Darum will die Stadt Dortmund die Mieter im Gewerbegebiet so dringend loswerden

dzGewerbegebiet Dorstfeld-West

Im Räumungsstreit in Dorstfeld-West steht die Existenz von rund 300 Menschen auf dem Spiel. Warum betreibt die Verwaltung diesen Aufwand, um die Bewohner aus ihren Häusern zu vertreiben?

Dortmund, Dorstfeld

, 01.10.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit Mai 2019 läuft die Debatte über „illegale“ Bewohner des Industrie- und Gewerbegebiets Dorstfeld-West. Anwälte und Gerichte sind mit dem Fall beschäftigt. Warum betreibt die Verwaltung diesen Aufwand, um die Bewohner aus ihren Häusern zu bekommen? Um was für ein Gebiet geht es hier eigentlich?

Große Schilder empfangen Besucher des Gewerbegebiets Dorstfeld-West, darauf das Leitsystem zu den Firmen, die hier ansässig sind. Drei besonders wachsame Wachhunde hinter einem Zaun registrieren an der Straße Iggelhorst jeden, der vorbeikommt. Es gibt hier verschiedene Groß-Unternehmen, mittelständische Handwerksbetriebe, das Deutsche Rote Kreuz hat hier seinen Sitz, auch von einem Bordell wollen manche hier wissen.

Die Wohnhäuser fallen kaum auf - doch sie sind das Streitobjekt

Hohe Zäune, Lagerhallen, Bürogebäude prägen diesen Teil des Gewerbegebiets. Die Wohnhäuser an der Straße Iggelhorst fallen gar nicht groß auf. Doch sie sind das Streitobjekt. Dass Gewerbegebiete nicht zum Wohnen da sind, ist unstrittig. Ein entscheidender Punkt in Dorstfeld-West ist aber, wie lange städtische Ämter schon von den Wohnungen wussten und diese möglicherweise toleriert haben.

Es gibt verschiedene Aussagen über alte Baugenehmigungen aus einer Zeit, lange, bevor sich hier Unternehmen angesiedelt haben. Und es gibt öffentlich verfügbare Nachweise jüngeren Datums, die zeigen, dass die Stadt Dortmund sehr wohl schon länger von den Bewohnern wusste, als sie zuletzt angab.

In der politischen Beratung über Dorstfeld-West ging es mehrmals um das Thema Wohnen

Bereits 2003 war in den Beratungen über die Entwicklung des ehemaligen Zechenstandorts im Westen von Dorstfeld zum Industriegebiet dieser Satz zu lesen: „Ziel der Planänderung ist es, ein verträgliches Nebeneinander von Wohnen und Einzelhandel in Verbindung mit anderen, gemischten Nutzungen auch in Bezug auf die nähere Umgebung herzustellen.“ 2008 ist in einer Ratsvorlage ebenfalls vom „Schutz der nächstgelegenen Wohnbebauung“ die Rede.

2015 liefert die Stadtverwaltung schließlich selbst Zahlen. Im Auftrag des Umweltamts verfassen Gutachter den „Endbericht Integriertes Klimaschutzteilkonzept für das Gewerbegebiet Dorstfeld-West“. Mit dem Konzept sollen Themen wie Breitbandausbau, grüner Strom, Anpassung an Folgen des Klimawandels oder Mobilität gefördert werden. Das Gebiet ist seitdem ein „Innovation Business Park“.

In einem Gutachten des Umweltamts von 2015 steht die Zahl von 310 Bewohnern

Die Gutachter stellen nicht nur fest, dass hier 5000 Menschen arbeiten. Sondern auch: Hier wohnen 310 Personen, und es gibt Gebäude mit einer Mischnutzung von Büro und Wohnen.

Die Stadt Dortmund sieht darin keinen Widerspruch zu ihrer Haltung, dass die Wohnungen zu räumen seien. Sprecher Maximilian Löchter sagt: „Grundsätzlich gibt es auch in einem Gewerbegebiet zulässige Wohnformen, sodass die Zahl 310 keinen unmittelbaren Anlass geben muss zu Unrechtsvermutungen. Vielmehr ist diese Zahl völlig aus dem Zusammenhang gegriffen und muss letztlich im Kontext mit der Größe und den Nutzungen des Gesamtkomplexes gesehen werden. Auch im Gewerbegebiet lebende Betriebsleiter dürfen Familien mit Kindern haben.“ Zudem habe es beim Klimaschutzkonzept „keine direkten Berührungspunkte“ zwischen Bauordnungsamt und Umweltamt gegeben.

Stadt Dortmund stellt sich „hinter die Interessen der Gewerbetreibenden“

Es wird deutlich: Dieses Gewerbegebiet ist eines von gut zwei Dutzend in Dortmund. Aber es hat eine große wirtschaftliche und auch symbolische Bedeutung. Stadtsprecher Maximilian Löchter sagt: „Die Stadt stellt sich hinter die Interessen der ansässigen Gewerbetreibenden in Dorstfeld, denen sehr daran gelegen ist, dass ihr Bereich als Gewerbegebiet erhalten bleibt und es zu keinen Einschränkungen für die Firmen kommt. Dies wäre die Folge, wenn das Gewerbegebiet in ein Mischgebiet umgewandelt würde, um das allgemeine Wohnen zu legalisieren.“

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Es gibt weiterhin Flächen mit Potenzial. Das Unternehmen „Aroundtown Commercial Properties - Teil des Unternehmensgeflechts, das auch hinter dem Hannibal in Dorstfeld steht - bietet in Immobilienportalen Logistikflächen für Produktions- oder Lagerhallen an. Aroundtown-Sprecher Florian Kirchmann sagt zum Stand der Dinge: „Wir befinden uns in der Planungsphase und prüfen intern und am Markt derzeit verschiedene Optionen für die zukünftige Entwicklung des Geländes. Wir sind dazu auch in Kontakt mit verschiedenen Ämtern und Behörden der Stadt Dortmund.“ Die Stadt Dortmund teilt mit, dass es bisher keinen Kontakt des Bauordnungsamts zu Aroundtown gegeben habe.

Der Ausgang des Gerichtsverfahrens könnte richtungsweisend sein

Bekommen die Mieter vor Gericht Recht, könnte das die Zukunft des „Business Parks“ gefährden. Das Industriegebiet müsste dann zu einem Mischgebiet erklärt werden, in dem Wohnen erlaubt ist. Unternehmen hätten wohl Skepsis, sich in einem Industriegebiet niederzulassen, in dem Anwohnerbeschwerden drohen. Bereits ansässige Unternehmen könnten Dorstfeld den Rücken kehren.

Maximilian Löchter teilt für die Stadt Dortmund mit: „Bis zum heutigen Tag gibt es keinen Anlass zu der Vermutung, dass ein Gericht das allgemeine Wohnen im Gewerbegebiet für zulässig erklärt, da es hierfür keine gesetzliche Grundlage gibt.“

Vergleichbare Szenarien aus anderen Gewerbegebieten sind der Stadt nicht bekannt. Laut Löchter wird es keine anlasslosen, präventiven Prüfungen geben.

Transparenzhinweis: In dem Gewerbegebiet befindet sich auch die Druckerei der Zeitung Ruhr Nachrichten. Sie ist von dem Prozess weder berührt noch irgendwie darin involviert.
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