Werner Koch wurde mit 50 Jahren langzeitarbeitslos. Heute muss der 72-Jährige mit einer kleinen Rente auskommen. Ihm hilft das grüne Rezept. So wie 186 anderen Fröndenbergern auch.

Fröndenberg

, 26.10.2018, 13:47 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Mai 2014 hat das Bündnis für Familie in Kooperation mit der Tafel und vier Fröndenberger Apotheken die Medikamentenhilfe in Fröndenberg eingeführt. Seither steigt die Zahl der Bedürftigen, die den 50-prozentigen Zuschuss zu rezeptfreien Medikamenten in Anspruch nehmen. Finanziert wird das Ganze durch Spenden.

„Eigentlich kann es nicht sein, dass die Gesundheit eines Menschen vom Wohlwollen eines Spenders abhängt.“
Birgit Mescher,
Stabstelle für Gleichstellung, Familie und Senioren

Werner Koch ist einer von 186 Nutzern, die seit der Einführung die Medikamenten-Beihilfe bekommen haben. Knapp 2000 Euro sind seit 2014 ausgezahlt worden für insgesamt 348 Medikamente. Keine große Summe. Doch Menschen wie Werner Koch sind froh über die Hilfe. Der Schwerbehinderte hat Diabetes. Dass er seine Fußsalbe und seine Augentropfen zumindest zur Hälfte finanziert bekommt, hilft im Alltag. „Zum Leben habe ich etwa 400 Euro. Da ist das schon eine gute Unterstützung“, sagt er.

Zahl der Nutzer steigt

Eine Hilfe, die immer mehr Menschen in der Ruhrstadt in Anspruch nehmen. Die Zahl der Nutzer hat sich im Vergleich zum ersten Jahr im fünften Jahr der Medikamentenhilfe bereits mehr als verdreifacht. Waren es im ersten Jahr noch 20 Menschen, so verzeichneten die Apotheken in diesem Jahr bereits 186. Nutzer „Am Anfang waren es eher die älteren Menschen, die diese Hilfe in Anspruch genommen haben. Seit der Flüchtlingswelle sind aber auch viele junge dabei“, sagt Birgit Mescher, die im Rathaus die Stabstelle für Gleichstellung, Familie und Senioren innehat. Der Älteste sei Jahrgang 1935, der Jüngste Jahrgang 2015. Mescher hat die Medikamentenhilfe ins Leben gerufen und rechnet regelmäßig mit den vier teilnehmenden Apotheken ab. Dabei lässt sie sich auch die Altersangaben der Nutzer mitteilen, um Anhaltspunkte zu den Armutsstrukturen in der Ruhrstadt zu bekommen. „Natürlich ist es gut, dass wir den Menschen so helfen“, sagt sie. Doch dann kommt das große Aber: „Eigentlich kann es nicht sein, dass die Gesundheit eines Menschen vom Wohlwollen eines Spenders abhängt.“

Mit Armut sinkt die Lebenserwartung

Mescher verweist auf die Aussage von Dr. Udo Puteanus vom Landeszentrum Gesundheit NRW. Dass die Lebenserwartung der Menschen sozial benachteiligter Schichten um mehr als zehn Jahre niedriger sei als die der Privilegierten, betonte Puteanus jüngst erst bei einer Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention in Lebenswelten. Dort wurde auch auf das Fröndenberger Modell der Medikamentenhilfe hingewiesen. Eines übrigens von bundesweit lediglich acht. Nur in Dülmen, Eisenach, Solingen, Waldbröl, der Stadt München und dem Landkreis München sowie in Stuttgart gibt es weitere Medikamentenhilfen. Laut Puteanus lässt sich aber wegen der fehlenden Dokumentation der ehrenamtlich geführten Hilfen keine Aussage darüber treffen, wie groß die Versorgungslücke tatsächlich ist. Er ist allerdings sicher, dass die Zahl derjenigen, die durch das eng gewebte Netz der sozialen Absicherung fallen, zunimmt. Besonders betroffene Gesellschaftsgruppen: Alte mit geringer Rente, Obdachlose, Privatversicherte, die sich die Beiträge nicht mehr leisten können, Überschuldete und Flüchtlinge.

