Wie illegale Airbnb-Ferienwohnungen die Wohnungsnot in Dortmund verschlimmern

dzMeine Geschichte 2019

Ein Miethai verschärft über Airbnb den Wohnungsmangel in Dortmund – und die Stadt tut lange nichts. Zum Jahresende ordnen unsere Redakteure das Thema ein, das sie 2019 am meisten bewegt hat.

Dortmund

, 30.12.2019, 14:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Deutschlands Großstädten gehen die bezahlbaren Wohnungen aus, die Mieten steigen überall – auch in Dortmund. Aus diesem Grund entschieden wir uns Anfang des Jahres, eine große Wohnserie zu machen.

Als einer der Autoren recherchierte ich, welche Stadtviertel in Dortmund die günstigsten und die teuersten sind, oder schaute mir an, was eine Nachverdichtung mit einer Nachbarschaft macht.

Gibt es illegale Airbnb-Ferienwohnungen in Dortmund?

Die Recherche, auf die ich am neugierigsten war, drehte sich jedoch um die Frage, ob Internetplattformen wie Airbnb den Wohnungsmangel in Dortmund verschärfen: Wird Airbnbs sinnvolle Grundidee, die eigene Wohnung unterzuvermieten, wenn man beispielsweise verreist ist, von Vermietern missbraucht, um aus normalen Wohnungen Ferienappartements zu machen? Solche Fälle waren aus Berlin oder Köln bekannt, aus Dortmund aber bisher nicht.

Das Ergebnis war ehrlich gesagt etwas unbefriedigend: Zwar musste es in der Stadt mindestens Dutzende Wohnungen geben, die als permanentes Ferienappartement genutzt werden (und so dem normalen Wohnungsmarkt fehlen). Doch ein konkretes Beispiel konnte mir niemand nennen: Dem Wohnungsamt der Stadt war kein einziger Fall bekannt.

Jetzt lesen

Kontakt zu betroffenen Mietern

Doch dann geschah etwas, was häufig passiert: Nach der Veröffentlichung des Artikels kam ich in Kontakt mit zwei Mietern aus der City, die unmittelbar von einer solchen versuchten Zweckentfremdung betroffen waren: Mohamed Sheikh Ibrahim und Erich Schünemann.

Der Vermieter der beiden hatte die Mietverträge ihrer Ein-Zimmer-Wohnungen in einem Appartementhaus am Schwanenwall gekündigt, angeblich wegen Eigenbedarfs. Was jedoch komisch war: In beide Wohnungen sollte die Mutter des Vermieters einziehen, auch waren die Kündigungsschreiben Wort für Wort identisch.

Auch mehr Häuser betroffen

Eine alte Dame, die gleichzeitig zwei Appartements in unterschiedlichen Stockwerken eines großen Hauses braucht? Mir kam das nicht ganz koscher vor. Ich fand heraus, dass der Vermieter in dem Haus 10 von insgesamt 65 Wohnungen besitzt, von denen die meisten bei Internetportalen wie Airbnb und Booking.com angeboten wurden. „Normale“ Mieter gab es in ihnen nicht mehr. Eine solche Zweckentfremdung von Wohnraum ist in Dortmund illegal.

Jetzt lesen

Im Zuge meiner Recherchen kam heraus, dass der Vermieter dieses „Geschäftsmodell“ auch in anderen Häusern in Dortmund betrieb, vor allem in der östlichen City und der weiteren östlichen Innenstadt, aber auch in Körne, Lütgendortmund und Eichlinghofen. Insgesamt besaß er fast 60 Wohnungen.

Zweckentfremdungen haben keine hohe Priorität bei Stadt

Ein Vermieter, der Mieter aus ihrem Zuhause drängt, und das in Zeiten, in denen weniger neuer Wohnraum geschaffen wird, als eigentlich gebraucht wird – das sollte die Stadt ziemlich interessieren, dachte ich. Doch als ich das Wohnungsamt, das für die Einhaltung der sogenannten Zweckentfremdungssatzung zuständig ist, mit meinen Erkenntnissen konfrontierte, hatte ich nicht das Gefühl, dass diese auf großen Enthusiasmus stießen.

Dort war der Vermieter nicht bekannt. Man habe keine Hundertschaft, die solche Fälle aufdecken könne, hieß es auf Anfrage. Doch die brauchte es gar nicht: Die betroffenen Wohnungen wurden ganz offen im Internet beworben, in einer Häufung, dass ich schon nach wenigen Minuten Internetrecherche darauf aufmerksam wurde, ebenso auf andere, ähnliche Fälle.

Nur ein verschwindend geringer Anteil am Wohnungsmarkt

Generell hatte ich nicht den Eindruck, dass das Thema Zweckentfremdung von Wohnraum eine hohe Priorität genießt: Die rund 500 Dortmunder Wohnungen, die laut Airbnb auf der Plattform angeboten werden, seien nur ein verschwindend geringer Anteil der rund 320.000 Wohnungen, die es in der Stadt gebe, hatte mir der Amtsleiter Thomas Böhm bereits bei der Recherche zum ersten Artikel gesagt.

Jetzt lesen

Auch die bisherige Bearbeitung des Schwanenwall-Falls änderte bisher wenig an dieser Einschätzung: Knapp ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Falls durch unsere Redaktion läuft die Prüfung des Wohnungsamtes immer noch. Es gehe unter anderem darum, Fristen zu beachten, die dem Vermieter Zeit geben, sich zu den Vorwürfen zu äußern, teilte die Stadt auf mehrmalige Nachfrage unser Redaktion mit.

Wohnungen sind von Airbnb verschwunden

Der Vermieter hingegen hat auf seine Weise reagiert: Die Wohnungen am Schwanenwall waren bei einer Stichprobe Ende Dezember nicht mehr auf seinem Airbnb-Profil zu finden. Auf der Internetseite seines Unternehmens bietet er immer noch Appartements und WGs zur Kurzzeitmiete an, doch sind ihre Adressen verschwunden.

Sheikh Ibrahim und Schünemann leben weiter in ihren kleinen Wohnungen am Schwanenwall. Ihre Kündigungen hat der Vermieter zurückgenommen, als die beiden gegen sie Einspruch einlegten und ihm Betrug vorwarfen.

„Da ist seitdem Totenstille“

Seit dem Erscheinen des Artikels spielt der Vermieter endgültig „Toter Mann“. „Da ist seitdem Totenstille“, sagt Schünemann auf die Frage, ob sich sein Vermieter nochmals bei ihm gemeldet hat. Auch aus dem Haus sind keine weiteren Umwandlungen von normalen Wohnungen in Ferienappartements bekannt geworden.

Das Geschäft mit den bestehenden Wohnungen läuft jedoch unverändert weiter: „Da geht alles seinen Gang“, sagt Schünemann. Auch in einem weiteren Haus seines Vermieters im Brückstraßenviertel. Zahlreiche der dortigen Wohnungen finden sich noch auf Airbnb.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Westfalenhalle Dortmund
Holiday on Ice greift mit „Supernova“ nach dem Sternen und lässt es in der Halle schneien
Hellweger Anzeiger Verkehr
Kritik an ermäßigten Parkgebühren für Konzerthaus-Besucher – von einem Konzerthaus-Besucher