Welche Krankheit ließ Faultier Julius wiederholt vom Klettergeäst fallen?

dzZoo Dortmund

Faultier Julius im Dortmunder Zoo ist drei Mal von seinem Klettergeäst gefallen. Was war los? Die Diagnose ist nicht einfach. Doch die Zootierärztinnen haben wohl die Ursache gefunden.

Dortmund

, 18.11.2018, 04:05 Uhr / Lesedauer: 7 min

„Wo ist Julius?“ – eine Frage, die Besucher des Dortmunder Zoos den Tierpflegern häufig stellen. Sie vermissen den Publikumsliebling, der seit dem Jahr 2016 drei Mal von seinem Klettergeäst unter dem Dach des Tamanduahauses geplumpst ist – zum Schrecken der Besucher und der Zoomitarbeiter. Ein Fall für Zootierärztin Dr. Christine Osmann und ihre Kollegin Johanna Steinecker. Aber nicht der einzige.

Auf dem Tagesprogramm der beiden stehen neben Julius‘ Gesundheitsproblem zwei Zebras, die gegen Tetanus geimpft werden müssen, eine schwächelnde Schleiereule, das Chippen und die Geschlechtsbestimmung der beiden jüngsten Kaiserschnurrbart-Tamarine sowie die tägliche Fütterungsstudie bei den Ameisenbären.

Zunächst sah es nach einem neurologischen Problem aus

Bei Julius vermuteten die beiden Zootierärztinnen zunächst ein neurologisches Problem, weil das 13 Jahre alte Faultier es nicht schaffte, mit seinen Krallen den Ast zu treffen, um sich dort einzuhaken. In der Tierklinik in Duisburg-Kaiserberg wurden eine Computer- und eine Kernspintomografie (CT und MRT) des Schädels gemacht, Röntgenaufnahmen und Ultraschall in der Zoopraxis waren vorausgegangen. Letzterer lenkte den Fokus auf eine mögliche Blasenentzündung, die sich mit einer Urinprobe bestätigt hat. Eine weitere Untersuchung unter Narkose untermauerte den Verdacht. Das war vor vier Wochen.

Julius bekam ein Antibiotikum und ein entzündungshemmendes Mittel. Jetzt muss er wieder auf den Behandlungstisch. Zur Kontrolle, um zu sehen, ob die Therapie angeschlagen hat.

Großer Aufwand für kleine Maßnahmen

Schon kleine Maßnahmen sind bei Wildtieren im Zoo mit großem Aufwand verbunden. Julius muss zunächst mit dem Elektroauto aus seinem Krankenquartier auf dem benachbarten Westermanns Hof geholt werden. Schon bevor er in die Transportbox kommt, wird er in seiner Schlafkiste von Dr. Osmann mit der Spritze überrascht und narkotisiert; denn der Patient kann übelst beißen und kratzen.

Welche Krankheit ließ Faultier Julius wiederholt vom Klettergeäst fallen?

Faultier Julius wird schon narkotisiert aus seiner Krankenstation getragen. © Gaby Kolle

„Es ist unglaublich, was Wildtiere im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht an Kraft entwickeln“, sagt Dr. Osmann und schaltet das Licht in Julius‘ Gehege aus. „Er braucht Ruhe und Dunkelheit für die Einschlafphase.“ Weil das Narkosemittel nicht wie beim Menschen direkt in die Vene injiziert wird, dauert es länger, bis es wirkt.

Nach einer halben Stunde und kurzer Fahrt im Elektroauto mit Giraffenmuster liegt Julius in der Veterinärstation auf dem Behandlungstisch. Bis zur Größe eines Leoparden findet hier alles Platz. Das Faultier hat eine Sperre im Maul und einen Clip-Sensor an der Zunge zur Messung der Sauerstoffsättigung. Alle fünf Minuten kontrolliert und dokumentiert Johanna Steinecker die Vitalparameter – Herzfrequenz, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung.

Tropfen zur Atmungsstimulation

„Atmet?“ - „Ja atmet“. Bei der Behandlung konzentriert man sich auf das Wesentliche; denn die Injektionsnarkose hält nur für eine Stunde und ist nicht unbegrenzt durch Nachspritzen aufrechtzuerhalten. Deshalb immer wieder auch ein Blick auf die Uhr. Sonst ist eine Gasnarkose mit Maske das Mittel der Wahl, doch die funktioniert zurzeit nicht.

Eine geringe Atemfrequenz ist normal in der Narkose. Trotzdem bekommt Julius Tropfen zur Atmungsstimulation von Johanna Steinecker auf die Zunge getropft. „Sauerstoffsättigung jetzt gut“, sagt sie.

