Zum Mitnehmen: Dortmunds Schätzchen vom Gehwegrand

dzTrödel zu verschenken

Bücher, Geschirr, Stühle oder die alte Couch: Ausrangierte Gegenstände und Hausrat „zum Verschenken“ vor die Tür zu stellen, liegt voll im Trend. Dabei ist es eigentlich gar nicht erlaubt.

Dortmund

, 30.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Jürgen Bertemann stutzt. Er ist auf dem Weg in die City, als er in einem Hauseingang an der Chemnitzer Straße einen kleinen Karton mit Äpfeln sieht. Dahinter ein Blatt Papier mit der Aufschrift „Öko-Äpfel zum Mitnehmen“. Der 71-Jährige bückt sich, pickt sich einen Apfel heraus und steckt ihn als Marschverpflegung ein. „Ab und zu guck ich, was das Angebot am Wegesrand hergibt, aber eher selten“, schildert Bertemann. „Ich bin umgekehrt froh, wenn ich Sachen aus meiner Wohnung rausbekomme“, sagt er und setzt seinen Weg fort.

"Die Leute greifen wirklich zu"

Die Apfelspenderin hat er nicht kennengelernt. Schließlich steht Christel Brockhaus (76) ja auch nicht hinter der Gardine und beobachtet, welche Fußgänger sich aus ihrem Karton bedienen. Es sei ungefähr das zehnte Mal, dass sie Äpfel „für umsonst“ vor die Haustür gelegt hat. „Es läuft gut“, sagt Frau Brockhaus, „die Leute greifen wirklich zu.“

Zum Mitnehmen: Dortmunds Schätzchen vom Gehwegrand

Christel Brockhaus legt für Fußgänger regelmäßig Äpfel aus ihrem Garten vor ihre Haustür.

Die Äpfel, Fallobst, stammen vom rund 60 Jahre alten Baum aus dem Garten hinterm Haus. Und Frau Brockhaus findet, „dass sie trotz ihrer braunen Stellen zum Wegwerfen einfach zu schade sind. „Zum Wegwerfen zu schade“ - so denken immer mehr Bürger. Im Internet oder auf dem Flohmarkt anbieten? Zu umständlich. Trend ist, die Schätzchen von gestern einfach vors Haus zu stellen. In der Hoffnung, dass sie irgendjemand gebrauchen kann und man das Zeug so auf bequeme Art los wird. Dass jemand Obst vor die Haustür legt, ist die Ausnahme.

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Noch zu gebrauchen? Viel zu "wühlen" gab es eher nicht bei der "Auslegeware" an der Chemnitzer Straße. Die Katze war nicht im Angebot enthalten.

In fast allen Fällen sind es Gebrauchsgegenstände, die einfach nur weg sollen. Wer bei gutem Wetter durch das Saarlandstraßen-, das Klinik- und das Kreuzviertel marschiert, kann sehen, was auf Gehwegen, Mauervorsprüngen und vor Hauseingängen alles landet: Bücher, Wasserkocher und Schnapspinnchen. Teller, Weingläser, teilweise sogar ganze Essbestecke, mehr oder weniger gut erhalten und mit dem Hinweis versehen: „Zu verschenken“. Es bleibt aber nicht immer bei kleineren Dingen: Hier und da finden sich Stühle, eine ausrangierte Couch, ein Wohnzimmerspiegel oder ein Fitnessgerät in Form eines „Steppers“. Alles kein Problem?

Sperrmüll wird zum Problem

Das kommt drauf an, sagt die Stadt. „Wenn eine Kiste mit drei Büchern am Gehwegrand steht, ist das noch undramatisch“, meint Verwaltungssprecher Maximilian Löchter. Der Spaß hört aber auf, wenn jemand seine Couch, seinen Kühlschrank oder die ganze Wohnzimmergarnitur „zum Mitnehmen“ vors Haus stellt. In solchen Fällen macht sich der „Schenkende“ verdächtig, dass er lediglich seinen Sperrmüll loswerden wolle. „Und das ist dann sehr wohl ein Problem“, sagt Loechter.

Zum Mitnehmen: Dortmunds Schätzchen vom Gehwegrand

Ausgemustert: So sah das Angebot an der Liebigstraße aus.

