Unseren Autor nervt, dass gefühlt immer mehr Konsumenten alles online bestellen. Ein Plädoyer, den Dortmunder Einzelhändlern eine Chance zu geben - wenn sie dafür etwas bieten.

Dortmund

, 10.12.2018, 04:10 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Menschen strömen vor Weihnachten wieder in Scharen durch die Dortmunder City. Sie essen Reibekuchen, trinken Glühwein, machen Selfies vor dem großen Baum und haben beim Einkaufsbummel eine gute Zeit.

Wie gut die Zeit für die Händler war, denen das Vorweihnachtsgeschäft nach wie vor die stärksten Umsätze bringt, wird sich erst hinterher zeigen. Zwar rechnet der Handelsverband Deutschland damit, dass die Umsätze im Weihnachtsgeschäft erstmals über 100 Milliarden Euro liegen. Während der Onlinehandel wohl um zehn Prozent auf fast 13 Milliarden Euro zulegt, erhöhen die stationären Läden ihre Umsätze aber nur um ein Prozent auf knapp 87 Milliarden Euro.

Gerade kleinere Händler haben zu kämpfen

Und dieses knappe Plus kommt nicht bei allen an: Beim jüngsten verkaufsoffenen Sonntag in der City waren wie so oft gerade kleinere Händler unzufrieden – die Händler in den Vororten haben ohnehin zu kämpfen.

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich bestelle auch manches online und weiß die Vorzüge – riesige Auswahl, zeitliche Flexibilität beim Einkaufen – zu schätzen. Was aber nicht in meinen Kopf will: wie viele Menschen inzwischen nahezu alles im Internet bestellen. So wie viele Autofahrer die eigene Ortskenntnis vergessen und nur noch stur dem Navi folgen, wirken auf mich auch viele Konsumenten: Sie rufen ohne groß nachzudenken nur noch die Amazon-Website auf, da gibt’s eh alles – zack, Einkauf erledigt!

Siegt die Bequemlichkeit?

Dass man ein Buch, das man eh erst in drei Wochen liest, zum gleichen Preis im Laden kaufen kann, an dem man ohnehin vorbeiläuft, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Oder die bloße Bequemlichkeit siegt. Klar, sonntags vom Sofa aus Schuhe zu bestellen, geht fix (wenn man sich nicht im Web-Wust verliert): Ein paar Mal übers Smartphone wischen – „Danke für Ihre Bestellung.“

Wenn’s blöd läuft, verbringt man die eingesparte Zeit aber einige Tage später in einer Postfiliale, wohin die an eine Packstation bestellten Schuhe umgeleitet wurden. Als 23. in der Schlange genervter Kunden opfert man die Mittagspause oder versaut sich den Feierabend.

Weg aus dem Web - kauft mal wieder im Handel!

Es sind die Dortmunder Händler, die die Zentren beleben und den Einkauf zum Erlebnis machen. © Dieter Menne

Das Hauptargument derer, die sich in diesen Wochen wieder das halbe Internet nach Hause ordern (und zwei Drittel wieder zurückschicken), dürfte der Preis sein. Dem Argument „Online ist’s billiger!“ ist nur schwer beizukommen. Irgendwo im Netz kostet das gewünschte Produkt immer weniger als im Laden um die Ecke. Und billig oder sogar ganz für lau geliefert wird (noch) meist ohnehin – wenn auch nicht kostenlos. Die ausgeuferte Bestellerei geht zum Beispiel auf Kosten vieler Paketboten, die häufig für Subunternehmer von Paketlieferfirmen arbeiten und für miese Löhne zwölf Stunden und mehr schuften müssen.

Beratung und guter Service rechtfertigen auch höhere Preise

Beim Kampf um die günstigsten Preise können die Händler vor Ort selten mithalten. Ich finde: Das müssen sie auch gar nicht. Ich zahle ohne Murren ein paar Zehner mehr für eine Jacke, wenn ich im Geschäft von einer Verkäuferin gut beraten werde. Statt drei Jacken zu Hause anzuprobieren und zurückschicken zu müssen, weil sie nicht passen.

