Gendergerechte Formulierungen sind nicht der Untergang unserer Sprache. Die Hysterie über Sternchen und Bindestriche ist übertrieben – und nutzt am Ende den falschen Zielen.

Dortmund

, 09.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Menschen, die gendergerechte Sprache nicht mögen, denken gerne groß. Die Signalwörter mit der Vorsilbe „Gender“ lauten „Unfug“, „Wahn“ oder „Gaga“. Wer für die gleichberechtigte Nennung des generischen Maskulinums („Reporter“) und Femininums („Reporterinnen“) argumentiert, wird gerne mit Nazis verglichen und als Vergewaltiger der deutschen Sprache beschimpft.

Der in Dortmund ansässige Verein für deutsche Sprache ruft nun sogar Studenten dazu auf, ihre Unis zu verklagen: „Wer wegen seiner Weigerung Nachteile erleidet, akademische Arbeiten in grammatisch falscher gendergerechter Sprache abzufassen, soll bis zur letzten Instanz dagegen klagen“, heißt es in dem Aufruf.

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Sprache verändert sich

Gendersternchen-Witze haben längst die virtuellen Stammtische erreicht. Ich finde, es wird Zeit den Gegnerinnen und Gegnern zuzurufen: Kommt darüber hinweg, dass sich Sprache verändert.

Zunächst einmal geht es ja vor allem um die Sprache in formalen Zusammenhängen, die Sprache von Behörden und öffentlichen Institutionen. Wer die bisher verständlich und lesbar fand, sammelt privat wahrscheinlich zusammengesetzte Hauptwörter und baut gerne komplizierte Nebensätze im Hobbykeller zusammen. Was ein „*innen“, „-innen“ oder „-ierende“ noch schlimmer machen sollte, erschließt sich mir nicht.

Niemand hat die Absicht, an jeden Bürger Gendersternchen zu verteilen

Es ist meines Wissens niemandes Plan, von Haus zu Haus zu gehen und jedem Bürger ein Säckchen Gendersternchen in die Hand zu drücken, die unter Androhung von Strafe verwendet werden müssen. Es fährt nicht die Sprachpolizei mit quietschenden Reifen vor und stiehlt den Menschen ihre Sprache.

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Jeder darf weiterhin sprechen, wie er möchte. Macht er ja sowieso. Aber eben nicht in jeder Situation. Das war nie anders. In der Lehre sind sprachliche Codierung und Regeln so alt wie die Universitäten selbst. Wir passen unsere Sprache der Situation an, in der wir sie benutzen. Reden mit dem Chef anders als mit dem Partner oder der Partnerin und mit Kindern anders als mit Oma und Opa.

Sprache sollte integrieren, nicht ausschließen

„Gendern“ ist Ausdruck einer wichtigen Erkenntnis: Sprache kann ausschließen, sie kann verletzen. Die integrative Kraft, die sie gleichzeitig hat, zu benutzen, um etwas zu verändern, ist nicht diktatorisch, sondern unverzichtbar. Es ist die notwendige Gegenbewegung gegen die Verrohung der Sprache. Gegen die Vokabeln das Hasses und der Geringschätzung, die in so vielen politischen wie unpolitischen Zusammenhängen längst Wirklichkeit sind.

Natürlich: Es gibt Frauen, denen es vollkommen egal ist, ob ihre sprachliche Anredeform in einem Brief von der Stadt Dortmund miterwähnt wird. Das bedeutet aber nicht, dass es unwichtig ist, auf die Rücksicht zu nehmen, die sich davon ausgeschlossen fühlen.

Es existieren Studien darüber, dass Frauen durch die Reduzierung auf das generische Maskulinum weniger mitgedacht werden. Wer „Ärzte“ oder „Arbeiter“ liest, erwartet, dass es um Männer geht.

Die unheimliche Rückkehr der Männlichkeit

Komisch: Dabei lautet doch eines der häufigsten Gegenargumente gegen gendergerechte Sprache: Natürlich denken wir (alle! immer!) die Rolle von Frauen in der Gesellschaft mit, weil doch die Geschlechter (absolut!) gleichberechtigt sind.

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Eher nicht.

Denn aus irgendwelchen Gründen ist „Männlichkeit“ wieder ein Ding geworden in der Gesellschaft – was auch immer das sein soll. Und so kommen Vorbehalte gegen das generische Femininum vor allem von – Überraschung – Männern.

Sie sind angetrieben von dem Gefühl, dass ihnen seit dem Aufkommen des Feminismus und seit #metoo ja nicht mehr viel männliche Freiheit bleibe. Und jetzt will auch noch jemand an die Sprache ran. Sie entscheiden sich dafür, hysterisch zu werden und von den wahren Problemen abzulenken.

Davon nämlich, dass es 2019 eben immer noch einen Unterschied macht, wie sich am Anfang des Lebens Chromosomen zusammengesetzt haben. Es ist keine Leistung, ein Mann zu sein.

Der Streit über gendergerechte Sprache ist auch ein Kulturkampf

Das Ringen um gendergerechte Sprache ist deshalb auch Ausdruck eines Kulturkampfes. Der nicht nur mit Stift und Feder geführt wird, sondern ganz reale Auswirkungen hat. Es gibt eine Art radikale, antifeministische Männlichkeitsbewegung, auf die sich auch rechtsextreme Attentäter in der Vergangenheit bezogen haben.

Es gibt nach wie vor eine globale öffentliche (Sprach-)Kultur, die Frauen abwertet. Es gibt sexualisierte Gewalt, täglich, in Dortmund und anderswo.

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Es gibt Menschen, die überhaupt kein Interesse daran haben, dass sich an diesem Zustand etwas ändert. Und eben solche, die zumindest anfangen möchten, etwas zu ändern.

Bindestriche und Sternchen werden die Ungerechtigkeit nicht beenden

All das wird kein Sternchen und kein Bindestrich mit einem Schlag beenden. Aber es sollte möglich sein, überhaupt irgendwo anzufangen. Um vielleicht in einigen Jahrzehnten auf die Sprache dieser Zeit zu blicken und festzustellen: Es ist gar nicht alles schlimmer geworden. Sondern ein bisschen gerechter.

Warum, dürfen Sie fragen, geht denn dieser genderbegeisterte Autor nicht mit gutem Beispiel voran und versieht seinen Text mit lauter „*“ und „-“?

Antwort: Der Eingriff in die Sprachpraxis muss auf die formale Ebene beschränkt bleiben. Zu den Regeln der Sprache in Medien gehören Verständlichkeit, Lesbarkeit und schnelle Erfassbarkeit. Der Platz ist begrenzt, die Zeit von Ihnen, liebe Leser, ohnehin. Deshalb ist das generische Maskulinum auch in dieser Redaktion weiter Konsens. Was nicht bedeutet, dass sich daran in Zukunft nicht etwas ändern könnte.

Hinweis: Der Absatz zum Aufruf zu Klagen gegen die Universitäten wurde am 11.11., 14.20 Uhr präzisiert und im Original zitiert. In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Studenten sollten ihre Unis wegen der Nutzung von gendergerechter Sprache verklagen, was eine stark verkürzte Darstellung war.

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