Eine Gruppe gelangweilter Lehrer gründete vor 40 Jahren den Verein Kultur für Uns, um sich mit Kultur Kurzweil zu verschaffen. Heute müsste sich der Verein im Grunde umbenennen.

Fröndenberg

, 08.05.2019, 16:03 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Zeiten, als Konzertbesucher sich aus einem alten Kühlschrank das Bier holten und dafür eine Mark in den Aschenbecher legten, sind längst vorbei. Aus Kultur für Uns ist ein Kultur für Alle geworden. Professionalität ist an die Stelle von Improvisation und Geselligkeit getreten. Spielort und Qualität der Künstler sind deutlich aufgewertet. Dennoch blickt KfU-Vorsitzender Frank Schröer auch mit einem weinenden Auge in die Vergangenheit, wenn „sein“ Verein im November 40-jähriges Bestehen feiert.

Gelangweilte Lehrer wollten sich ein Kulturangebot schaffen

„Als die Gesamtschule eröffnet wurde, kamen viele Lehrer nach Fröndenberg. Und denen wurde es schnell langweilig“, schmunzelt Schröer, wenn er an die Anfänge denkt. Die Lehrer wollten Kultur für sich schaffen. „Daher der Name Kultur für Uns“, so Schröer. Damals war er selbst noch gar nicht mit von Partie. Und einen Veranstaltungsort gab es zunächst auch nicht. Unter dem Vorsitz von Ulrich Lange tingelte die handverlesene Gruppe Anfang der 80er Jahre zwischen Wohnzimmern der Mitglieder, Kneipen und Grundschulaulen hin und her und ließ verschiedene, meist eher unbekannte Künstler für Kurzweil sorgen.

40 Jahre Ehrenamt zwischen durstigen Cantus-Musikern und dem Traum vom großen Open-Air-Event

Auch Annelie Richwin-Krause stand einst für KfU auf der Bühne. Die pensionierte GSF-Lehrerin und heutige Presbyteriumsvorsitzende in der Stadtmitte ist kaum wiederzuerkennen. © Udo Hennes

Durstige Cantus-Brutalis-Mitglieder spendieren den ersten richtigen Kühlschrank

Erst als die Stadt 1985 der Truppe einen Pachtvertrag für die ehemalige Sodenkampschule anbot, gab es erstmals einen festen Veranstaltungsort für KfU. „Dort ging alles ein bisschen improvisiert über die Bühne“, erinnert sich Frank Schröer. Letztere war selbst gebaut, die Bestuhlung bestand aus ausrangierten Ratssaal-Stühlen und ein alter, abgewrackter Kühlschrank diente als Bar. „Jedenfalls bis 1994 Cantus Brutalis auftrat“, lacht der heutige Vorsitzende. Denn die Unnaer Cantus-Mitglieder hatten immer gut Durst, sodass noch der eine oder andere private Weinkeller geplündert werden musste, um diesen zu löschen. „Am Ende haben uns Cantus Brutalis ihre Gage für einen neuen Kühlschrank gespendet“, berichtet Schröer mit glänzenden Augen. Die Zeiten waren anders - und er denkt ganz offensichtlich gern an solche Anekdoten zurück.

40 Jahre Ehrenamt zwischen durstigen Cantus-Musikern und dem Traum vom großen Open-Air-Event

Die trinklustigen Mitglieder von Cantus Brutalis kamen gern nach Fröndenberg, nachdem sie KfU die erste „Bar“ spendiert hatten. © Archiv

Mitgliedschaft im handverlesenen KfU-Kreis war eine Ehre

Damals hatte die Geselligkeit eben einen anderen Stellenwert. „Wir haben zusammen gekocht, Ausflüge unternommen und mit den Künstler nach den Konzerten bei Käse und Wein zusammengesessen“, erinnert sich Schröer.

