Der Klimawandel wird unsere Städte verändern – was Dortmund bevorsteht

dzKlare Kante

Umweltschutz und Klimawandel werden zum Totalumbau unserer Großstädte führen. Wie wirkt sich das auf Dortmund aus? Ein Meinungstext über Mammutbäume, Gullideckel und leise Streifenwagen.

von Dietmar Seher

Dortmund

, 22.10.2018, 03:52 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Freunde und Helfer kamen in diesem Sommerurlaub auf leisen Sohlen. Mucksmäuschenstill zog der Streifenwagen der Polizei von Norderney an uns vorbei. Ordnungshüter fahren auf der Insel elektrisch. Wie ihre Kollegen vom Bauamt, von der Post und nicht wenige Privatautos. Wenn man will: Sie testen dort auf den paar Quadratkilometern zwischen Düne und Watt ein Stück Zukunft. Die Fahrverbots-Urteile zum Diesel-Straßenverkehr in Großstädten treiben den Umbau auf neue Technologien bundesweit voran. Die EU-Entscheidung zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes wird zum Brandbeschleuniger dieser Entwicklung.

Norwegen als Beispiel

Es gibt kein Zurück. In Norwegen ist die Hälfte aller neu zugelassenen Autos elektrisch unterwegs. VW will 2020 150.000 Fahrzeuge seiner Elektro-Familie ID verkaufen. Zur gleichen Zeit soll nach dem Willen der Stadt Dortmund schon jedes fünfte Fahrzeug so angetrieben werden. Das ist zwar sportlich. Laut Eon-Konzern waren Mitte letzten Jahres gerade 140 E-Autos mit dem Kennzeichen DO gemeldet.

Trotzdem: E-Autos. Mehr Grün. Mehr Rad- und öffentlicher Verkehr. Mehr Fußgänger. Geänderte Straßenverläufe. Das ist die Revolution, die in der Luft liegt. Großstädte werden Planungen nach Umwelt- und Klimaschutz ausrichten. Was das für Dortmund bedeutet? Stadtleben und Stadtbild zwischen Brechten und der Hohensyburg werden im Jahr 2030 anders sein als heute.

Der absehbare Aufstieg des lärm- und abgasarmen E-Autos hat Einfluss auf die kommunale Infrastruktur. Ladesäulen werden Tankstellen ergänzen oder ersetzen. Nach den Vorstellungen der Stadt werden sie auch in 700 Laternenpfählen untergebracht.

Kosten für Lärmschutz werden gespart

Ein Gedankenspiel führt viel weiter: Die Pläne für das alte Dortmunder Traumprojekt, die B 1 in den Tunnel zu legen, könnten darüber endgültig im Papierschredder landen. Bei einem Baubeginn nach 2030 (wenn überhaupt…) rechtfertigen sich die Tunnelführungen bei vorsichtig geschätzt 350 Millionen Euro Kosten weder aus Lärmschutz- noch aus Luftreinhaltegründen.

Staus ersparen uns aber auch die E-Autos nicht. Münster, heute schon NRW-Meister in Sachen Radwegenutzung, denkt deshalb ernsthaft über eine zusätzliche City-Maut nach. Dortmund kann besser auf U- und Stadtbahnen setzen.

Die Dortmunder sind darin heute schon gut. Jeder Fünfte nutzt den öffentlichen Verkehr, das sind prozentual mehr Fahrgäste als in Essen oder Düsseldorf. Was fehlt, sind Verlängerungen der U-Bahnen in die autobelasteten Außengebiete. Die angedachte Fortsetzung der U 47 in Aplerbeck bis zum Anschluss an das Regional- und S-Bahn-Netz passt gut in ein solches Konzept. Überdies: Nicht billigere Tickets sind die Voraussetzung für einen verstärkten Umstieg auf die „Öffis“. Kürzere Taktzeiten sind es. Die U-Bahnen von DSW 21 fahren in der Regel alle zehn Minuten. In Berlin, Hamburg, München kommen sie über Tag alle vier Minuten. Das sind Vorbilder.

Der Klimawandel wird weiterreichende Veränderungen erzwingen. Wir werden uns an Extremwetter gewöhnen müssen. Seit Stadtteile wie Dorstfeld und Marten mehrfach nach Starkregen unter Wasser standen, sind in den nächsten Jahren Eingriffe in den öffentlichen Raum unausweichlich. Das Gelsenkirchener Institut für unterirdische Infrastruktur hat eine Liste in der Schublade. Hauptstraßen sollten notfalls als Kanäle genutzt werden können und höhere Bordsteine bekommen. Spielplätze und Unterführungen werden zu Not-Auffangflächen. Und auch wenn die Städte händeringend Bauland suchen, um Druck vom Wohnungsmarkt zu nehmen: Mehr noch sind Freiflächen nötig, wo Wassermassen versickern können. Der Meteorologe Guido Halbig vom Deutschen Wetterdienst spricht von der „Schwammstadt“.

Die Sache mit den Gullis

Da ist noch die Sache mit den Gullis. Viele haben Streben quer zur Fahrbahn, damit Fahrradfahrer nicht stürzen. Bei Sturzfluten wird diese Anordnung zur Falle. Das Wasser schießt über die querliegenden Streben hinweg, kann nicht in die Kanalisation abfließen. So sucht es sich den Ausweg in die nächsten Keller. Zurück zum Längs-Einbau? Geht auch nicht, wegen der Radfahrer. Um beiden Zielen gerecht zu werden, braucht es für die Zukunft also den Gehirnschmalz eines Gulli-Designers.

Starkregen ist die eine Herausforderung. Hitze die andere. Das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung glaubt, dass Dortmund das Potenzial hat, in den nächsten Jahrzehnten unter dem Einfluss der Erderwärmung eine „urbane Hitzeinsel“ zu werden. Besonders häufigere Nächte mit Temperaturen von 20 Grad plus werden für Ältere schwer erträglich und gesundheitsschädlich sein.

Begrünungen und mehr Bäume

Begrünungen – Dachgärten, mehr Bäume - können das mildern. Dortmund sollte nach Köln gucken: Köln hat ein „Waldlabor“ eingerichtet. Nahe der Autobahn A 4 liegt eine Aufforstung, wo die Lebensfähigkeit verschiedenster Baumarten unter den Voraussetzungen erwärmter Stadtviertel getestet wird. Experten beim Land empfehlen, dass die Ballungsräume an Rhein und Ruhr über das Anpflanzen von Mammutbäumen nachdenken sollten. Was zum guten Schlaf der künftigen Dortmunder beitragen könnte.

Der Stadtrat will Ende des Jahres über „Mobilität 2030“ reden. Vielleicht lässt er Sequoioideae aus der Gruppe der Gefäßgewächse in die Mitte der weiter übertage geführten B 1 pflanzen? Sozusagen eine B1-Mammutbaumallee. Unter der rollt dann lautlos das E-Auto. Tief in der Erde quietscht alle vier Minuten die U-Bahn. Könnte so klappen, die Zukunft.

In der Kolumne „Klare Kante“ fühlen Redakteure und Gastautoren regelmäßig einem Dortmunder Thema auf den Zahn, das ihnen am Herzen liegt. Haben Sie zu den Auswirkungen des Klimawandels für Dortmund und zur E-Mobilität auch etwas zu sagen? Dann schreiben Sie an lokalredaktion.dortmund@rn.de
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