Derweil rasiert Dr. Osmann Julius‘ Fell über der Blase und an den Unterarmen. Sonst klappt das mit dem Ultraschall und der Blutabnahme nicht. „Wildtiere haben sehr dicke Haut, damit sie sich nicht an jedem Strauch eine Verletzung zufügen“, erklärt sie. „Herzfrequenz 30“, liest Steinecker vom Pulsoximeter.

Schallschatten auf der Harnblase

Für ein Blutbild wird Julius zur Ader gelassen. Dann bekommt er über den Tropf eine Kochsalzlösung. Das stabilisiert den Kreislauf und hält den Zugang frei, damit das Blut nicht gerinnt.

Der Ultraschall ist nicht so einfach; denn Faultiere sind Pflanzenfresser und deren Magen hat mehrere Kammern. Darin sammeln sich Gase, die schon mal den Schall auslöschen. Und tatsächlich: Auf der Harnblase liegt zunächst ein Schallschatten. Und dann stellt die Veterinärin fest: „Die Blasenwand ist etwas verdickt.“ Von der Entzündung geschwollen.

Knifflig wird es bei der Einführung des Katheters, um sterilen Urin abzuzapfen. Als er in die Spritze tröpfelt, ist er noch ein bisschen getrübt. Julius geht es zwar besser als vor vier Wochen, er ist klinisch okay, doch Dr. Osmann ist noch nicht zufrieden.

Gekochte Kartoffeln und Mais

Nachdem sie das Tier noch einmal gründlich untersucht hat, bespricht sie mit der Tierpflege-Auszubi Stella Gehrmann die weitere Medikation und den Speiseplan für Julius: gekochte Kartoffeln und Mais. Das mag er; denn Julius hat 400 Gramm abgenommen, wiegt nur noch 7,3 Kilogramm. Dann bekommt das Faultier ein Gegenmittel zur Narkose. „Wir lassen die Tiere selten ausschlafen; denn wenn sie lange liegen, ist die Kreislaufbelastung hoch.“

Das Blut geht in ein großes Labor. Das Ergebnis wird online mitgeteilt und mit den Werten der vorangegangenen Untersuchung abgeglichen. Julius wird die ganze Prozedur für einen erneuten Abgleich noch ein drittes Mal über sich ergehen lassen müssen – bis er wieder ganz hergestellt ist.

Vom Pfeilfrosch bis zum Nashorn

Die beiden Zootierärztinnen sind Allrounder. Christine Osmann ist seit 29 Jahren Zootierärztin, Johanna Steinecker seit Ende Juni dabei. Die Bandbreite ihrer Patienten reicht vom Pfeilgiftfrosch bis zum Leoparden und Nashorn.

Seit 2003 hilft dabei eine elektronische Patientenkartei, aktuell wird in einer internationalen Tierbestandskartei gearbeitet, zu der auch ein umfangreicher medizinischer Teil gehört. Auf die tierische Patientendatei mit Medikamenten-Dokumentation können auch andere Zoos zugreifen. Das macht es einfacher, wenn etwa ein Tier von einem Zoo in einen anderen umsiedelt.

Hochnervöse Zebras

Bevor Julius auf den Behandlungstisch geholt wurde, haben die beiden Tierärztinnen bereits erste Amtshandlungen hinter sich, darunter die Impfung der beiden Zebras Serengeti und Frigga. Dazu fahren sie mit ihrem Behandlungskoffer im E-Auto zum Gehege; denn nur die kleineren Tiere werden in der Veterinärstation behandelt. „Man muss den Stress für das Tier so gering wie möglich halten“, sagt Osmann.

„Alles gut Mädels, alles fein“, sagt sie, als sie sich im Stall den Boxen nähert. Die scheuen Fluchttiere der afrikanischen Savanne sind hektisch und hoch nervös. Sie fühlen sich nur in der Herde sicher. Doch zwei Tiere machen keine Herde. Erst im Frühjahr kommt noch eine Stute dazu. „Sie haben ein ganz anderes Verhalten als Wildpferde. Viel extremer“, sagt Tierpfleger Michael Mendel, während die Tiere mit den Hufen laut gegen die Stallwände knallen.

Welche Krankheit ließ Faultier Julius wiederholt vom Klettergeäst fallen?

