Afrikanischer Schutzheiliger Fröndenbergs: Mauritius mutiert im Internet zum weißen Mann

dzRassismus-Debatte

Dunkelhäutig ist der Heilige Mauritius, Schutzheiliger der Stadt Fröndenberg. Im Internet, speziell auf Ebay, mutiert der Afrikaner zum weißen Mann. Zum blonden Krieger machten ihn auch die Nazis.

Fröndenberg

, 15.06.2020, 17:51 Uhr / Lesedauer: 2 min

Rassisten machten einst den dunkelhäutigen Afrikaner Mauritius zum Schutzpatron der Stadt. Dessen schwarze Hautfarbe passte nicht in ihre Gesinnungswelt. Der Heilige der katholischen Kirche wurde ein Arier und noch heute zeigt er bisweilen Züge eines weißen Mannes.

»Man hat ihn arisiert.«
Stadtarchivar Jochen von Nathusius

Die Rassismus-Debatte ist nach Polizeigewalt in den USA auch hierzulande angekommen. Geblasen wird zum Sturm auf Denkmäler für echte oder vermeintliche Rassisten. Auch die Darstellung von Fröndenbergs Schutzpatron ist bis heute nicht ganz frei von Respektlosigkeit.

Die Geschichte des Fröndenberger Stadtwappens beginnt im Jahr 1937. Die damalige Landgemeinde behilft sich bis dahin auf amtlichen Schreiben mit dem Löwen-Siegel, das noch heute als Wappen des Kreises Unna bekannt ist.

Das Stadtwappen auf der Fahne zeigt das gültige Hoheitszeichen der Stadt Fröndenberg.

Das Stadtwappen auf der Fahne zeigt das gültige Hoheitszeichen der Stadt Fröndenberg. © Archiv/Udo Hennes

Nahe liegend war durchaus, den Heiligen Mauritius, Schutzpatron der Kloster- und heutigen Stiftskirche, für das städtische Wappen auszuwählen. Was den Nazis weniger gefiel: Mauritius stammte vermutlich aus Theben in Ägypten und hatte einen dunklen Teint.

„Man hat ihn arisiert“, weiß Stadtarchivar Jochen von Nathusius. Mauritius verlor sein schwarzes Antlitz. Über dem märkischen silber-roten Schachbalken setzte der Heraldiker einen „blonden Krieger“ mit heller Hautfarbe.

Die Mauritius-Figur in der Stiftskirche zeigt erkennbar den dunkelhäutigen Afrikaner, der im 13. Jahrhundert nach der Jungfrau Maria zum zweiten Schutzpatron der damaligen Kloster- und heutigen Stiftskirche gemacht worden war.

Die Mauritius-Figur in der Stiftskirche zeigt erkennbar den dunkelhäutigen Afrikaner, der im 13. Jahrhundert nach der Jungfrau Maria zum zweiten Schutzpatron der damaligen Kloster- und heutigen Stiftskirche gemacht worden war. © Marcel Drawe

Seine Statur mit dem Schutzhelm war dennoch auffallend an die heute wohl älteste figürliche Darstellung von Mauritius im Magdeburger Dom angelehnt. Im Hochmittelalter war Mauritius - der Legende nach im Römischen Reich Kommandeur einer Legion christlicher Männer - zum Reichsheiligen und Schutzpatron des Reichsheeres gemacht worden.

Stadtwappen erhält Fröndenberg zu Hitlers Geburtstag

Besonders im kurkölnischen Raum spielte der Heilige frühzeitig eine bedeutende Rolle. Im märkischen Fröndenberg ist der katholische Heilige eigentlich eine Ausnahmeerscheinung, dessen Schutzpatronat für die frühere Klosterkirche dem Erzbischof von Köln zu verdanken ist.

Nachdem zu Hitlers Geburtstag am 20. April 1937 das Stadtwappen offiziell in Fröndenberg eingeführt worden war, musste sich nach Untergang des NS-Staates der Gemeinderat etwas einfallen lassen.

Auf den Uniformen der Freiwillige Feuerwehr Fröndenberg ist der Heilige Mauritius ebenfalls erkennbar dunkelhäutig dargestellt.

Auf den Uniformen der Freiwillige Feuerwehr Fröndenberg ist der Heilige Mauritius ebenfalls erkennbar dunkelhäutig dargestellt. © privat

Erstmals stellte man ab 1949 Mauritius auch im Stadtwappen als Farbigen dar oder eben als „Mohr“, wie man damals noch unbefangen zu sagen pflegte. Auf dem offiziellen Wappen, das als ihr Hoheitszeichen nur die Stadt und ihre Gliederungen nutzen dürfen, ist das dunkle Antlitz auch erkennbar.