Mehr Flüchtlinge benötigen Zuschuss zu Medikamenten

Auch in Fröndenberg hat Birgit Mescher beobachtet, dass immer mehr Flüchtlinge die Medikamentenhilfe in Anspruch nehmen. Und zwar dann, wenn sie aus der Gesundheitsfürsorge der Kommune herausfallen und in die Zuständigkeit des Jobcenters wechseln. „Der Migranten-Anteil liegt ungefähr bei 60 Prozent“, weiß Mescher aus der Statistik der Medikamentenhilfe. Mit dem steigenden Anteil der Flüchtlinge habe sich auch die Altersstruktur der Nutzer geändert. „Mittlerweile sind mehr Kinder dabei“, sagt Mescher.

Spenden

Medikamentenhilfe

Das Spendenkonto der Gesundheitshilfe lautet: IBAN DE87 4435 1740 0000 0625 96 bei der Sparkasse Unna/Kamen Verwendungszweck: Gesundheitsfürsorge.

Trotzdem sind immer noch 57 Prozent der Nutzer über 60 Jahre alt. Etwa ein Viertel ist zwischen 30 und 60 Jahre alt, 17 Prozent zwischen 16 und 30 Jahre. Mescher bedauert, dass die Statistik keinen Aufschluss darüber gibt, wie sich die Hilfe auf Männer und Frauen verteilt. „Ich vermute, dass es mehr Frauen sind, die diese Hilfe benötigen“, so Mescher.

Sie vermutet außerdem, dass noch nicht alle Menschen der Zielgruppe von dem Angebot wissen. „Ich werde die Schuldnerberatung auch noch darüber informieren“, sagt sie. Und noch einmal macht die Expertin fürs Soziale deutlich: „Es ist toll, dass es diese ehrenamtliche Unterstützung gibt. Wie bei der Tafel wird so die Not aufgefangen. Und die Politik muss sich nicht mehr kümmern.“

Artikel der Ärzte Zeitung zur Gesundheitsfürsorge

Jetzt lesen

Offiziell nennt sich die Fröndenberger Medikamentenhilfe „Unterstützung bei der Gesundheitsfürsorge Fröndenberger für Fröndenberger“ und funktioniert so: Der Bedürftige beantragt bei der Fröndenberger Ausgabestelle der Tafel Unna einen Tafelausweis. Dies ist donnerstags von 12.30 bis 14 Uhr im Bürgerzentrum Mühlenberg an der Von-Stauffenberg-Straße möglich. Ansprechpartnerin ist Rosemarie vom Orde. Beim Arzt bekommt der Bedürftige ein grünes Rezept auf nicht verschreibungspflichtige Medikamente. Legt er dieses zusammen mit dem Tafelausweis bei den teilnehmenden Fröndenberger Apotheken vor, muss er nur die Hälfte des eigentlichen Preises für das Medikament zahlen. Teilnehmende Apotheken in Fröndenberg sind:
  • Ruhr-Apotheke, Im Stift 14
  • Hubertus-Apotheke, Hauptstraße 33 in Langschede
  • Markt-Apotheke, Karl-Wildschütz-Straße 4
  • Stifts-Apotheke, Alleestraße 1

Die Apotheken rechnen die Mindereinnahmen anschließend mit dem Bündnis für Familie ab, die aus den eingegangenen Spenden die Mindereinnahmen der Apotheken ausgleicht.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Kinder- und Jugendarbeit

Pfarrer aus Fröndenberg und Holzwickede schreiben Bittbrief an Politiker in Unna

Hellweger Anzeiger Erfahrungsbericht zum Welt-Alzheimertag

Per Notlüge durch den Alltag: Leben mit demenziell veränderten Menschen

Hellweger Anzeiger Glosse

Pornostar auf der Fliegenschisskirmes: Erwachsene vergessen im Netz ihre gute Kinderstube

Hellweger Anzeiger Schulfest der GSF

50 Jahre Gesamtschule Fröndenberg: Wie aus sechs Schülern sechs Lehrer an der GSF wurden

Meistgelesen