Warum wir Dortmunder so sprechen wie wir sprechen

dzDortmunder Sprache

Dortmund hat seine eigene Sprache. Wenn ein Dortmunder spricht, hat das einen speziellen Klang. Viele Wörter gibt es nur hier. So ist die Dortmunder Sprache zu dem geworden, was sie ist.

Dortmund

, 27.08.2018 / Lesedauer: 6 min

Vor wenigen Monaten erschien ein Buch, das sich zum ersten Mal allein mit der Dortmunder Sprachlandschaft befasst. Der Band „Dortmund – Sprachliche Vielfalt in der Stadt“, herausgegeben von Markus Denkler, Heinz H. Menge und Dietrich Hartmann, vereint 14 Autoren unter der Fragestellung: Was macht die Dortmunder Sprache aus?

Das Buch ist eine Untersuchung der Dortmunder Sprachlandschaft aus vielen sprachwissenschaftlichen Perspektiven. Es gelingt ihm zugleich, auf leicht verständliche Weise zu zeigen, was die Sprache der Stadt beeinflusst.

Dortmund ist exemplarisch für das gesamte Ruhrgebiet

Der Impuls für diese Textsammlung kam von Markus Denkler, Geschäftsführer der Kommission für Mundart und Namensforschung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster. „Es gibt immer noch viele unerforschte Dinge in der Ruhrgebietssprache. Deshalb ist Dortmund mit seiner Bedeutung und Ausstrahlung exemplarisch“, sagt Markus Denkler.

Für den Sprachraum Dortmund gelten diese grundlegenden Annahmen:

  • Die niederfränkischen und westfälischen Dialekte, also das „Platt“, kommen so gut wie nicht mehr vor. An ihre Stelle ist eine Regionalsprache getreten, „Ruhrdeutsch“ genannt.
  • Es gibt einen Dortmunder Wortschatz. Es gibt etliche Beispiele, die in verschiedenen regionalen Wörterbüchern, etwa den „Dortmunder Wortschätzchen“ in den vergangenen Jahren gesammelt wurden. Populäre Begriffe sind etwa „pöhlen“ oder das „Hümmelken“, ein Schneidemesser, das man schon kurz hinter der Stadtgrenze zu Bochum nur unter dem Begriff „Pittermesser“ kennt.
  • Für Zuwanderer ist (Ruhr)-Deutsch eine „Lernersprache“. Zugleich prägen Erstsprachen von Zuwanderern den Sprachenmix in dieser Stadt. Rund 37 Prozent aller Dortmunder haben eine andere Muttersprache oder Zweitsprache.

Wie klingt es, wenn die Dortmunder sprechen?

Wer die Ohren weit aufsperrt, hört in Dortmund einen Mix von diversen Fremdsprachen und anderen deutschen Mundarten. Aber wer den Menschen beim Bäcker, im Supermarkt oder beim kurzen Gespräch auf der Straße zuhört, der entdeckt viele Merkmale dessen, was die Sprachwissenschaft als „Ruhrdeutsch“ klassifiziert. Zu hören sind diese sprachlichen Phänomene:

  • Langgezogene Vokale wie in „Kiache“ oder „Doatmund“. Linguist Heinz H. Menge sagt: „Dort wo der Vokal eigentlich kurz sein müsste , wird er lang. Man weiß nicht, warum das so ist.“
  • Verkürzungen von Konstruktionen hast du oder kannst du – hasse und kannsse.
  • Verkürzungen wie „lass ma“ oder „mach ma“
  • Konstruktionen wie „dat“ und „wat“
  • Plural mit „s“ wie Kumpels
  • Sätze wie „da weiß ich nix von“ oder „et is am regnen“
  • Das - im Schwinden begriffene - „woll“ am Ende eines Satzes.

Es sind diese und mehrere andere Merkmale, die schnell erkennen lassen, ob jemand schon lange in Dortmund lebt oder zugezogen ist. Wie hoch der genaue Anteil an Mundart-Sprechern in der Stadt ist, lässt sich nicht benennen.

Der Mensch verfügt über die Fähigkeit zum Wechseln der Sprach-Codes. Das bedeutet, er wendet in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Sprachstile an. Stehe ich also einem Mundart-Sprecher gegenüber, passe ich mich ihm an, während ich bei einem Gespräche auf dem Amt eher in einem gehobenen Stil spreche.

Das Platt stirbt aus, es gibt einen klaren Bruch. Das Ruhrdeutsch bleibt. „Es wird nicht aussterben. Es wird sich nur verändern“, sagt Heinz H. Menge.

Wo begegnet uns Sprache?

Dortmunder Sprache ist mehr als nur der Dialog zwischen Menschen. Welche Kultur eine Stadt geprägt hat, lässt sich auch an der „öffentlichen“ Verwendung von Sprache ablesen. Die Autoren von „Dortmund – Sprachliche Vielfalt in der Stadt“ nennen als Beispiele dafür zwei Dinge: die Straßennamen und die Sprache, die im Zusammenhang mit dem BVB benutzt wird.

