Direkt am Eingang des Oberen Westenhellwegs begrüßt die Besucher ein Leerstand - nur einer von mehreren auf den nächsten 200 Metern. © Thomas Thiel
Leerstände auf Einkaufsmeile

Westenhellweg: „Oberhalb der Thier-Galerie ist die Lage dramatisch“

Mit dem Aus für Conrad verliert der obere Westenhellweg einen seiner letzten Frequenzbringer. Dort stehen zahlreiche Geschäfte leer. Kenner des Dortmunder Einzelhandels schlagen Alarm.

Kaum jemand kennt den oberen Westenhellweg so gut wie Matthias Hilgering. Seit 1959 ist die Weinhandlung seiner Familie dort ansässig. Das Geschäft ist eine Institution des Dortmunder Einzelhandels.

Als Hilgering am Mittwochvormittag durch unsere Redaktion erfuhr, dass einer seiner Nachbarn, der Elektronikmarkt Conrad, Mitte November schließt, sagte er spontan: „Das trifft mich in die Magengrube.“ Das sei ein Schlag für den ganzen oberen Westenhellweg.

Schon lange ist der obere Westenhellweg der unglamouröse Teil der Einkaufsmeile: Statt H&M, Mango oder Karstadt dominieren hier Schönheitssalons und kleinere Spezialgeschäfte. Und mit Conrad verliert er nun seinen einzigen größeren Frequenzbringer neben Woolworth.

Der Elektronikhändler Conrad verlässt demnächst Dortmund. © Thomas Thiel © Thomas Thiel

Die Lage am oberen Westenhellweg sei schwierig geworden, meint Andreas Grüß von Lührmann Immobilien Osnabrück. Der Makler ist spezialisiert auf Vermietungen in 1A-Lagen deutscher Großstädte und hat schon zahlreiche Deals am Westenhellweg vermittelt, zuletzt etwa Globetrotter gegenüber der Thier-Galerie.

Genau dort verlaufe eine unsichtbare Grenze auf Dortmunds goldener Meile: „Unsere Kunden wollen schon lange nicht mehr dahin“, sagt er und meint den oberen Westenhellweg jenseits von Globetrotter und Thier-Galerie.

Immobilien-Spezialist Andreas Grüß über den oberen Westenhellweg: „Unsere Kunden wollen schon lange nicht mehr dahin.“ © Michael Schnitzler (Archivbild) © Michael Schnitzler (Archivbild)

Die gesunkene Attraktivität des westlichen Endes des Westenhellwegs zeigt sich auch in Zahlen: Von den 115 Ladenlokalen am Westenhellweg stehen aktuell 10 leer – die Mehrzahl (6) konzentriert sich auf die knapp 200 Meter vom Westentor bis zur Thier-Galerie. Conrad ist da noch nicht mit eingerechnet.

„Oberhalb der Thier-Galerie ist die Lage dramatisch“, sagt Tobias Heitmann, Vorsitzender des City-Rings, der Interessenvertretung der City-Händler. Der obere Westenhellweg laufe Gefahr, das Schicksal des Ostenhellwegs zu erleiden, der „gefühlt nicht mal mehr 2B-Lage“ sei.

Am oberen Westenhellweg und an anderen Stellen in der Innenstadt kommt es zu Geschäftsschließungen.
Am oberen Westenhellweg und an anderen Stellen in der Innenstadt kommt es zu Geschäftsschließungen. © Thomas Thiel © Thomas Thiel

Neben der Corona-Krise und dem Baustellen-Chaos, von denen der gesamte Einzelhandel in Dortmunds City betroffen sei, gebe es am oberen Westenhellweg noch einen zusätzlichen Negativ-Faktor: die Methadon-Ausgabestelle „Café Kick“ am nahen Gesundheitsamt.

Durch sie seien häufiger auch Drogenabhängige auf dem oberen Westenhellweg zu sehen. „Das Café Kick strahlt massiv auf den oberen Westenhellweg aus“, meint Heitmann.

„Die Leute fahren lieber nach Münster, Düsseldorf oder in den Ruhr-Park“

Generell habe die Attraktivität des Dortmunder Einzelhandels gelitten, sagt Heitmann: „Die Leute fahren lieber nach Münster, Düsseldorf oder in den Ruhr-Park, weil es dort schöner ist.“

Ulf Wollrath sieht das anders. Klar, der Weggang von Conrad sei ein „ganz klarer Verlust“, meint der Handelsexperte der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dortmund. Die Zukunft des oberen Westenhellwegs oder gar der ganzen City ist für Wollrath durch das Conrad-Aus aber nicht gefährdet.

Da funktioniere die Einzelhandels-Landschaft wie die Mannschaft des BVB: Wie bei deren Spielern seien einige Läden wichtiger für das Ganze als andere. „Und Conrad ist nicht Haaland“, sagt Wollrath. Die Rolle der tragenden Säule falle in diesem Vergleich eher der Thier-Galerie zu.

Doch was passiert mit der Conrad-Fläche? Union Investment, Eigentümer der Immobilie, will sich derzeit nicht äußern.

Eine vergleichbare Neuvermietung könnte schwierig werden. „Mit Einzelhandel wird das nur noch schwer belegbar sein“, sagt Makler Andreas Grüß generell zur Zukunft von Leerständen am oberen Westenhellweg.

„Wir müssen damit leben, dass nicht jede frei werdende Ladenfläche mit Einzelhandel belegt wird“, meint auch IHK-Experte Wollrath. Er hofft nun umso mehr auf das neue Innenstadt-Konzept, das die Stadt gerade von einem Planungsbüro erstellen lässt.

Westenhellweg-Händler Hilgering vertraut derweil auf die Widerstandskraft des oberen Westenhellwegs: „Schon vor 20 Jahren hat man uns gesagt, dass der obere Westenhellweg kaputtgehen wird, eingetreten ist das nicht. Also habe ich Hoffnung.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
1984 geboren, schreibe ich mich seit 2009 durch die verschiedenen Redaktionen von Lensing Media. Seit 2013 bin ich in der Lokalredaktion Dortmund, was meiner Vorliebe zu Schwarzgelb entgegenkommt. Daneben pflege ich meine Schwächen für Stadtgeschichte (einmal Historiker, immer Historiker), schöne Texte und Tresengespräche.
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Thomas Thiel

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