Warum sich die Dortmunder trotz weniger Verbrechen immer weniger sicher fühlen

dz„Alles wird schlimmer“-Debatte

Wird in puncto Kriminalität „alles immer schlimmer“ in Dortmund? Die Polizeistatistik sagt das Gegenteil. Warum das Unsicherheitsgefühl trotzdem größer wird – und was Dortmund dagegen tut.

Dortmund

, 23.08.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Resonanz war riesig: Die Dortmunder Polizei hat jüngst auf Facebook eine Halbjahresstatistik zur Kriminalität veröffentlicht. Demnach hat es in der ersten Jahreshälfte 2019 so wenige Straftaten gegeben wie seit 15 Jahren nicht.

Damit lud die Polizei aktiv zur Diskussion ein. Denn Kommentare á la „Alles wird immer schlimmer“ sind keine Seltenheit in sozialen Netzwerken. Auch Bürgerumfragen zeigen immer wieder eine große Kluft zwischen gefühlter Sicherheit und den Zahlen der Polizei.

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Professor Dr. Thomas Feltes ist Kriminologe und Polizeiwissenschaftler an der Ruhr-Uni Bochum. Er bestätigt, dass sich subjektives Sicherheitsgefühl und objektive Sicherheitslage auseinander entwickeln. Denn während die Zahlen in der Statistik kleiner werden, nehme die „Verbrechensfurcht“ zu.

Dieses Phänomen wurde auch nach der Veröffentlichung der Kriminalitätszahlen sichtbar. Einzelne Facebook-Nutzer sprachen von „angepassten Zahlen“, die die Polizei präsentiere.

Warum driften Gefühl und Zahlen weiter auseinander?

Doch warum driften Sicherheitsgefühl und Statistiken überhaupt immer weiter auseinander? Wie Feltes ausführt, tragen ausgerechnet regelmäßige politische Verkündungen, alles gegen „die Kriminalität“ tun zu wollen, zur Verunsicherung der Menschen bei. Diese würden daraus „ableiten, dass die Kriminalität steigt“.

Die Angst ist ein Ventil

Der Wissenschaftler beschreibt die Angst vor Kriminalität als Ventil. Allgemeine gesellschaftliche Ängste würden auf konkrete Bereiche und Personen verlagert.

Warum sich die Dortmunder trotz weniger Verbrechen immer weniger sicher fühlen

Professor Dr. Thomas Feltes, Kriminologe © Peter Bandermann (Archiv)

„Wir wissen, dass sich Menschen dort sicherer fühlen, wo der soziale Zusammenhang und Zusammenhalt hoch ist.“
Dr. Thomas Feltes, Kriminologe der Ruhr-Universität Bochum

Zu einem schwelenden Unsicherheitsgefühl komme, dass auch lange Zeit anerkannnte gesellschaftliche Instanzen, etwa die Kirche, ihre Glaubwürdigkeit verspielt hätten. „Die Angst, Vertrautes zu verlieren, greift um sich“, sagt Feltes.

Mediale Thematisierung trägt ihren Teil zum Angstgefühl bei

Auch mediale Berichterstattung und Diskussionen in sozialen Netzwerken lässt Feltes nicht außen vor: „Das Gefühl, an allen Ecken und Enden würden Straftaten begangen, hat vor allem mit der medialen Aufbereitung und der politischen Diskussion bzw. dem Zusammenspiel von beidem zu tun.“ Es gehe dabei nicht unbedingt um die Zahl der Thematisierungen, sondern um deren Art und Weise.

„Viele spektakuläre Einzelfälle werden intensiv in allen Medien (vor allem auch den sozialen) diskutiert, und dabei wird teilweise auch mit falschen Informationen gearbeitet. Die Politik steigt dann ein und kündigt mehr und härtere Maßnahmen an – die dann leider nicht auf ihre Wirksamkeit hin untersucht werden.“

Masterplan für Dortmund

Bringt es also überhaupt etwas, den „Alles wird immer schlimmer“-Strömungen so entgegenzuwirken, wie es die Dortmunder Polizei getan hat – mit einer eigenen Facebook-Diskussion und der offensiven Veröffentlichung der Halbjahresstatistik?

Thomas Feltes beantwortet diese Frage mit Ja. Nach seiner Ansicht sollten Polizei und Politik alles daran setzen, die Bürger über die Statistiken zu informieren und sie sollten „alles verhindern, was Ängste schürt oder verstärkt“. Der Wissenschaftler sieht besonders lokale Politiker in der Pflicht. „Wir wissen, dass sich Menschen dort sicherer fühlen, wo der soziale Zusammenhalt hoch ist.“

Prinzipiell werden diese Vorschläge in Dortmund bereits umgesetzt. Nicht nur die Polizei versucht, dem allgemeinen Unsicherheitsgefühl entgegenzuwirken. Ein großes Projekt der Stadt, der „Masterplan Kommunale Sicherheit“, kommt hinzu.

Ein Plan für den Wohlfühlfaktor

Das Papier mit seinen mehr als 200 Seiten entspringt einer Zusammenarbeit unter anderem von Verwaltung, Polizei, Justiz, Wissenschaft, Stadttöchtern wie EDG und DEW sowie Dortmunder Bürgern.

Seit 2015 wurde dieser Masterplan entwickelt und Anfang 2019 im Rat der Stadt beschlossen – als „Orientierungsrahmen“ für konkrete Projekte: „Der Begriff der Sicherheit umfasst mehr als den reinen Schutz vor Kriminalität. Es geht um die gefühlte und wahrgenommene Sicherheit“, heißt es dazu in der Einleitung des Masterplans.

Im Groben geht es darum, den Wohlfühlfaktor in der Stadt beziehungsweise in den einzelnen Quartieren zu erhöhen. Die Lebensqualität steige mit der gefühlten Sicherheit.

Beleuchtung gegen Angsträume

Inhaltlich geht es um viele Einzelbausteine – konkret etwa um den Ausbau von Beleuchtungen im öffentlichen Raum. Oder auch um Videoüberwachung.

Ein Thema sind auch sogenannte Angsträume. „Es gibt kaum etwas, was die Bürgerinnen und Bürger in ihrem Sicherheitsempfinden so beeinflusst wie ‚Gefahrenorte‘ oder ‚Angsträume‘“, heißt es unter anderem dazu auf Seite 38 von 217.

Gerade hier gibt es dann durch das Thema Beleuchtung konkrete Maßnahmenvorschläge: So ist da die Rede von Begehungen der Stadtbezirke und dem Erstellen einer „Beleuchtungsmängelkarte“. So könnte man in entsprechenden Gebieten die Beleuchtung ausbauen, um die Angsträume damit zumindest einzuschränken.

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