Die große Nachfrage nach privater Nutzung des Stadtwappens führte allerdings dazu, dass Mauritius heute wieder vielfach als hellhäutiger Ritter daherkommt. Als sogenanntes Wappenzeichen stellt die Stadt das Emblem zum Download im Internet zur Verfügung.

Dieses bei Ebay käuflich zu erwerbende Wappen zeigt im Grunde das Hoheitszeichen der Stadt Fröndenberg - allerdings ergänzt um die Nationalfarben, die es im Stadtwappen nicht gibt. Die blau eingefärbte Rüstung und das hellhäutige Gesicht des Mauritius entsprechen ebenfalls nicht dem Original. Das Wappen mit gelber Spitze ist nur für den offiziellen Gebrauch durch die Stadt Fröndenberg zugelassen.

Dieses bei Ebay käuflich zu erwerbende Wappen zeigt im Grunde das Hoheitszeichen der Stadt Fröndenberg - allerdings ergänzt um die Nationalfarben, die es im Stadtwappen nicht gibt. Die blau eingefärbte Rüstung und das hellhäutige Gesicht des Mauritius entsprechen ebenfalls nicht dem Original. Das Wappen mit gelber Spitze ist nur für den offiziellen Gebrauch durch die Stadt Fröndenberg zugelassen. © Marcus Land

Der Heilige Mauritius auf Fahnen und Wappen, die bei Ebay käuflich zu erwerben sind, entspricht nicht dem Originalbild. Der Stadtpatron müsste mit dunkler Hautfarbe abgebildet werden.

Der Heilige Mauritius auf Fahnen und Wappen, die bei Ebay käuflich zu erwerben sind, entspricht nicht dem Originalbild. Der Stadtpatron müsste mit dunkler Hautfarbe abgebildet werden. © Marcus Land

Zur Sache

Heiligenschein kam erst nach 1949 auf das Haupt

  • Die Bedeutsamkeit eines aus Afrika stammenden Heiligen lässt sich auch daran ablesen, dass die Figur des Mauritius im Magdeburger Dom wohl die erste bildliche Darstellung eines Schwarzen nördlich der Alpen gewesen ist, was in Mitteleuropa um 1250 für Aufsehen sorgte.
  • Aus dem lateinischen Namen Mauritius, deutsch Moritz, ist im Alltagssprachgebrauch die geschliffene Kurzform Mohr entstanden. Es wird daher auch die Auffassung vertreten, dass der Heilige Mauritius allein aufgrund seines Namens als Mohr gesehen worden ist.
  • Mauritius (erstmals in einer Urkunde von 1263 belegt) wurde das Zweitpatrozinium der Fröndenberger Klosterkirche, die zuerst unter dem Schutz der Heiligen Jungfrau Maria stand, übertragen. Symbolisiert werden sollte der Machtanspruch des Erbischofs von Köln gegen die Märkischen Grafen.
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte der kriegerische Stadtpatron mit der Lanze nach dem Willen des Gemeinderates eigentlich weichen, wie es angeblich auch die Militärregierung gefordert habe.
  • Erst nach einer Stellungnahme des Staatsarchivs Münster und des Landeskonservators änderte der Gemeinderat seine Meinung und am 10. März 1949 wurde das Wappen durch das Innenministerium des Landes NRW wieder zugelassen.
  • Erst dann wurde neben der erstmaligen Darstellung als „Mohr“ der Kopf des Märtyrers auch mit einem stilisierten Heiligenschein versehen.

Zur Unterscheidbarkeit zwischen der offiziellen Nutzung und dem privaten Gebrauch sind einige Merkmale im Wappenzeichen verändert worden: Der Schachbalken ist größer, der Hintergrund zweifarbig.

Hellhäutiger Mauritius verbreitet sich in Webshops

Und das Gesicht des Heiligen eben auch deutlich hellhäutig. Wohl nur aus dem Grund, um das private Wappenzeichen möglichst deutlich vom Stadtwappen angrenzen zu können, wie Jochen von Nathusius vermutet.

Der kostenlose und genehmigungsfreie Download hat offenbar zu einem lukrativen Geschäftsmodell geführt: In Webshops im Internet verbreitet sich eben jenes Wappenzeichen mit dem hellhäutigen Mauritius inflationär.

Herkunft und Historie des Schutzpatrons der Stiftskirche und der Stadt werden damit vollkommen ausgeblendet: Statt des Afrikaners aus Theben ist ein weißer Ritter Symbolfigur der Stadt Fröndenberg.

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