwei der Anwärter, deren Namen wir aufgrund der Sensibilität ihres Berufes nicht nennen. „Es ist sehr abwechslungsreich, jeden Tag warten neue Aufgaben.“ Auch wenn es im Kern immer um das Eine geht: Die Sicherheit für alle in dem Krankenhaus zu gewährleisten.

Das gilt für den Dienst in der Sicherheitszentrale genauso wie für den Dienst in den medizinischen Abteilungen, im Kammerdienst oder im Fahrdienst. Man hat direkt mit den Gefangenen zu tun, arbeitet Hand in Hand mit dem medizinischen Fachpersonal. Dabei gilt vor allem ein Prinzip, wie Ausbildungsleiterin Würfel erläutert: „In medizinischen Fragen können wir nicht reinreden. Wir müssen gucken, ob das mit der Sicherheit passt.“ Das bedeutet mitunter auch, dass Justizvollzugsbeamte bei Operationen dabei sind.

Schwere Jungs und böse Mädchen: Im JVK kommt alles aus NRW-Gefängnissen zusammen

Im Justizvollzugskrankenhaus arbeiten medizinisches Personal und Justizvollzugsbeamte Hand in Hand: Erstere sind für die Gesundheit der Patienten, letztere ausschließlich für die Sicherheit verantwortlich. © Alexander Heine

„Hier ist nicht nur Körper gefragt.“
JVK-Verwaltungsleiter Peter Wolff

„Hier ist nicht nur Körper gefragt, sondern auch eine gute Ausbildung“, sagt Verwaltungsleiter Peter Wolff. Die dauert zwei Jahre, umfasst neben der Praxiserfahrung unter Anleitung erfahrener Beamter im JVK auch einen theoretischen Teil in der Justizvollzugsschule in Hamm oder Wuppertal.

Hinter Gittern sind auch Vollzugsbeamte unbewaffnet

„Der Stoff ist nicht ohne“, sagen denn auch die beiden Anwärter. Sie büffeln Haftregeln, Strafvollzugsgesetze und alles, was mit Persönlichkeitsrechten der Gefangenen zu tun hat. Sie müssen aus dem Effeff wissen, wer was darf und was nicht. Sie müssen Abläufe und technische Hilfsmittel kennen. Und natürlich müssen sie auch zupacken können, wissen, wie sie kritische Situationen im Ernstfall meistern können. Denn bewaffnet sind sie in der Regel nicht. Nur im Fahrdienst legen sie Schusswaffe und Pfefferspray an, hinter Gittern gehören neben Funk- und Personennotrufgerät lediglich schwarze Lederhandschuhe zur ihrer Ausrüstung. Damit kommen sie in aller Regel aus. Und das, so die beiden Anwärter, liege auch an dem hervorragenden Team hinter den hohen Mauern. „Die Arbeitsatmosphäre hier ist eine ganz besondere. Man weiß zu tausend Prozent, dass man sich aufeinander verlassen kann.“

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