Bei den Namen der 4000 Dortmunder Straßen finden sich vereinzelt Spuren aus der Platt-Vergangenheit, etwa bei alten Ortsbezeichnungen. Eine der raren öffentlichen Spuren des Niederdeutschen findet sich am alten Stadthaus. Dort prangt unter dem Stadtwappen der Spruch „So fast as Dörpem“ („So stark wie Dortmund“). Dieser Spruch, der auf die Kriegskünste der Stadtherren während der „Großen Fehde“ zurückgeht, ist Teil der städtischen Erinnerungskultur.

Darüber hinaus lebt das westfälische Platt nur noch in Stammtischen und Kursen weiter. Mit Leidenschaft zwar, aber nur in einem überschaubaren Rahmen.

Warum wir Dortmunder so sprechen wie wir sprechen

In den Straßennamen spiegelt sich die Sprachgeschichte einer Stadt wieder. © Dieter Menne

Die Dortmunder Straßennamen

Vor allem aber spiegelt sich hierin wider, wie sich eine Stadt selbst geschichtlich-kulturell verortet. Also, das „was sie geschichtlich gewesen ist und wem sie sich verpflichtet fühlt“. In den Straßenbenennungen ab dem 19. Jahrhundert dominiert in Dortmund der Bezug auf die erst aufstrebenden und dann untergegangenen Arbeitswelten von Kohle, Stahl und Bier.

In den Straßennamen werden arbeitstypische Begriffe und Orte wie Zechen, Flöze oder Fabriken abgebildet. Beispiele dafür finden sich in jedem Dortmunder Stadtteil, sei es nun die Knappenstraße, die Dreihüttenstraße oder die Brauerstraße. Dadurch werden Begriffe und Geschichten erhalten, die sonst völlig aus dem Gebrauch verschwinden würden.

Warum wir Dortmunder so sprechen wie wir sprechen

Der BVB ist Teil der Dortmunder Sprachlandschaft. © Fenja Stein

Was der BVB mit der Dortmunder Sprache zu tun hat

Was den BVB angeht, so hat dieser spätestens mit der extrem erfolgreichen Vermarktung von Kloppos Pöhler-Kappe aus dem Jahr 2010 erkannt, dass mit dem Image einer Marke auch ein bestimmter Sprachstil verbunden sein sollte. Die Autoren des Artikels im Dortmunder Sprachführer sprechen vom „Narrativ des Arbeitervereins Borussia Dortmund“.

Zwar seien Arbeiter unter Vereinsmitgliedern und Stadionbesuchern heute zahlenmäßig nicht besonders stark repräsentiert. Doch das „Schicksal“ des Vereins zwischen Aufschwung und Untergang seit den 1950er-Jahren werde als Parallele zur Geschichte der Stadt erzählt.

Mit der Amtsübernahme von Jürgen Klopp setzte eine Veränderung in der Sprache bei öffentlichen Auftritten ein. Klopp und auch sein Nachfolger Thomas Tuchel hätten sich immer wieder in das „Inszenierungsgefüge“ von Tradition, Arbeiterstadt und Arbeiterfußball eingefügt und das in ihrer Art der Ansprache an die Fans betont.

In den jüngsten sportlichen Krisenzeiten ließ sich etwas Ähnliches wieder beobachten. Die Vereinsverantwortlichen sprachen vermehrt das „Wir-Gefühl“ in der „BVB-Familie“ an und zielten damit nicht nur auf die Angestellten des Clubs ab.

Dass der BVB die Sprache der Stadt beeinflusst, lässt sich zudem noch daran ablesen, dass hier auch Nicht-Fußballfans wissen, was der „Tempel“ ist und was bedeutet „auffe Süd“ zu stehen.

Sprache ist Pop

Sprache wird benutzt, um ein Gefühl zu transportieren - und das lässt sich verkaufen. Es gibt eine jahrzehntealte Tradition in Kultur und Kabarett, mit der Mundart zu spielen. Sie beginnt bei Arbeiterdichter Erich Grisar in den 1930er-Jahren und Jürgen von Manger in den 1960ern und setzt sich bis heute mit Künstlern wie Torsten Sträter, Fitz Eckenga oder Bruno „Günna“ Knust oder Kai Magnus Sting fort.

Zum Drüberlustigmachen hat das Ruhrdeutsch schon immer gut funktioniert. In der jüngeren Vergangenheit wird die Sprache dieser Region aber mit einem neuen Selbstbewusstsein vorgetragen. Das aber immer noch nicht vergleichbar zu Mundarten wie Bayrisch oder Kölsch ist.

