„Jeder Mensch ist in etwas gut“, sagt Keisa Dedja. Die 18-Jährige musste Familie zurücklassen, um ein neues Leben zu beginnen. Mit Jugendlichen aus drei Ländern tauscht sie sich über Vielfalt aus.

Fröndenberg

, 05.08.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Keisa Dedja lebt inzwischen seit vier Jahren in Deutschland – nur mit ihrer Schwester. Ihr Vater ist freiwillig nach Albanien zurückgegangen, das als sicheres Herkunftsland gilt. Getrennt sein von der Familie, „schön ist das nicht“, sagt die 18-Jährige. Doch sie blick nach vorne. Deutschland sollte ihr bessere Chancen für die Zukunft bieten – und die nutzt sie Tag für Tag.

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Sie hat die deutsche Sprache gelernt, die Gesamtschule in Fröndenberg bis zur 10. Klasse besucht. Inzwischen macht sie eine Ausbildung zur Kinderpflegerin. Und wenn sie damit ihr Fachabitur in der Tasche hat, soll es weiter gehen an die Uni – für ein Studium der Sozialpädagogik.

15 Jugendliche aus NRW wurden für den Gipfel in Duisburg ausgewählt

Die 18-Jährige Fröndenbergerin ist eine von 15 Jugendlichen aus NRW, die ab Sonntag, 18. August, auf Einladung der Landesregierung am 18. Internationalen Jugendgipfel im Rahmen des Regionalen Weimarer Dreiecks teilnehmen. Organisiert wird der Jugendgipfel vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund.

Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk

  • Grenzen überwinden – dieser Leitgedanke ist für das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) Vision und Lösungsmodell, Ziel und Mittel seiner Arbeit.
  • Weiterbildung und internationale Begegnungen sind seit 1986 Markenzeichen des IBB in Dortmund.
  • Das IBB ist zertifizierter Träger der Erwachsenenbildung und der politischen Bildung sowie anerkannter Träger der Jugendhilfe.
  • Das IBB Dortmund betreibt zusammen mit belarussischen Partnern die Internationale Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ in Minsk.

In Duisburg trifft die NRW-Gruppe 30 Gleichaltrige aus den Regionen Schlesien in Polen und Hauts-de-France in Frankreich. Im Idealfall nimmt jeder Jugendliche dreimal am Gipfel teil, der immer abwechselnd in Deutschland, Frankreich oder Polen läuft.

„Ich freue mich voll auf die Woche“, sagt Keisa Dedja. Über die Start-Stiftung, die sie auf ihrem Weg in Deutschland begleitet, ist sie auf das Angebot aufmerksam geworden. Voraussetzung: Die Jugendlichen sollten mehrere Sprachen sprechen – und in einem Motivationsschreiben formulieren, warum sie sich für den Jugendgipfel und seine Themen interessieren.

„Gelebte Vielfalt – Engagement für sozialen Zusammenhalt“ steht auf der Tagesordnung

Dieses Jahr dreht sich alles um das Thema Gelebte Vielfalt – Engagement für sozialen Zusammenhalt. „Eigentlich habe ich mich früher gar nicht so sehr für Politik interessiert“, gibt die 18-Jährige zu und lächelt. Doch ihre Biografie hat sie gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Inzwischen versucht die Auszubildende, so viel wie möglich über die Politik in unterschiedlichen Ländern zu erfahren. Über Politik in Deutschland und Albanien ganz speziell. Auch um zu verstehen, warum sie hier und nicht mehr in Südosteuropa lebt.

18. Jugendgipfel in NRW: Auszubildende aus Fröndenberg mit dabei

Keisa Dedja ist vor vier Jahren aus Albanien nach Deutschland gekommen. Sie hat die GSF besucht, macht eine Ausbildung zur Kinderpflegerin und möchte studieren. © Hornung

Neben der Ausbildung arbeitet Kesia Dedja im Treffpunkt Windmühle. „Dort möchte ich jetzt ein Projekt mit Kindern machen“, erzählt sie. Einen Workshop, in dem Kinder spielerisch an Politik herangeführt werden. „Mir ist aufgefallen, dass die Jugendlichen in diesem Bereich oft nicht viel Ahnung haben“, sagt die 18-Jährige. „Das ist schlecht“, findet sie. Bei ihr selbst sei es ja ähnlich gewesen. Und daran möchte sie etwas ändern.

