Was die Deutschen in Sachen Digitalisierung von Estland lernen können

dzWirtschaftsgespräch der Dortmunder Volksbank

Der deutsche Botschafter in Estland, Christoph Eichhorn, hat beim 17. Wirtschaftsgespräch der Dortmunder Volksbank gezeigt, wie weit der kleine Staat uns bei der Internetnutzung voraus ist.

Dortmund

, 01.04.2019, 22:37 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es war gefühlt ein halber Este, der am Montagabend beim 17. Wirtschaftsgespräch der Dortmunder Volksbank redete – und Christoph Eichhorn gab es auch selbst zu. So wohl fühlt sich deutsche Botschafter in dem 1,3-Millionen-Einwohner-Land an der Ostsee.

Drei Beispiele genügten, um die Sonnenseiten der Digitalisierung zu zeigen. Der Diplomat schilderte sie voller Überzeugung und dabei erfrischend lebendig und anschaulich.

Die Steuererklärung in zwei Minuten

Beispiel 1: Seine Steuererklärung anzufertigen, dauere in Estland zwei Minuten, berichtete Eichhorn. Zehn Tage warte man auf den Bescheid und nach weiteren zehn Tagen sei das Geld auf dem Konto. Und zwar, weil es einen einheitlichen Steuersatz gebe und das Finanzamt alle wesentlichen Daten schon von sich aus in die Steuererklärung geschrieben habe.

Beispiel 2: Arztrezepte. Die gebe es in Estland nur elektronisch, mit zwei PIN und einer Karte bekomme man anschließend seine Medizin in der Apotheke – und zwar im ganzen Land.

Beispiel 3: der Autokauf. Auch bei dem gehe alles elektronisch. Die Anmeldung des Wagens dauere ein Glas Wein im heimischen Wohnzimmer, das Auto und später die Nummernschilder würden nach Hause geliefert. Und wir in Deutschland? „Wir warten fünf Stunden auf der Kfz-Zulassungsstelle.“

„Et is immer besser, wenn se vorbeikommen“

Ein weiteres schlechtes Beispiel: die Kündigung von Eichhorns Jahreskarte des Öffentlichen Nahverkehrs bei seinem Umzug von Berlin ins Baltikum 2015.

Was die Deutschen in Sachen Digitalisierung von Estland lernen können

Die beiden Gastgeber des Abends, der Vorstandsvorsitzende der Dortmunder Volksbank, Martin Eul (l.), und deren Aufsichtsratschef und zugleich der Vorstandsvorsitzende der Signal Iduna Gruppe, Ulrich Leitermann (r.), zusammen mit Hauptredner Christoph Eichhorn © Dieter Menne

Auf die Frage, ob er nicht auch im Internet hätte kündigen können, habe die Mitarbeiterin die Frage a) nicht beantworten können und b) gesagt: „Aber et is immer besser, wenn se vorbeikommen.“

„Nicht theoretisieren, einfach machen!“

Der Diplomat hatte an dem von Ruhr-Nachrichten-Chefredakteur Dr. Wolfram Kiwit moderierten Abend auch Ratschläge dabei. Der wohl Wichtigste: „Nicht theoretisieren, einfach machen! Der Appetit kommt beim Essen! Die anderen Länder warten nicht auf uns!“ Und daran anknüpfend: „Warten Sie nicht auf ein Gesamtkonzept!“

Diese Frage nach dem Gesamtkonzept sei typisch Deutsch, so wie die Bedenken in Sachen Datenschutz. Auch hier empfahl Eichhorn die „estnische Lösung“: „Der Bürger entscheidet selbst: Wer darf was mit den Daten machen?“

Der Ministerpräsident zeigte Angela Merkel seine Gesundheitsakte

So habe selbst der estnische Ministerpräsident Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Besuch in Tallinn seine Gesundheitsakte an einem großen Bildschirm gezeigt. Er könne selbst markieren, wer Einblick in welche Daten haben solle.

Zum Beispiel, dass der Chirurg vor einer OP Zugriff auf alle gesundheitsrelevanten Daten bekomme, nach der OP aber für jeden weiteren Zugriff gesperrt werden könne.

Innerhalb von fünf Tagen muss klar sein, welche Daten gespeichert sind

In Estland müsse jeder bei einer Anfrage innerhalb von fünf Tagen antworten, welche Daten von einer Person gespeichert seien. Und wenn jemand zu Unrecht Einblick in Daten genommen habe, gebe es teils drakonische Strafen.

Wenig überraschend lautete Christoph Eichhorns Fazit: „Das Beispiel Estland zeigt, dass es geht.“

Zweimal die Woche ab Düsseldorf

Übrigens: Wer sich als Dortmunder anschauen möchte, wie Estland so funktioniert, kann direkt aktuell nur von Düsseldorf nach Tallinn fliegen. Aber wahrscheinlich lässt sich auch ganz viel bei einer Internet-Recherche herausfinden.

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