Sperrmüll dürfe nur gelagert werden, wenn dessen Abtransport zuvor beauftragt und organisiert worden sei. Kommt hinzu: Wer einen Teil des öffentlichen Gehwegs zu einer „Geschenke-Station“ umwandelt, nutzt den Weg in besonderer Art. Deshalb muss er sich beim Ordnungsamt eine Sondererlaubnis besorgen und die fragliche Stellfläche für eine Gebühr anmieten. Wer's ohne Sondererlaubnis macht und erwischt wird, kann sich schnell ein Bußgeld einhandeln. Nach dem "Bußgeldkatalog Umwelt" des Landes NRW können für einzelne, kleinere Gegenstände wie einen Stuhl oder einen Korb 50 bis 150 Euro fällig werden. Bei größeren Gegenständen wie einer Kommode oder einem Kühlschrank steigt der Betrag auf 100 bis 300 Euro.

Trödel als Stolperfalle

Und wenn der Trödel nicht im öffentlichen Raum angeboten wird? Sondern auf dem Grundstück des Vermieters? „Bei kleineren Gegenständen wie Büchern dürfte das kein Problem sein“, sagt Regine Stoerring von Dogewo21. Bei größeren dagegen schon. Als Vermieter habe Dogewo21 auf eigenen Grundstücken eine Verkehrssicherungspflicht, gibt Stoerring zu bedenken. „Für ältere Mieter können solche Gegenstände schnell zu Stolperfallen werden.“ Überdies sei damit zu rechnen, dass manche Zeitgenossen ausrangierten Trödel als Einladung betrachten, ihre eigenen Gegenstände (oder gar echten Abfall) dazuzustellen.

Bücherregale für Mieter

Sperriges Zeug ist auch beim Spar- und Bauverein perdu. Für kleine Dinge wie Bücher, CD oder DVD hat die Wohnungsgenossenschaft bereits vor Jahren begonnen, Holzvitrinen in Wohnquartieren aufzustellen, etwa an der Heinrichstraße in der westlichen Innenstadt.

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Organisierter Buchhandel: In der Heinrichstraße hat der Spar- und Bauverein eine Vitrine aufgestellt, in die Mieter ihre nicht mehr benötigten Bücher für die Nachbarn verstauen können.

Die Schränke, von denen es eine Handvoll gibt, seien nicht verschlossen und von jedem nutzbar, sagt Timo Lammert vom Spar- und Bauverein „Wer möchte, nimmt sich ein Buch heraus oder legt eins rein, völlig umsonst.“ Das Angebot werde rege genutzt und solle daher ausgebaut werden. Lammert: „So sind die Gegenstände sicher aufgehoben und landen am Ende nicht auf der Straße.“

Schallplatten von anno dazumal

Echte Raritäten ließen sich zwischen angeschlagenen Blümchentassen, alten Schmökern oder ausrangierten Videokassetten ohnehin kaum noch finden, klagt ein erfahrener Sammler aus dem Kreuzviertel, der namentlich nicht genannt sein möchte. Seine bislang größte Beute hat er vor Jahren gemacht, als er auf einen Schlag sämtliche Alben von Pink Floyd vom Gehweg fischte. Schallplatten also. Auch wenn der Klang auf dem Plattenspieler "schon sehr speziell" sei. So etwas gebe es eigentlich gar nicht mehr. „Heutzutage findet man Ronny's Popshow und die Hits von Formel Eins“, sagt er. „Die Qualität ist echt gesunken.“

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Zum Wegwerfen zu schade: Ein Sammler aus dem Kreuzviertel hat sich über die Jahre alle möglichen Schallplatten vom Gehwegrand zusammengeklaubt.

Mit den Öko-Äpfeln von Christel Brockhaus an der Chemnitzer Straße sieht das anders aus. Rund 20 Stück hatte sie morgens in den Karton gelegt. Am frühen Abend, sagt die Rentnerin, sei kein einziger Apfel mehr da gewesen. „Und der Karton war auch weg."

Wer Sperrmüll loswerden möchte, kann sich mit der Entsorgung Dortmund (EDG) unter der Rufnummer 91 11 11 1 in Verbindung setzen. Die EDG weist darauf hin, dass der Sperrmüll erst kurz vor dem Abtransport vors Haus gestellt werden sollte. Im anderen Fall sollte der Sperrmüll so gelagert werden, dass Dritte möglichst keinen Zugriff haben. Gut erhaltene Möbel nimmt die Möbelbörse der EDG entgegen. Die EDG bittet die Bürger, sich vor Abgabe einer Spende unter 91 11 74 5 oder unter 91 11 20 5 mit der Möbelbörse in Verbindung zu setzen.
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