Aldi-Mieter: „Finden nur Wohnung mit Blick auf Mülltonnen und tanzende Ratten“

dzSozialer Wohnungsbau

Bezahlbarer Wohnraum steht auf der Agenda der beiden Bürgermeisterkandidaten. Für manche Mieter in Fröndenberg ist er ein akutes Problem. Neubauten der UKBS sind derweil nicht in Sicht.

Fröndenberg

, 16.01.2020, 16:07 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Mieter des dazu bestimmten Abriss-Hauses von Discounter Aldi stehen quasi stellvertretend für einen angespannten Wohnungsmarkt in Fröndenberg – sofern es um bezahlbaren Wohnraum geht. Eine allein erziehende Mutter denkt bereits über einen Fortzug aus der Stadt nach – als letztes Mittel.

Die Sorgen von Uta Julius sind nicht kleiner geworden. Mit ihrem Sohn Lennard wohnt die Fröndenbergerin am Bruayplatz in jenem Haus, in dem sich im Erdgeschoss der Aldi-Markt befindet.

»Unter 800 Euro bekommen Sie keine Wohnung.«
Domenico Di Maio, Mieter

Aldi hat das Gebäude mittlerweile erworben und plant, an etwas versetzter Stelle einen neuen Supermarkt zu errichten: einen modernen Flachbau ohne Wohnungen auf dem Dach.

Vor sieben Monaten schilderte Uta Julius schon einmal ihre fast tägliche Angst vor einer Kündigung des Mietvertrages durch Aldi. Ihr Nachbar Domenico Di Maio hat das Unternehmen im November deswegen schon angeschrieben, um Sicherheit zu bekommen. Antwort Fehlanzeige.

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Aldi-Mieter: „Finden nur Wohnung mit Blick auf Mülltonnen und tanzende Ratten“

Das Haus am Bruayplatz 4 hat Aldi vor einigen Monaten erworben. Die Mieter im Obergeschoss sorgen sich vor einer Kündigung ihrer Wohnung, bevor das Unternehmen das Gebäude für einen Neubau abreißen will. © Marcus Land

Zur Sache

UKBS baut 2020 nicht in Fröndenberg

  • Die UKBS wird 2020 in einigen Städten im Kreisgebiet Bauprojekte realisieren, auch mit einem höheren Anteil an öffentlichen geförderten Wohnungen.
  • Obwohl die UKBS so viele Wohnungen wie nie zuvor bauen will, wird die Unnaer Kreis- Bau- und Siedlungsgesellschaft 2020 in Fröndenberg nicht tätig.
  • Man beschäftige sich zwar mit Projekten in Fröndenberg, die seien allerdings noch zu unkonkret, um über Einzelheiten informieren zu können, sagte auf Anfrage Matthias Fischer, Geschäftsführer der UKBS.
  • Die Verdichtung von bebauten Flächen, die der UKBS bereits gehören, sei nicht möglich, sodass man neue geeignete Flächen erst finden müsse.
  • Die UKBS setze bei Neubauten regelmäßig auf eine Mischfinanzierung, also Eigenkapital, Bankdarlehen und Mittel der staatlichen Wohnungsbauförderung.
  • Werden staatliche Gelder eingesetzt, muss die Miete entsprechend sinken. Die öffentlich geförderte Miete beträgt 5,35 Euro. Die Mieten für frei finanzierte Wohnungen liegen in Fröndenberg je nach Baujahr im Mittel zwischen 4,66 Euro (bis 1949) und 6,43 Euro (ab 2010).
  • 45 Prozent aller Haushalte haben Anspruch auf einen Wohnungsberechtigungsschein, sogar 85 bis 90 Prozent der Senioren. Der Bedarf an öffentlich gefördertem Wohnraum sei also per se sehr hoch, so Matthias Fischer.
  • Die Stadt Fröndenberg hat in den Baugebieten „Am Obsthof“ in Ostbüren sowie „Gosemark II“ in Dellwig auch die Möglichkeit zum Bau von Mehrfamilienhäusern eingeräumt.

Beide Nachbarn schauen sich seit Monaten in der Stadt nach passenden Wohnungen um. Uta Julius hat einen schulpflichtigen Sohn, Domenico Di Maios Ehefrau Amelia ist schwerbehindert. Die beiden sind Rentner.

