Warum diese Rentnerin (66) nicht aufhören will zu arbeiten

dzArbeitsleben

Nicht für alle Menschen endet das Arbeitsleben mit der Rente. Manche Senioren arbeiten auch danach. Die Gründe können vielfältig sein und haben nicht immer mit Geld zu tun.

Dortmund

, 11.08.2019, 08:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Rente, das ist dieses mythische Zeitfenster zwischen Arbeitsleben und Tod, in dem man sich voll und ganz dem widmen kann, was man eigentlich wirklich endlich mal tun will. Quasi als Belohnung für die vorangegangenen Dienste an der Gesellschaft. Dass das mit diesem Generationenvertrag, dessen Zukunftsfestigkeit und Gerechtigkeit im Lichte des demografischen Wandels, von Industrie 4.0 und der Armutszuwanderung (um nur ein paar Einflussfaktoren zu nennen) komplizierter ist, als es diese fast kindliche Vorstellung der Rente erfassen kann, soll hier mal kurz außen vor stehen. Denn hier geht es um eine Frau, die sich gegen das obige Nirwana entschieden hat, um nach dem Eintritt ins goldene Rentenalter einfach weiterzuarbeiten.

Nicht den ganzen Tag nähen

„Ich würde auch arbeiten, wenn es da kein Geld für gäbe“, sagt Angelika Kersting-Illetschek (66) über einen Cappuccino im Schlosscafé Rodenberg hinweg. „Als ich in Rente gegangen bin, hatte ich erst mal das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Und man kann ja auch nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen und nähen.“

Bevor sie 2018 in Rente ging, war Angelika Kersting-Illetschek medizinische Fachangestellte in einer Arztpraxis gewesen, hatte viel mit Menschen zu tun. Sie hat gerne und viel gearbeitet, sagt sie. Und sie lebt aktiv, hat Hobbys und Freunde – auch im Alter. Trotzdem fehlte da was.

Zehn Stunden in der Woche kümmert sich Angelika Kersting-Illetschek daher um ältere Menschen: geht mit ihnen einkaufen oder in den Zoo, spielt mit ihnen Spiele und unterhält sich. Angestellt ist sie dafür bei einem Aplerbecker Unternehmen auf 450 Euro Basis. Anfangs sei ihr die Bewerbung gar nicht so leicht gefallen. „Ich musste mich schon überwinden – auch weil ich mich gefragt habe, ob ich damit nicht jüngeren Menschen den Job wegnehme.“

Ob jemand Jüngeres statt ihrer den Job bekommen hätte, lässt sich im Nachhinein kaum beantworten. Angelika Kersting-Illetschek scheint ihm jedenfalls mit Engagement nachzugehen, sinnerfüllt. Arbeit neben der Rente, die nicht aus der Not geboren ist, in einem sozialen Beruf, von dem andere ältere Menschen auch etwas haben: Das ist wohl der Optimalfall. Es geht aber auch anders.

Geld bedeutet soziale Teilhabe

Wohl Hunderttausende Rentner und Rentnerinnen in Deutschland arbeiten, weil sie das Geld brauchen. Statistisch erfasst werden die Motive, wegen derer Menschen neben der Rente arbeiten, nicht. Klar ist nur: Rund 1,3 Millionen Deutsche über 65 gehen weiterhin einer Tätigkeit nach. Dass der Anteil derer, die des Geldes wegen arbeiten, wohl nicht unerheblich ist, zeigt sich, wenn man mit Mitarbeitern von Seniorenbüros spricht oder offenen Auges durch die City geht und ältere Menschen wahrnimmt, die Pfandflaschen sammeln. Ein Anhaltspunkt ist auch ein Bericht, nach dem jeder fünfte Rentner in Deutschland von Altersarmut bedroht ist.

In einem Gesprächskreis, an dem auch Angelika Kersting-Illetschek teilnimmt, geht es um Finanzfragen im Alter. Einmal, so erzählt sie, sei jemand gekommen und habe erklärt, wie man als Rentner an vergünstigte Karten, zum Beispiel fürs Schauspiel kommt. Geld zu haben oder eben nicht ist immer auch entscheidend für die Teilhabe am sozialen Leben.

Warum Rentnerinnen, die das bereits ihr Leben lang getan haben, weiterarbeiten, dafür kann es verschiedenste Gründe geben. Finanzielle Not sollte keiner davon sein. Wie viel Geld man im Alter braucht, wie viel die nachfolgende Generation bezahlen kann und wie viel man durch seine Lebensleistung eigentlich verdient hat, das sind auch zutiefst moralische Fragen.

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