Zwillingsmama Julia (38): Nicht immer rundum glücklich sondern „dankbar für das Chaos“

dzEltern-Kolumne „Doppelkinder“

Leben mit Kindern? Das ist turbulent, insbesondere wenn die Kinder Zwillinge sind. Wenn man auf den Wäscheberg steigt und die Aussicht genießt, ist es aber vor allem eins: Schön, weiß Julia.

Dortmund

, 24.11.2018, 15:48 Uhr / Lesedauer: 2 min

Und jetzt“, dachte ich mir, „jetzt bekommen wir ein Kind!“ Ich hielt das für eine fantastische Idee. Der Mann und ich waren verheiratet, ich war mit 34 immerhin noch nicht Mitte 30, dafür aber festangestellte Nachrichtenredakteurin und alle für Elternschaft zuständigen Hormone brüllten: „Can we kick it?! – Yes, we can!!!“

Diese hinterlistigen Miststücke, ich folgte ihrer Euphorie allzu gern. Wo war ihre Energie eigentlich ein Jahr später, als ich nach nur zwei Stunden Schlaf morgens quer über eine Straßenkreuzung hinweg die Autofahrerin beleidigte, die meinem Zwillingskinderwagen mit ihrem SUV zu nahe gekommen war?

Skeptischer Blick

Der „Und jetzt“-Moment liegt vier Jahre zurück. Mein Mann – „der Mann“, wie ich ihn und seine zehn Hauptrollen in meinem Leben liebevoll-spröde zu bezeichnen pflege, blickte mich skeptisch an. Etwa so wie zu dem Zeitpunkt, als ich es für eine gute Idee hielt, alsbald nach Uganda auszuwandern, um dort den Armen und Waisen zu helfen. Wir sind nicht ausgewandert, Mama werden wollte ich trotzdem.

UNSERE KOLUMNE „DOPPELKINDER“

AUS DEM LEBEN EINER ZWILLINGSMAMA

In unserer Eltern-Kolumne berichtet Julia Scharnowski jeden zweiten Sonntag aus ihrem Alltag, den sie mit Ehemann und Zwillingssöhnen in Dortmund erlebt. Sie schreibt darüber regelmäßig auf ihrem Blog „Doppelkinder“ und bei Instagram.

„Und wenn wir Zwillinge bekommen?“, fragte mich der Angetraute. Er ist immer so bedacht, ohne ihn hätte ich vermutlich schon sieben herrenlose Katzen adoptiert und drei tragende Wände in unserer Wohnung eingerissen, um spontan den Energiefluss unseres Heims zu erhöhen. „Zwillinge?“, frage ich, „wer bekommt denn schon Zwillinge?“ Wenige Monate später wusste ich: wir!

Dankbar für das Chaos

Wenn ich heute an die Sekunden zurückdenke, in denen ich dachte, das Ultraschallgerät sei defekt, weil es doppelte Besatzung in meinem Bauch anzeigte, lache ich. Und bin über alle Maße dankbar für das Chaos, das vor drei Jahren bei uns eingezogen ist. Es gibt nichts Grandioseres, als Mama zu sein – auch wenn es Momente gibt, in denen die Dankbarkeit unter Schmutzwäsche begraben ist und die beiden mich um den Verstand bringen. Aber wer braucht schon Verstand?

Es war auch keine Verstandesentscheidung, über meine Schwangerschaft zu bloggen. Ich saß im dritten Monat am Küchentisch. Auf den Knien balancierte ich einen Teller mit einem Stück Käsekuchen von der Größe Helgolands. Der Kuchen war noch halbgefroren, weil ich ihn von hormonverseuchtem Appetit getrieben nur kurz auf der Heizung hatte auftauen lassen – niemand hat behauptet, dass die Geburtsstunde meines Blogs ein glamouröser Moment war!

Seltsame Essgewohnheiten

Vor mir lag unsere Küche in Trümmern, weil Handwerker aufgrund eines Rohrbruchs die Wand aufgestemmt hatten. Seit wenigen Tagen wusste ich, dass zwei zukünftige Menschen dafür verantwortlich waren, dass mir seit Wochen unfassbar übel war und ich in den seltenen Augenblicken der Erleichterung Unmengen seltsamer Dinge wie gebrannte Mandeln oder Salzbrezeln mit Honig-Senf-Geschmack in mich hineinstopfte.

Ich tat, was ich immer schon getan hatte, wenn das Leben zu absurd wurde: Ich schrieb. Über meine Fehlgeburt, die kaum vier Monate zurücklag, über meine Erschöpfung, meine Übelkeit und darüber, dass ich mich nicht so rosa-glitzernd fühlte wie die Otto-Normal-Schwangere – wenn man der einschlägigen Literatur und der Werbeindustrie glauben möchte. Ich klickte auf „veröffentlichen“.

Der Lüge etwas entgegensetzen

Warum? Ich machte mir Luft. Ich setzte der Lüge von der rundum glücklichen werdenden Mutter etwas entgegen. Ich wollte, dass Schwangere, denen es ähnlich geht wie mir, bei ihrer Suche im Netz auf eine Verbündete stoßen, die die ungeschönte Wahrheit spricht. Meine Wahrheit.

Die Zwerge, die mein Leben schon damals auf den Kopf gestellt haben, liefern mir weiterhin täglich Stoff für Geschichten. Vom Schönen, vom Scheitern und vom Weitermachen. Sie kosten mich oft mehr Kraft und Nerven als ich habe. Das ist gut so, so wachse ich über mich hinaus. Und ich lerne, dass man nicht jeden Tag mit gewaschenen Haare und sauberer Bluse das Haus verlassen muss.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Soziale Medien

Witzige Bildchen und Sprüche über die Stadt: Diese Instagram-Seite postet Dortmund-Memes

Hellweger Anzeiger Steigerlied als Weltkulturerbe

Glück auf! Dortmunder singen das Steigerlied - wie textsicher sind sie? (Mit Video)

Hellweger Anzeiger Nach der Götze-Pizza

Neue Promi-Pizza bei „60 Seconds to Napoli“: Götze-Nachfolgerin hat ein Millionen-Publikum