Heute, im dicht gedrängten Musikgeschäft ist das nicht mehr möglich. Doch zurück zur Historie: Frank Schröer selbst war durchaus ein wenig stolz, als er bei seinem zweiten Besuch eines KfU-Konzertes mit seiner Frau Monika angesprochen wurde, ob er nicht Mitglied werden wolle. Damals spielten John Sass und Hans Theessink, erinnert sich Schröer genau. Und die Mitgliedschaft trug man nicht jedem an. „Das musste damals schon passen.“

40 Jahre Ehrenamt zwischen durstigen Cantus-Musikern und dem Traum vom großen Open-Air-Event

Beim Auftritt von Hans Theessink (l.) und John Sass wurde der heutige KfU-Vorsitzende als Vereinsmitglied auserkoren. Ein Glücksgriff, wie sich zeigen sollte. © Udo Hennes

Stadt lässt den ersten Veranstaltungsort abreißen

Das bunte Treiben in der alten Sodenkampschule endete jäh, als die Stadt sich Ende der 90er Jahre entschied, das Gebäude abzureißen und das Grundstück an die Kirchengemeinde St. Marien zu verkaufen, die dort ihr Pfarrzentrum bauen wollte. „Aber man hatte Erbarmen mit uns und bot uns an, das Kettenschmiedemuseum bespielen zu können“, erinnert sich Schröer, der damals schon den Vorsitz von Josette Schwerin übernommen hatte.

40 Jahre Ehrenamt zwischen durstigen Cantus-Musikern und dem Traum vom großen Open-Air-Event

In den Zeiten, als Josette Schwerin noch KfU-Vereinsvorsitzende war, wurde die Geselligkeit groß geschrieben. Heute ist dafür angesichts des prallen Veranstaltungsprogramms keine Zeit mehr. © Udo Hennes

Wise Guys legten Grundstein für fundierte Kulturarbeit

Der heutige Zwischenraum zwischen Kettenschmiedemuseum und Kulturschmiede fasste 80 Gäste. „So viele waren es früher aber meist gar nicht“, sagt Schröer. So hätten zum Beispiel die Wise Guys ihr erstes Konzert außerhalb ihres Heimatortes Köln in Fröndenberg in der ehemaligen Sodenkampschule vor 40 Besuchern gegeben. „Die Wise Guys haben eigentlich mit ihren Auftritten hier den Anstoß für die Entwicklung des Kulturangebotes in Fröndenberg gegeben“, meint Schröer. Die Leute hätten gesehen: Aha, so etwas geht in Fröndenberg. Zum Vergleich: Bei der Abschiedstour der sich auflösenden Band 2017 strömten je 700 Besucher zu den beiden Abschiedskonzerten in Fröndenberg.

40 Jahre Ehrenamt zwischen durstigen Cantus-Musikern und dem Traum vom großen Open-Air-Event

Die Wise Guys 2004 in Fröndenberg: Die A-Cappella-Truppe ließ nach Ansicht des heutigen KfU-Vorsitzenden Frank Schröer die Kulturarbeit in Fröndenberg aufblühen. © Archiv

Bammel vor der großen Aufgabe in der neuen Kulturschmiede

1999 erfolgte also der Umzug in den Himmelmannpark. Der Verein war zufrieden mit dem neuen Quartier in den historischen Mauern und ließ als erste Band die Gruppe „So Far“ aus Köln auftreten. „Als dann aber ein paar Jahre später die Rede davon war, die Kulturschmiede zu bauen mit 180 Sitzplätzen, hatten wir echt Muffensausen“, gesteht Schröer. Doch schon der Testballon, den KfU einen Monat vor der offiziellen Eröffnung der Kulturschmiede im Oktbober 2008 mit Good Wood startete, zeigte: Es funkioniert. Das Konzert war ausverkauft. „Und erstmals kamen auch Mendener, die sonst nie den Weg über die Ruhr gefunden hatten. Das war schon ein cooles Gefühl“, schwärmt Schröer.