Politik sollte in der Schule einen größeren Stellenwert haben und praktischer werden

In der Schule müsste Politik eigentlich einen noch größeren Stellenwert bekommen, wünscht sich Keisa Dedja. Der Unterricht könnte allerdings – gerade für die noch jüngeren Schülerinnen und Schüler – ansprechender gestaltet werden. Zum Beispiel mit einer Projektwoche, regt die 18-Jährige an. Auf jeden Fall praktischer – und nicht mit so viel Theorie, die dann irgendwann nur noch langweile.

„In Albanien gibt es nicht so viel Vielfalt.“
Keisa Dedja, Auszubildende

Zur Vorbereitung auf den Jugendgipfel hatte sich die Gruppe der NRW-Jugendlichen bereits am Mittwoch, 10. Juli, in Dortmund getroffen, Informationen über gelebte und bedrohte Vielfalt in ihren Heimatstädten ausgetauscht und die internationale Ausstellung „Der Alt-RightKomplex – Über Rechtspopulismus im Netz“ im Dortmunder U besucht.

Keisa Dedja beobachtet, dass es in Deutschland mehr Vielfalt als in anderen Ländern gibt

„In Albanien gibt es nicht so viel Vielfalt“, sagt Keisa Dedja, die begeistert ist, dass hier so viele unterschiedliche Menschen zusammenleben. „Das Geben und Nehmen hat mich sehr verändert.“ Im Kleinen wie im Großen: Wenn die Menschen zusammenhalten, sich auf die anderen einlassen, habe man gemeinsam mehr Ideen und kann mehr erreichen, ist die junge Frau überzeugt.

Mit offenem und direktem Rassismus sei sie zum Glück kaum konfrontiert worden. Wenn sie kritisiert wird, zum Beispiel für ihre Aussprache, nimmt Keisa Dedja das positiv auf. In ihrer Ausbildung erlebt die Fröndenbergerin aktuell eher eine Form von Neid: Und das kann sie nicht verstehen. Die Mitschülerinnen beäugen ihre Noten missgünstig, weil sie selber nicht so gut in der Schule sind.

Unterschiede zwischen den Menschen sollten eine geringere Bedeutung haben

Aber das sei doch vollkommen Quatsch: „Dafür können sie andere Sachen bestimmt besser“, sagt Dedja. „Jeder hat etwas, in dem er gut ist“, sagt sie. Insofern seien Unterschiede ganz normal – und eben nicht wichtig. Das gelte übrigens nicht nur für Unterschiede zwischen Ausländern und Deutschen. Auch zwischen Armen und Reichen, Männern und Frauen, in so vielen Bereichen. . .

ln Duisburg werden die Jugendlichen solche Themen vertiefen: Referenten des Projekts Love-Storm, des Dortmunder Respekt Büros und des Grimme-Instituts sind angefragt. Exkursionen führen zum Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und zum Planerladen Dortmund, der mit Workshops und Trainings Zivilcourage stärkt. Zur Diskussion über Formen und Grenzen des Engagements werden Vertreterinnen und Vertreter der Fridays-for-future-Bewegung und von Engagement Global in Duisburg erwartet.

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Jugendliche präsentieren ihre Ergebnisse in der Düsseldorfer Staatskanzelei

Ihre Ergebnisse präsentieren die Jugendlichen aus Polen, Frankreich und Deutschland am Freitag, 24. August, in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Dort werden sie von Politikerinnen und Politikern aus den Regionen Schlesien, Nordrhein-Westfalen und Hauts-de-France empfangen.

Das Weimarer Dreieck, aus dem der Jugendgipfel als ein geschätztes, nachhaltiges Ergebnis hervorgegangen ist, wurde 1991 von den Außenministern Frankreichs, Polens und Deutschlands gegründet, um die europäische Achse zu festigen. Die Jugendgipfel im Regionalen Weimarer Dreieck werden seit 2001 jährlich ausgerichtet von den drei Partnerregionen Nordrhein-Westfalen, Schlesien und Hauts-de-France (vor der Fusion mit der Region Picardie 2016 war dies die Region Nord-Pas de Calais). Die Begegnungen schaffen grenzüberschreitende Kontakte zwischen den jungen Menschen aus den drei ehemaligen Bergbauregionen. In diesem Jahr ist Nordrhein-Westfalen Gastgeber der internationalen Jugendbegegnung. Bisher haben rund 900 Jugendliche an dem Jugendaustausch teilgenommen.
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