Das neue Fahrrad, das ich mir gekauft habe, hätte ich online günstiger bekommen. Ich habe aber gerne mehr gezahlt: dafür, dass der Verkäufer mir erklärt hat, welche Technik ich brauche und welcher andere Schnickschnack nur für eine Tour-de-France-Teilnahme sinnvoll wäre. Und dafür, dass solche Händler bei einer kleineren Reparatur auch mal sagen: „Lassen Sie das Geld stecken, das passt!“ Beratung als Mehrwert ist mir als Kunde auch mehr wert. Sich stattdessen im Laden ausgiebig beraten zu lassen, um dann im Netz günstiger zu bestellen – diesen „Beratungsklau“ beklagen auch viele Dortmunder Händler – halte ich für unanständig.

Ach, wo wir beim Geld sind: Das, was man im Laden vielleicht mehr zahlt, kann man auch sparen, indem man nicht ständig neue Klamotten kauft, die nach zweimaligem Tragen im Schrank versauern.

Manche sind auch selbst schuld

Ich bin nicht blauäugig: Der Onlinehandel wird rasant weiter wachsen, auch ich werde weiter online einkaufen und mich über gute Angebote und eine schnelle Lieferung freuen. Aber ich glaube daran, dass in einer Großstadt wie Dortmund, wo es in der City und in den Vororten reichlich gute Läden gibt, der stationäre Handel mit Mut und guten Ideen eine Zukunft hat. Wohl nicht jede Branche, ganz sicher nicht jeder Laden.

Manche Händler sind auch selbst schuld, dass die Kunden wegbleiben: wenn sie online nicht mal ihre Öffnungszeiten verraten, schlechten Service bieten, wenn einen unfreundliche Verkäufer lustlos bedienen. Heinz-Herbert Dustmann, Präsident der Industrie- und Handelskammer Dortmund und selbst Händler, betont Mantra-artig einen Nachteil des Internets: „Das Internet kann nicht lächeln.“ Das können aber längst auch nicht alle Verkäufer.

Der Einzelhandel hat eine Chance verdient

Wenn aber stationäre Händler gute Produkte und freundlichen Service zu guten Preisen anbieten und sich bemühen, nicht vorrätige Artikel zeitnah zu besorgen, wenn sie online ihr Angebot zumindest zeigen, und wenn sie ihre Läden ansprechend gestalten – dann haben sie es verdient, dass wir bei ihnen einkaufen.

Wer das zugunsten des Online-Kaufs kaum mehr macht, gefährdet die Existenz des Handels vor Ort. Dabei trägt der nicht nur zu den Gewerbesteuereinnahmen bei. Die Händler in Dortmund beschäftigen allein über 33.500 Menschen sozialversicherungspflichtig. Sie sind es auch, die mit Aktionen, Lichtern, Dekoration und Kulturveranstaltungen (ein Beispiel sind die Cityring-Konzerte) die Zentren beleben und den Einkauf zum Erlebnis machen. „Wird der Handel geschwächt, sinkt die Lebensqualität in der Stadt“, sagt Dirk Rutenhofer, Vorsitzender der im Cityring zusammengeschlossenen Händler.

Es gibt schon genug triste Klein- und Mittelstädte, in deren Fußgängerzonen einen die Leerstände angähnen. Wer Dortmund liebt – und das betonen hier ja die meisten ständig – sollte durch Einkäufe vor Ort auf einfache Weise dazu beitragen, dass es der Stadt etwas besser geht.

Mein Kollege Daniel Claeßen sieht die Dinge übrigens komplett anders - seine Meinung lesen Sie hier (mitdiskutieren ist auch hier erwünscht):

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In der Kolumne „Klare Kante“ fühlen Redakteure und Gastautoren regelmäßig einem Dortmunder Thema auf den Zahn, das ihnen am Herzen liegt. Haben Sie zum Thema mehr im Handel statt online einzukaufen auch etwas zu sagen? Dann schreiben Sie an lokalredaktion.dortmund@rn.de
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