40 Jahre Ehrenamt zwischen durstigen Cantus-Musikern und dem Traum vom großen Open-Air-Event

Mit der Band Good Wood aus Menden bestand KfU die Generalprobe in der neuen Kulturschmiede. © Grzelak

Das Kulturangebot wächst, das Vereinsleben schrumpft

Doch mit dem Aufleben der großen Kultur in dem edlen Ambiente der Kulturschmiede ebbte das Vereinsleben immer mehr ab. Anfangs gab es noch Unterstützng durch die VHS, die drei der durchschnittlich zwölf Veranstaltungen im Jahr organisierte. Doch nach drei Jahren drehte die VHS ihrem Mitarbeiter Jürgen Lichte dafür den Geldhahn zu. „Konzerte waren eben keine Bildung“, so Schröer. Seither bleiben Künstler-Akquise, Werbung, Kartenverkauf, Vertragsverhandlungen und, und, und an etwa zwölf Aktiven in den Reihen der 90 KfU-Mitglieder hängen. Der Nachwuchs, der als „Young Generation“ vier Jahre lang eigene Konzerte für Jugendliche organisierte, hat nach Abebben des Interesses mittlerweile wieder aufgegeben.

40 Jahre Ehrenamt zwischen durstigen Cantus-Musikern und dem Traum vom großen Open-Air-Event

Sängerin Joerdis Tilsch war 15 Jahre alt, als sie zum ersten Mal auf Einladung von KfU in Fröndenberg auftrat. Mit ihr plante Frank Schröer ein großes Benefiz-Open-Air im Forum, was jedoch an den Agenten der großen Künstler scheiterte. © privat

Professioneller als ein Verein, aber manchmal doch nicht professionell genug

„Wir sind heute im Grunde ein semiprofessioneller Veranstalter. Die Arbeit hat zugenommen, ebenso die Ansprüche der Gäste. Ein Zurück zu den Impro-Zeiten von einst ginge gar nicht mehr“, meint der KfU-Vorsitzende. Doch auch das hat in seinen Augen Charme. Denn solche großen Projekte wie die mit der Gesamtschule und Elbtonal Percussion oder Cristin Claas sind wohl nur als halbprofessioneller Veranstalter möglich. Dennoch bleibt ein Traum Schröers bisher unerfüllt: ein großes Open-Air in den Forumsmauern. Fast hätte das schon einmal geklappt, nachdem Schröer mit Jördis Tielsch als Botschafterin für das Kinderhospiz, das auch Gregor Myle und Stefanie Heinzmann unterstützen, ein Benefiz-Open-Air in Fröndenberg plante. Doch dafür war KfU dann offensichtlich doch nicht professionell genug. „Die Agenten haben uns das damals nicht zugetraut.“ Aber der Traum bleibt. „Und irgendwann machen wir das nochmal“, versichert der 60 Jahre alte Vorsitzende.

Konzerte zum 40. Geburtstag

Drei Höhepunkte im November

  • Zum 40-jährigen Bestehen im November hat der Verein Kultur für Uns für das Wochenende vom 22. bis 24. November gute Bekannte eingeladen, um mit ihren Auftritten in der Kulturschmiede, Ruhrstraße 12, das runde Bestehen würdig zu feiern.
  • Friend ‘n‘ Fellowbilden mit ihrer Characters Tour am Freitag, 22. November, um 20 Uhr den Auftakt. Constanze Friend und Thomas Fellow gehören zu den Erfindern des Acoustic Soul. Live sind die Beiden eine Offenbarung.
  • UN-music - Highlighted heißt es am Samstag, 23. November, ab 20 Uhr beim zweiten Geburtstagskonzert. Erwartet wird die Crème de la Crème der Unnaer Musikszende, die einen Mix aus ihren legendären Tribute-Programmen zeigt.
  • Zum Abschluss des Geburtstagsreigens sind am Sonntag, 14. November, ab 19 Uhr die Bullemänner zu Gast und haben „Schmacht“. Das 13. Programm von Augustin Upmann, Heinz Weißenberg und Svetlana Svoroba serviert einen Mix aus Comedy, Kabarett, Theater und Musik.
  • Karten zu allen Geburtstagskonzerten kosten jeweils 22,50 Euro und sind erhältlich bei KfU (Mail: karten@kfu-online.de), in den Buchhandlungen Kern (Fröndenberg) und Daub (Menden), in den Rathäusern Fröndenberg und Menden, bei den Geschäftsstellen des Hellweger Anzeigers, im iPunkt Unna und online: www.proticket.de.
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