Was im Nationalsozialismus aus rund 4500 Dortmunder Juden wurde

dzGedenktag der Novemberpogrome

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden auch in Dortmund jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört. Wir zeigen, was aus rund 4500 Juden wurde, die 1933 in Dortmund lebten.

Dortmund

, 08.11.2018, 18:24 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nein. Die Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren keine spontanen Wut-Aktionen gegen Juden. Sie waren sorgfältig vorbereitet worden – angefangen von der Kennzeichnungspflicht für jüdische Geschäfte über die listenmäßige Erfassung aller Juden bis zu Verbot der gesamten jüdischen Presse am 8. November.

Offiziell galten die deutschlandweiten Ausschreitungen als Reaktion der Bevölkerung auf die Ermordung des deutschen Botschaftsangehörigen Ernst vom Rath in Paris durch einen jüdischen Jugendlichen. Die NS-Propaganda reagierte sofort, forderte „schwerste Folgen für die Juden in Deutschland“.

In Dortmund erschienen in der „Westfälischen Landeszeitung Rote Erde“ schon in den Monaten zuvor regelmäßig antisemitsche Hetzartikel, mit denen auch schon der Anfang Oktober begonnene Abriss der großen Synagoge am Hiltropwall propagandistisch vorbereitet worden war. Auch angeblich unhygienische Zustände in jüdischen Geschäften wurden an den Pranger gestellt.

Fernschreiben an alle Gestapo-Leitstellen

Dass der 9. November für Aktionen gegen Juden ausgewählt wurde, hatte wohl seinen besonderen Grund. In vielen Städten wurde an diesem Tag an Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle in München am 9. November 1923 erinnert. Am Abend erhielten alle Gestapo-Leitstellen Fernschreiben mit dem Hinweis auf antijüdische Aktionen und die geplante Verhaftung von Juden.

Entsprechende Informationen wurden dann auch an die Parteistellen der NSDAP und der SA weitergeleitet. Ausgangspunkt in Dortmund war eine Rekrutenvereidigung der SS, die am Abend des 9. November auf dem Hansaplatz stattfand. Von dort aus war es nicht weit zu den Überresten der Synagoge, deren Abriss schon am 3. Oktober begonnen hatte. Weil nicht mehr viel zu zerstören war, wurden die Überreste in Brand gesteckt.

Vor allem ließen die SS-Horden ihre Zerstörungswut am Gemeindehaus der jüdischen Gemeinde in der Saarbrücker Straße und in jüdischen Geschäften in der Innenstadt aus, aber auch in vielen Vororten. Auf dem Brüderweg wurde ein jüdisches Geschäft komplett ausgeräumt und das Mobiliar auf die Straße geworfen, an der Reinoldistraße ein Feinkostgeschäft geplündert.

Ein Zeitzeugenbericht

Auch in der Nordstadt, in der Münsterstraße, der Steinstraße, der Heiligegartenstraße wurden Geschäfte zerstört, Schaufenster eingeschlagen. Vor privaten Wohnungen machten die NS-Truppen ebenfalls nicht Halt – und natürlich auch nicht vor Menschen. Exemplarisch dafür steht ein Zeitzeugen-Bericht zu Ausschreitungen auf der Prinzenstraße:

„SA-Leute holten Juden aus deren Wohnungen. Bei den Zerstörungen stieß die Menge jedes Mal ein Freudengeheul aus. Als plötzlich eine Person auf der Prinzenstraße in Richtung Betenstraße davonlief, gab einer der SA-Leute, die die Verfolgung aufnahmen, vor dem Haus Prinzenstraße 8 einen Pistolenschuss auf den Fliehenden ab, wodurch dieser niedergestreckt wurde. Da der Pistolenschütze hierbei ruef ‚Ein Judenschwein wollte mich erschießen!‘ fiel die erregte Menge über den Verletzten her und schlug auf diesen ein, bis der inzwischen hinzugekommene Polizeibeamte sich schützend vor den Verletzten stellte.“

Zu den Ausschreitungen kamen die Verhaftungen, die bereits vorab durch eine Direktive an die Gestapo-Stellen angeordnet worden waren. „Sobald die Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten zulässt, sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können“, hieß es.

Der jüngste Inhaftierte war 14 Jahre alt

Der Befehl wurde in ganz Dortmund umgesetzt. Viele Juden wurden zunächst in NS- oder SA-Heime verschleppt, später kamen sie in die berüchtigte Steinwache, das Gestapo-Gefängnis am Hauptbahnhof. Am 10. November wurden 175 am 11. November 41 Juden verhaftet. 215 wurden am Morgen des 12. November ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert – was dann Platz schuf für eine neue Verhaftungswelle.

Insgesamt wurden laut dem Haftbuch der Steinwache hier bis zum 16. November 384 Juden eingeliefert, der jüngste war 14 Jahre alt. An diesem Tag erging die Anweisung, die Festnahmeaktionen einzustellen. Diejenigen, die noch in der Steinwache inhaftiert waren, wurden zwischen dem 14. November und 9. Dezember entlassen.

Die Aktionen vor allem gegen jüdische Geschäftsleute dienten nicht zuletzt dazu, die „Arisierung“ der Wirtschaft voranzutreiben. Das heißt, das Juden dazu gedrängt wurden, ihr Eigentum oft zu einem Spottpreis zu verkaufen. Tatsächlich wurden zwischen November 1938 und Februar 1939 in Dortmund 280 jüdische Geschäfte verkauft oder geschlossen. Viele Juden emigrierten. Wer es nicht wollte oder schaffte, musste Jahre später den Weg in die Konzentrations- und Vernichtungslager antreten. Im Januar 1942 begann die systematische Deportation der Dortmunder Juden. In mehreren Schüben wurden meist über den Südbahnhof etwa 5000 Juden aus dem gesamten Regierungsbezirk Arnsberg deportiert. Nur wenige von ihnen überlebten das Grauen.

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