Bruno Knust gehört zu den Bühnenkünstlern, die das Ruhrdeutsch am meisten überspitzen. In einem Gespräch mit dieser Redaktion im Sommer 2014 hatte er einen „Ruhrpott-Hype“ nahen sehen, die regionale Sprache habe wieder einen „Qualitätsstempel“. Die Sprachwissenschaftler bestätigen diesen Eindruck vier Jahre später.

Wurde früher das Ruhrdeutsch in Schulen und Familien als Fehler angesehen und als minderwertig stigmatisiert, beobachten Mundart-Forscher wie Markus Denkler heute einen Generationenwechsel.

Warum wir Dortmunder so sprechen wie wir sprechen

Sprüche auf Ruhrdeutsch sind im Shop des Unternehmens „Dortmunderisch“ nach wie vor beliebt. © Sarah Rauch

Die jüngere Generation entdeckt die originale Dortmunder Sprache wieder

Womit wir wieder beim Thema Pop sind. Seit einigen Jahren gibt es in der jüngeren Generation ein großes Interesse an dem Spiel mit der Ruhrpott-Sprache. Gruppen wie das Unternehmen „Dortmunderisch“ erfreuen sich ungebrochenen Erfolgs. „Komma wacker anne Bude“ oder „Make Hoesch great again“ - es ist eben viel möglich mit der Dortmunder Sprache. Es gibt Taschen, T-Shirts, Tassen.

Die Gründer von „Dortmunderisch“ sprechen von einer „Bewegung“ hinter ihrer Seite, von der „Neuentdeckung der originalen Dortmunder Sprache“. Am Hauptbahnhof können Reisende Kühlschrankmagnete mit Ruhrpott-Sprüchen kaufen. Und sie dann zuhause zeigen und sagen: So sprechen die Dortmunder.

Die Sprache der Zukunft

Die Sprache in dieser Stadt war schon immer von äußeren Einflüssen bestimmt. Unter Tage waren kurze, schnell verständliche Signale gefragt, weshalb sich Bergmänner nicht freundlich den Hammer reichten, sondern den „Mottek“ forderten. Arbeiter aus Osteuropa hinterließen nachhaltige Spuren.

Mehrsprachigkeit gehört heute mehr denn je zu dieser Stadt. Allerdings mit starken Unterschieden zwischen den Ortsteilen. Ein Kapitel des LWL-Buches vergleicht „sichtbare sprachliche Äußerungen“ (Schilder, Sticker, Hinweise, Geschäftsnamen) in Hörde und in der Nordstadt.

Die Erkenntnis lautet, wenig überraschend, dass Mehrsprachigkeit in der Nordstadt deutlich ausgeprägter ist. Jede dritte sichtbare sprachliche Äußerung enthalte eine Fremdsprache, insbesondere türkisch und arabisch.

Digitalisierung und Globalisierung verändern die Sprache am stärksten

Viel stärker aber beeinflussen Digitalisierung und Globalisierung unsere Alltagssprache. Die Globalisierungssprache Englisch ist längst präsent im Stadtbild.

Ein immer größerer Anteil von Menschen kommuniziert über Messenger-Dienste, E-Mail, Internet-Plattformen. Die Schriftsprache ist stark verkürzt, sie wird funktionaler. Wir sprechen insgesamt weniger von Angesicht zu Angesicht miteinander.

Das hat Folgen wie diese: Mehr als ein Viertel aller Kinder, die in diesem Jahr eingeschult werden, erhalten eine Sprachtherapie. Nicht gerade das, was man gute Aussichten nennt.

Doch Sprache ist etwas Lebendiges. Sprache ist stark. Deshalb stehen die Chancen gut, dass wunderbare Wörter wie „Bütterkes“, „Klümpskes“, „Mottek“ oder „Wemser“ noch etwas überleben. Es liegt an jedem selbst.

Dortmunder Sprachgeschichte
  • Dortmund gehört zum Gebiet der westfälischen Dialekte, die sich über viele Jahrhunderte nördlich einer Grenze auf Höhe von Benrath (Niederrhein) herausgebildet haben.
  • Der historische Dortmunder Sprachraum wird begrenzt von Lippe im Norden und Ruhr im Süden. Die Ostgrenze verläuft von Bergkamen-Heil über Oberaden, Methler, Wasserkurl, Wickede, Holzwickede, Opherdicke nach Altendorf an der Ruhr.
  • Die Südgrenze folgt dem nördlichen Ruhrufer von Altendorf über Geiseke, Schwerte, Westhofen, Syburg und Ardeygebirge. Im Westen sind die „Grenzorte“ Stockum, Oespel, Lütgendortmund, Oestrich, Sodingen, Castrop-Rauxel, Henrichenburg. In dieser Zone hat sich ein eigenes „Düörpm’sch Platt“ (Dortmunder Platt) entwickelt, das bis zum Übergang des 19. ins 20. Jahrhundert wie in vielen anderen Regionen Standardsprache war.
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