Wie Marlene Dietrich einem KZ-Häftling half, zu überleben

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Wie überlebt man 14 Monate Isolier- und Dunkelhaft unter den Nazis, ohne verrückt zu werden? Heinz-Dietrich Feldheim hat es mit Gedichten oder Rechnen versucht - und mit Marlene Dietrich.

Dortmund

, 11.11.2018, 04:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Einmal im Leben Marlene Dietrich sehen. Dieser Gedanke war immer im Kopf des jungen Heinz Dietrich Feldheim in diesen 14 Monaten in Isolations- und Dunkelhaft im Konzentrationslager Dachau. Immer wieder stellt er sich vor, was er tun wird, sollte er hier jemals wieder raus kommen. Auf eine grüne Wiese gehen, „Sonnenstrahlen einatmen“, die Familie umarmen - und Marlene Dietrich sehen, nur einmal.

Wie Marlene Dietrich einem KZ-Häftling half, zu überleben

Heinz Dietrich Feldheim in jungen Jahren © Repro Linnhoff

Der Dortmunder Heinz Dietrich Feldheim überlebt das Konzentrationslager und die Nazi-Diaktatur. Und schreibt Marlene Dietrich: Dieser Frau, die ihn in all den Monaten nicht hat aufgeben lassen. „Marlene Dietrich hat mir das Leben gerettet“.

Mehr als 100 Briefe sind ein einzigartiges Dokument der Zeitgeschichte

So wird er es Jahrzehnte später Hans-Jürgen Zacher erzählen. Der hat jetzt ein Buch über Heinz Dietrich Feldheim herausgebracht: „Marlenes Bilder - Das Vermächtnis eines Häftlings“. Mehr als 100 Briefe hat Feldheim seit den 1980-er Jahren an Zacher geschrieben. Mehrfach haben sie sich getroffen.

Wie Marlene Dietrich einem KZ-Häftling half, zu überleben

Hans-Jürgen Zacher: Er hat ein Buch lebendiger Zeitgeschichte geschrieben. © Felix Guth

Zacher hat sein Leben und berufliches Schaffen dem christlich-jüdischen Dialog gewidmet. Und er tut es noch. Dafür hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten. In den 80-er Jahren ist er auf der Suche nach Zeugen jener Zeit, und hört im Rahmen seiner geplante Doktorarbeit das erste Mal von Feldheim. Nicht im Traum hat er daran gedacht, was daraus werden würde. Schon gar nicht, dass er ein Buch über den Mann schreiben würde, den er heute als „Freund“ bezeichnet.

Die besondere Geschichte einer Herrenhandtasche

Wenn er von seinem letzten Treffen mit Feldheim erzählt, den die Nazis am 26. Juni 1936 in einem Café in Werl verhafteten, dann berührt ihn das noch heute unübersehbar. 1993 war das. Er wolle ihn auf einen Kaffee einladen, habe Feldheim gesagt, erzählt Zacher. Er hat die Szene noch immer deutlich vor Augen, weiß fast noch jedes Wort. Vor allem auch deshalb: „Feldheim hatte immer eine Tasche am Handgelenk. Ich hatte mich angeboten, ihm diese abzunehmen, weil er die Toilette aufsuchen wollte. Aber er hat es nicht getan.“

Dr. Heinz Dietrich Feldheim wurde am 30. Mai 1908 in Dortmund geboren und ist auch hier aufgewachsen. Ursprünglich wollte er Lehrer werden, was ihm aber wegen seines jüdischen Glaubens verwehrt wurde. Zum Verhängnis wurde ihm, dass er sich nach der Machtübernahme Hitlers im Hinterzimmer einer Buchhandlung in München, wo er studierte, mit Nazigegenern traf, die ihn baten, einen Brief gegen Hitler zu tippen. 1936 wurde er in Werl, wo seine Eltern einen Kolonialwarenladen hatten, verhaftet, kam zunächst in die Dortmunder Steinwache, dann nach Buchenwald und Dachau

Zacher überlegt, was er falsch gemacht hat, macht sich Gedanken, dass Feldheim ihm nicht vertraut. Er liegt völlig falsch: Denn dann öffnet Feldheim seine Tasche. Heraus nimmt er drei gerahmte Fotos von Marlene Dietrich, alle mit einer persönlichen Widmung. Da sitzen sie nun, ein Mann über 80 und ein damals Mittvierziger, summen zusammen den Liedtext des Dietrich-Hits „..denn das ist meine Welt, und sonst gar nichts“. Zacher versteht, was geschehen ist: Fast 60 Jahre nach dem Grauen erzählt der jetzt 87-jährige Mann aus der NS-Zeit: „Angst, immer wieder Angst, die Schreie der Mithäftlinge. Da kommen einem die verrücktesten Gedanken.“ Eben auch der an die schöne Marlene.

Auf die Briefe und Geschenke geht der Star aber zunächst nicht ein, erzählt Feldheim seinem Freund Zacher. Erst, als er ihr schreibt, dass er Jude ist und 14 Monate im Dunkelbunker von Dachau überlebt hat, meldet sie sich.

Wie Marlene Dietrich einem KZ-Häftling half, zu überleben

Eines der Bilder, das Heinz Dietrich Feldheim immer dabei hatte. © Repro Linnhoff

Sie bedankt sich für die Briefe, erkundigt sich nach seiner Gesundheit und schickt Autogrammkarten mit persönlicher Widmung: „To Heinz“. Wieviele Briefe es tatsächlich gibt, weiß Zacher heute nicht. Aber diese Autogrammkarten trägt Feldheim immer bei sich. Nie hat er sie aus der Hand gegeben. Auch bei diesem Treffen nicht.

Als Heinz Dietrich Feldheim am 22. April 1997 stirbt, vermacht er die drei gerahmten Bilder Hans-Jürgen Zacher, außerdem eine Brieftasche und einen Aktenordner mit Originaldokumenten aus der NS-Zeit; samt Schriftstücken aus dem Konzentrationslager.

Als das Buch schon fertig war, kam die große Überraschung

Zacher, der schon Jahre zuvor über Feldheim etwas zu Papier brachte, entschließt sich nach langer Zeit, ein Buch über seinen Freund Feldheim zu schreiben. Und der hält auch jetzt noch eine Überraschung für ihn bereit: Als das Buch eigentlich schon fertig ist, geben die drei gerahmten Bilder noch einen Schatz frei: Auf der Rückseite eines der Fotos finden sich persönliche Zeilen Marlene Dietrichs. Der Druck des Buches wird daraufhin verschoben, damit diese Zeilen noch ihren Platz finden.

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Das sind die Zeilen Marlene Dietrichs an Heinz Dietrich Feldheim schrieb. © Repro Linnhoff

Zacher selbst empfindet die persönliche Hinterlassenschaft seines Freundes inzwischen längst als Auftrag für die Zukunft: „Wehret den Anfängen“, heißt das letzte Kapitel seines Buches.

Buchautor Hans-Jürgen Zacher, liest am 7. Dezember aus „Marlenes Bilder“ ab 19 Uhr bei „Couch-Kunst - Kultur im Wohnzimmer“, Büchtersweg 19. Anmeldungen unter: 0231/65 62 64. Außerdem gibt es eine Lesung am 1. Februar um 19 Uhr in der Bonifatius-Buchhandlung. Anfragen für Lesungen unter hjzacher@web.de
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