Hinhocken und zielen: Zootierärztin Johanna Steinecker pustet die Spritze mit dem Impfstoff für die Zebras durch ein Blasrohr in den Stall. © Gaby Kolle

Impfung mit dem Blasrohr

„Es ist ein bisschen stressig für sie, aber sie werden überleben“, meint Dr. Osmann und soll Recht behalten. Sie öffnet die Futterklappe und pustet die Spritze mit dem Blasrohr in das Hinterteil von Serengeti. Zack, die Spritze mit dem Impfstoff gegen Tetanus sitzt. Johanna Steinecker wiederholt die Prozedur bei Frigga. Sitzt auch. Die Zebras zucken kurz zusammen und keilen erneut aus. Impfung gelungen. In vier Wochen die ganze Prozedur noch mal. Zur Grundimmunisierung.

Praktische Arbeit am Tier ist das eine, Mails bearbeiten, Behandlungen dokumentieren, die Hausapotheke mit ihrer ebenfalls aufwendigen Dokumentationspflicht verwalten, nationale und internationale Tiertransfers vorbereiten, Laboruntersuchungen auswerten, Bürokratie und Telefonie sowie Chefdienst mit Personalverantwortung am Wochenende das andere. Mal arbeiten die beiden Zooveterinärinnen mehr drinnen, mal mehr draußen.

Viel Papierkram für Tiertransporte

Tiertransporte innerhalb Europas und auf andere Kontinente sind mit viel Papierkram und aufwendigen Gesundheitschecks und -vorsorge verbunden: Denn kein Zoo möchte, dass Tapire oder Menschenaffen Tuberkulose in die eigene Einrichtung einschleppen. So müssen aktuell zwei Pudus, Mini-Hirsche, vor ihrem anstehenden Umzug nach Holland intensiv auf Virusinfektionen untersucht werden, um nachzuweisen, dass sie ohne Erkrankung sind.

Dr. Osmann ist der Austausch mit nationalen und internationalen Kollegen sehr wichtig. Sie hat guten Kontakt zu Kollegen in der NRW-Gruppe und deutschlandweit. Man hilft sich bei schwierigen Diagnosen und Behandlungsproblemen, tauscht sich aus bei Seuchenfällen und Impfungen; denn man kann nicht für alles Experte sein.

Zootierärzte sind gut miteinander vernetzt

Das Spektrum eines Zooveterinärs reicht mit seiner Vielfalt über alle Kontinente. „Man versucht über die Tierbestände Schwerpunkte zu setzen“, sagt Christine Osmann. Dabei geht es im Rahmen der Krankheitsprävention auch um die optimale Haltung und Fütterung der Tiere, Faktoren, die entscheidend zur Gesunderhaltung beitragen.

Unter den europäischen Zootierärzten ist man gut vernetzt. Die rund 100 Zooveterinäre in Deutschland und angrenzenden Staaten, zusammengeschlossen im Verband der Zootierärzte (VZT), treffen sich regelmäßig auf Tagungen. Im nächsten Jahr kommen sie nach Dortmund. Dr. Osmann bereitet die Tagung vor. Sie ist über den Zoo auch Mitglied im internationalen Verband EAZWV. „Das ist wichtig für uns, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.“ Sie selbst hält dort Vorträge.

Klinikärzte halfen beim Kaiserschnitt beim Orang Utan

Osmann ist zudem Veterinary Advisor, tierärztlicher Ratgeber, für den Großen Ameisenbären, holt sich aber im Zweifelsfall Hilfe, wenn sie mit ihrem Latein nicht weiter weiß, die Ausrüstung fehlt oder bei schwierigen Eingriffen. Bei Fragen zu den Menschenaffen hat auch schon das Klinikum Dortmund weitergeholfen, wie beim vierstündigen Kaiserschnitt von Orang-Utan-Dame Suma im vergangenen Jahr (das Junge war leider eine Totgeburt), bei der Lungen- und Magenspiegelung der Seelöwin Nixe oder der Bronchoskopie eines Tapirs.

„Augenärzte, Zahnärzte, Orthopäden und auch Kinderärzte haben wir schon hier gehabt. Das habe ich immer als sehr bereichernd empfunden“, sagt Christine Osmann. Die Standards in der Zootiermedizin seien stark gestiegen, immer hochwertiger geworden. Auch, weil man sich heute mehr austausche. „Früher waren wir Abenteurer.“

Zootierärzte sind bei ihren Patienten unbeliebt

Julius schläft noch, und weiter geht‘s zur Geschlechtsbestimmung und zum Chippen der beiden jüngsten Kaiserschnurrbart-Tamarine. Die zwölfköpfige Sippe erkennt schon am E-Auto, was die Stunde geschlagen hat, turnt laut und aufgeregt durchs Gehege. Die Tiere kennen die Veterinärinnen. „Sie mögen uns nicht“, sagen beide. Wenn Frau Doktor kommt, macht es meistens autsch.

