Was der Paketbote über seine Kunden weiß

dzPaketdienst

Volker Lay war 25 Jahre lang Paketbote im selben Bezirk. Jetzt hat er sein letztes Paket abgeliefert. Er nimmt die Gewohnheiten und Geheimnisse seiner Kunden mit in den Ruhestand.

Dortmund

, 01.10.2018, 04:21 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist kein gewöhnlicher Arbeitstag für den 63-jährigen Angestellten der Deutschen Post AG. Sondern es ist der letzte nach 44 Arbeitsjahren, 25 davon im Zustellbezirk zwischen der Wittbräucker Straße und dem Sommerberg im südlichen Stadtteil Höchsten.

An der Knappstraße empfangen ihn vor der prächtigen Herbstkulisse des Ruhrtals zehn Nachbarn, um Adieu zu sagen. Der gelbe Transporter wird morgen wieder die engen Straßen am Berghang hinauf schnaufen. Volker Lay wird dann zuhause sitzen. „Es ist ein Stückchen Wehmut dabei. Denn es ging hier immer sehr freundschaftlich zu. Ich verlasse eine gute Gemeinschaft“, sagt er.


Bei diesem Paketboten sind die Kunden zu Freunden geworden

Wenn ein Bote ein Paket bringt, dann hat er seinen Job gemacht. Volker Lay hat oft noch etwas mehr getan. Eine 95-jährige Nachbarin sagt: „Meine Langsamkeit ist ihm nie zu viel geworden. Er war immer zuvorkommend, hat mir auch schon die Einkäufe ins Haus getragen. Das ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.“

Eine Mutter aus der Nachbarschaft sagt: „Volker konntest du immer fragen. Er hat es sogar mal außerhalb seiner Arbeitszeit möglich gemacht, dass ich ein dringendes Paket noch bekommen habe, das ich für den Urlaub brauchte.“

Und er sei der einzige, bei dem die Kinder allein die Tür aufmachen dürfen. Gestresst sei er fast nie gewesen. „Nur, wenn der BVB nicht gewonnen hat“, sagt ein Mann, der hier mitten an einem normalen Wochentag einen Bayern-München-Trainingsanzug trägt.

Der Paketbote ist Erzieher, Weihnachtsmann und Geheimnisträger

Der Paketbote hat in dieser Gegend viele Rollen. Er ist Gesprächspartner, für manche der einzige am Tag. Er ist Erzieher. Er ist der leibhaftige Weihnachtsmann, der dafür verantwortlich ist, dass das neue Spielzeug auf magische Weise unter den Baum kommt. Er erfüllt den Erwachsenen ihre im Internet per Mausklick geäußerten Wünsche.

Er ist damit auch Geheimnisträger. Natürlich schweigt er über Details, denn er ist dem Postgeheimnis verpflichtet. Nur wenige Menschen wissen so viel über uns wie der Paketbote, zumindest wenn er regelmäßig an denselben Ort kommt.

Die meisten Menschen in seinem Bezirk hat Volker Lay schon in Unterhose oder Nachthemd gesehen. Er weiß, wer wann zuhause ist und damit auch, was beruflich und privat so los ist. Er kennt Familien- und Freundschaftsverhältnisse ­– allein schon, um zu wissen, wo er sein Paket los wird, wenn jemand mal nicht da ist.

Volker Lay hat erlebt, wie Kinder aufwachsen und wie Menschen sterben. „Es gibt einiges, das einen berührt. Aber man darf das nicht mit nach Hause nehmen und es zu sehr an sich heran lassen“, sagt er.

Ruhe findet der Bald-Rentner auf der Straße, er liebt das Motorradfahren. So komisch das auch klingt, angesichts von rund zwei Millionen beruflichen Straßenkilometern in 25 Jahren im Bezirk.

Der Konsumcharakter unserer Zeit spiegelt sich im Inhalt seines Wagens

Der Laderaum des gelben Wagens sieht in der Mitte von Volker Lays letzter Schicht schon ziemlich gerupft aus. Hier spiegelt sich der Konsumcharakter unserer Zeit: Mode, Elektrogeräte, Pakete mit asiatischen Schriftzeichen, geheimnisvolle Glücklichmacher für die privaten Hobbys.

Lay weiß, was sich die Leute schicken lassen - auch, wenn er nicht weiß, was in den Paketen drin ist. In den 90er-Jahren war noch klar, dass ein neutrales Paket mit dem Absender „Flensburg“ eine Bestellung aus dem Sexshop Orion enthält. „Das gibt es heute nicht mehr.“

Ein wachsamer Blick auf den Absender ist noch aus ganz anderen Gründen wichtig: Die Paketboten sind verpflichtet, verdächtige Bestellungen zu melden. So sei etwa Versandhausbetrug ein häufiges Thema. Kriminelle bestellen Waren auf falsche Adressen, fangen dann den Zusteller ab und stehlen die Produkte.

Wenn Pakete verschwinden

Pro Tag werden in Deutschland rund zehn Millionen Pakete ausgeliefert. Nicht überall geschieht das mit so viel persönlichem Einsatz wie bei Volker Lay auf dem Höchsten. „Ich habe mich selbst schon über Amazon-Zusteller beschwert, weil sie ein Paket einfach vor die Tür gelegt haben. Bei der Post werden wir Zusteller da persönlich in Regress genommen, wenn es verschwindet“, sagt der Dortmunder. Die von ihm ausgelieferten Pakete, darauf legt er Wert, seien alle angekommen.

Was der Paketbote über seine Kunden weiß

Viele Nachbarn kamen, um sich persönlich von „ihrem“ Zusteller zu verabschieden. © Felix Guth

In der Paketliefer-Branche werden große Umsätze generiert – 2017 waren es bundesweit rund 18 Milliarden Euro, die Zahl der Beschäftigten ist steigend. Die Post-Tochter DHL verschickt in Dortmund rund 20.000 Sendungen pro Tag.

Gleichzeitig sind die Arbeitsbedingungen oft schwierig. Geringe Bezahlung trifft auf hohen Zeitdruck und komplizierte Arbeitszeiten.

In der jüngeren Vergangenheit gibt es deshalb immer mehr Beschwerden über nicht-zugestellte Lieferungen. Zudem sind Paketfahrzeuge eine Belastung für den Straßenverkehr in der Stadt.

Drohnen könnten die Zukunft der Paket-Zustellung sein

Es ist deshalb überhaupt nicht verwegen, Menschen wie Volker Lay als aussterbende Art zu bezeichnen. Denn es gibt Szenarien, dass in einigen Jahren gar kein Mensch mehr an der Tür klingelt, um ein Paket zu bringen, sondern eine Drohne ein Signal auf das Smartphone sendet.

Das wirft die Frage auf: Wie hält es eigentlich ein Algorithmus mit dem Postgeheimnis?

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