Von Dummheit und Vertrauensbruch: der juristische Jahresrückblick

dzSonntagsgericht

Auch in 2018 gab es wieder einige Prozesse, die über den Gerichtssaal hinaus Menschen bewegt haben. Unser Gerichtsreporter blickt zurück und kührt auch den Prozess des Jahres.

Dortmund

, 30.12.2018, 15:47 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Prozess des Jahres war ohne Zweifel der gegen Sergej W., den Mann, der am 11. April 2017 drei Bomben neben dem Mannschaftsbus von Borussia Dortmund gezündet hatte. Obwohl der 29-Jährige die Tat frühzeitig zugegeben hatte, dauerte es bis November, ehe die Richter ein Urteil sprechen konnten. Zuvor hatten fast alle Insassen des Busses als Zeugen aussagen müssen. Vor allem die Tränen von Matthias Ginter beeindruckten die vielen Prozessbeobachter nachhaltig. Sergej W. wurde schließlich wegen Mordversuchs zu 14 Jahren Haft verurteilt, hat allerdings auch schon – wie auch die Staatsanwaltschaft – Revision eingelegt.

Dummheiten, Vertrauensbrüche und ihre Folgen

Die größte Dummheit hatten sich wahrscheinlich zwei Polizeibeamte geleistet, die eine Affäre begonnen hatten und sich gegenseitig geheime Mitschnitte von Vernehmungen oder Gesprächen mit Kollegen auf die Smartphones schickten. Für den Vertrauensbruch wurde die Frau bereits 2017 zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Ihren ehemaligen Geliebten erwischte es im Dezember. Er erhielt die gleiche Strafe und muss genau wie seine Kollegin nun auch noch fürchten, aus dem Dienst entfernt zu werden.

Den größten Vertrauensbruch hatte jedoch ein anderer Angeklagter begangen: der Frauenarzt, der in seiner Praxis in der Innenstadt heimlich Videoaufnahmen der Intimbereiche seiner Patientinnen gemacht hatte. Sechs Jahre nach der Aufdeckung des Skandals konnte der Gynäkologe im November endlich verurteilt werden. Weil inzwischen Teile der Vorwürfe verjährt waren, blieb es bei 22 Monaten Haft auf Bewährung.

Das letzte Urteil in der Laufbahn des langjährigen Dortmunder Schwurgerichts-Vorsitzenden Wolfgang Meyer erging gegen zwei Männer, die den Kosmetikartikelhändler Ulvi K. in seiner Garage in der Nordstadt getötet hatten. Obwohl die Richter mehr als anderthalb Jahre verhandelt hatten, ließ sich den beiden Angeklagten ein Mord am Ende nicht sicher nachweisen. Wegen Raubes mit Todesfolge erhielten sie zwölf Jahre und drei Monate beziehungsweise zwölf Jahre und neun Monate Haft. Nach dem Urteil trat Meyer seinen Ruhestand an.

Angriff auf BVB-Fan

Besonders gravierende Folgen hatte der Angriff eines Sicherheits-Mitarbeiters auf einen BVB-Fan nach einem Bundesliga-Heimspiel im Signal-Iduna-Park. Der Fußballfan wurde von einem Tritt so unglücklich getroffen, dass er ungebremst zu Boden stürzte und sich schwerste Kopfverletzungen zuzog. Heute ist der Mann fast blind und hat sein Gedächtnis sowie seinen Geschmacks- und Geruchssinn verloren. Der Angeklagte wurde im November vom Amtsgericht zu drei Jahren Haft verurteilt.

Die Finger verbrannt hat sich in diesem Jahr der frühere Chef der Dortmunder Feuerwehr, Klaus-Jürgen Schäfer. Verschiedene Beiträge auf seinem privaten Facebook-Profil hatten zunächst die Polizei, dann die Staatsanwaltschaft und schließlich auch die Gerichte auf den Plan gerufen. Schäfer, der seit Jahren nachweislich der rechten Szene nahesteht, hatte gegen Flüchtlinge und Angehörige des linken Spektrums gehetzt. Nachdem das Amtsgericht im Sommer eine Geldstrafe verhängt hatte, verurteilte das Landgericht Schäfer in der Berufung zu neun Monaten Haft auf Bewährung.

Eine der traurigsten Geschichten ist die von Nicole-Denise Schalla, die im Oktober 1993 auf dem Heimweg im Jungferntal getötet wurde. 25 Jahre lang suchte die Polizei nach dem Mörder. In diesem Sommer gelang bei einer nachträglichen DNA-Untersuchung vermutlich der Durchbruch. Seit Dezember muss sich ein heute 53-jähriger Mann wegen Mordes vor dem Schwurgericht verantworten. Der Angeklagte ist bereits wegen gewalttätiger Übergriffe auf Frauen verurteilt und soll seinerzeit in Castrop-Rauxel gewohnt haben. Zu Prozessbeginn hat er den Mord an Nicole-Denise Schalla bestritten.

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