Die Wohnungen müssen also vor allem eines bieten: Sie sollten möglichst zentral liegen und bezahlbar sein. Ohne Erfolg. „Was bekommt man für sein Geld?“, fragt Uta Julius rhetorisch.

Ehepaar Di Maio fand eine bezahlbare Wohnung – „mit Blick auf Mülltonnen und tanzende Ratten“. Auf dem Mühlenberg gebe es freie Wohnungen, einige stünden seit 2016 leer, hat Uta Julius erfahren, „und das aus gutem Grund“ meint sie vielsagend.

„Unter 800 Euro bekommen Sie keine Wohnung“, sagt Domenico Di Maio. Bei einer gemeinsamen Rente von rund 1700 Euro sei das unbezahlbar.

Im November führten die betroffenen Mieter ein Gespräch mit Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe und Stefan Betzinger, der bei der Stadt für die Immobilienverwaltung zuständig ist.

„Wir Mieter haben resigniert, da wir keinerlei Unterstützung erhalten. Im Gegenteil. Uns wurde gesagt, wir sollten unsere Ansprüche runterfahren und von Zusicherungen seitens Aldi weiß man jetzt auch nichts mehr“, berichtet Uta Julius aus diesem Gespräch.

Dagegen heißt es aus dem Rathaus, man habe Wohnraumbedarf der betroffenen Mieter notiert und zugesagt, den Bewohnern Informationen über passende Leerstände oder Angebote zukommen zu lassen.

„Ein Schwebezustand, der sehr belastend sein dürfte.“
Heinz-Günter Freck, Beigeordneter

Beigeordneter Heinz-Günter Freck räumt ein, dass sich die Mieter „in einem Schwebezustand befinden, der sehr belastend sein dürfte“. Allerdings gehe bei dem Aldi-Neubauprojekt noch sehr viel Zeit ins Land.

Allein das notwendige Bebauungsplanverfahren werde selbst bei einem zügigen Verfahren rund ein Jahr in Anspruch nehmen. Überdies gebe es je nach Dauer der bestehenden Mietverhältnisse sehr lange Kündigungsfristen für Vermieter Aldi.

Zur Sache

Zahl der Sozialwohnungen in Fröndenberg rückläufig

  • Der Bestand an staatlich geförderten Wohnungen ist in Fröndenberg seit 2008 ständig zurückgegangen, weil die Sozialbindung ausgelaufen ist.
  • 2008: 2.551 frei finanziert, 699 preisgebunden, 3.250 gesamt;
  • 2009: 2.599 – 657 – 3.256
  • 2010: 2.773 – 600 – 3.373
  • 2011: 2.793 – 583 – 3.376
  • 2012: 2.807 – 575 – 3.382
  • 2013: 2.829 – 553 – 3.382
  • 2014: 2.837 – 549 – 3.386
  • 2015: 2.860 – 526 – 3.386
  • 2016: 2.970 – 465 – 3.435
  • 2017: 2.984 – 465 – 3.449
  • Die Zahl der Bewilligungen von staatlich geförderten Wohnungen befindet sich seit 2008 auf einem sehr niedrigen Niveau. 2008: 6 Bewilligungen, 66 Baugenehmigungen insgesamt; 2009: 2/15; 2010: 2/18; 2011: 0/17; 2012: 2/22; 2013: 1/48; 2014: 0/34; 2015: 5/55; 2016: 0/29; 2017: 0/23.

Richtig sei hinsichtlich öffentlichen geförderten Wohnungsbaus aber auch, dass es in Fröndenberg in den vergangenen Jahren eine „geringe Bautätigkeit in diesem Bereich“ gegeben habe, so Freck.

Auch Aldi selbst hatte vor einigen Monaten angekündigt, dass der Neubau nicht innerhalb der nächsten zwei Jahre realisiert werde. Jedenfalls werde man aber an den auch der Lokalpolitik vorgestellten Plänen eines Flachbaus ohne Wohnungen festhalten.

Uta Julius ist skeptisch und hat gehört, dass die Mieter im ersten Halbjahr Post bekommen würden. „Vermutlich die Kündigung. In der Zeit suchen wir natürlich weiter. Idealerweise in Fröndenberg, da mein Sohn hier zur Schule geht und seinen Hobbys nachgeht. Aber wirklich Hoffnung haben wir nicht.“

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