Es ist das Los eines Zootierarztes, Unbehagen und Angst bei denen auszulösen, denen er oder sie helfen will. Die Tiere verknüpfen mit ihrem Erscheinen Pikser und bittere Medizin. Insgesamt betreuen die beiden Tierärztinnen knapp 1500 Tiere aus 190 Arten. Da kann man nicht allen gefallen.

Ein Chip für kreischende Äffchen

Die Pfleger trennen zunächst die beiden Kleinen von ihren Eltern und Geschwistern. „Die Tierpfleger“, sagt Dr. Osmann, „sind wichtige Bezugspersonen und immer hilfsbereit.“ Sie müssen gut beobachten können. Von ihnen kommen die Hinweise, wenn es einem ihrer Tiere nicht gut geht. Zootierarzt und Tierpfleger bilden ein Team und arbeiten Hand in Hand – „nur so geht‘s“, betont Christine Osmann.

Welche Krankheit ließ Faultier Julius wiederholt vom Klettergeäst fallen?

Nach der Injektion des Mikrochips gibt es für den kleinen Kaiserschnurrbart-Tamarin einen Schluck Multivitaminsirup. Das beruhigt. © Gaby Kolle

Mit Keschern fangen die Tierpflegerinnen die beiden laut kreischenden Äffchen ein und halten sie fest, als sie mit einer Spritze einen Chip unter die Haut am linken Oberarm injiziert bekommen. Der Chip enthält eine zwölfstellige Identifikationsnummer. Damit sind die Äffchen jetzt unverwechselbar markiert. Die Prozedur ist traumatisch für die kleinen Tiere. Ist das überstanden, gibt‘s noch eine Wurmkur sowie eine kleine Dosis Vitamin D. Und zum beruhigenden Abschluss einen Schluck Multivitaminsirup. Das schmeckt.

Wurmkur für eine Schleiereule

Bevor es weitergeht zu einer schwächelnden Schleiereule wirft Dr. Osmann noch mal einen Blick auf den schlafenden Julius, der langsam aufwacht. Alles in Ordnung. Johanna Steinecker kann ihn zurück in sein Krankenquartier auf Westermanns Hof bringen.

Welche Krankheit ließ Faultier Julius wiederholt vom Klettergeäst fallen?

Die schwächelnde Schleiereule bekommt eine Wurmkur und Vitamine. © Gaby Kolle

Die Schleiereule sitzt teilnahmslos auf einer Kiste unter dem Volieren-Dach. Nach der ersten Behandlung am Vortag ist sie schon ein bisschen munterer und nicht mehr ganz so einfach mit dem Kescher einzufangen. Abstriche aus der Schnabelhöhle und der Kloake sollen Aufschluss über den Genesungsfortschritt bringen. Dann verabreicht Dr. Osmann der Eule noch eine Wurmkur und spritzt ihr für die Vitalität eine Nährlösung unter die Haut.

Futterumstellung bei den Ameisenbären

Zurück in der Veterinärstation, klingelt das Telefon. Die Tierpflegerin von Julius ist dran. Er ist aufgewacht und hat einmal kurz die Schlafkiste verlassen. Also alles bestens.

Ehe eine der beiden Tierärztinnen vor Dienstschluss noch mal bei ihm vorbeischaut, muss Johanna Steinecker für ihre Doktorarbeit die Futterumstellung bei den Ameisenbären begleiten und kontrollieren und Dr. Osmann eine kleine Echse behandeln. Das Reptil sitzt in Quarantäne und leidet unter mehreren hartnäckigen Erregern. Und schon ist das E-Auto mit dem Giraffenmuster wieder unterwegs. . .

Es gibt nur rund 100 Zootierärzte in Deutschland, viele davon Fachärzte für Zoo- und Wildtiere. Christine Osmann ist seit 29 Jahren Tierärztin im Dortmunder Zoo und damit die erste festangestellte Veterinärin. Johanna Steinecker ist Ende Juni als zweite angestellte Tierärztin in den Dortmunder Zoo gekommen. Sie macht hier ihre Weiterbildung zum Facharzt für Zoo- und Wildtiere und schreibt ihre Doktorarbeit über die Futterumstellung bei den Ameisenbären. Seit 2012 gibt es die neu gebaute Veterinärstation. Sie liegt neben dem Gehege der Riesenkängurus.
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