Vom Wohnzimmer in die Espressobar: 35-Jährige lässt lange Arbeitslosigkeit hinter sich

dzSozialer Arbeitsmarkt

Der „soziale Arbeitsmarkt“ soll langzeitarbeitslose Menschen in Lohn und Brot bringen. Die 35-jährige Aysun Ayar hat es geschafft - und arbeitet nun in einer Espresso-Bar am Phoenix-See.

Dortmund

, 30.03.2019 / Lesedauer: 3 min

Seit Jahren ohne festen Arbeitsplatz, hat sich die gelernte Buchhalterin Aysun Ayar lange auf die Erziehung ihrer beiden sechs- und neunjährigen Töchter konzentriert. Ihr Mini-Job in der Espresso- und Kaffeebar „Espresso Perfetto“ am Phoenix-See hat sie nie wirklich ausgelastet. Als sie vor Wochen nach einer Festanstellung gefragt wurde, musste sie nicht lang überlegen. Seit Februar hat sie nun einen unbefristeten und sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag - und seitdem eine 40-Stunden-Woche in der vertrauten Wirkungsstätte.

Sie steht täglich von 8.30 Uhr bis 14.30 Uhr in der Küche, bereitet Frühstück und Kaffee für die Gäste vor, kocht und springt beim Service ein. Gegen Abend hängt sie eine weitere Stunde dran. Sie wird nach Tarif bezahlt: 9,53 Euro pro Stunde. Die Arbeit gefalle ihr gut, die Kollegen seien nett. Sie habe nicht dauerhaft vom Jobcenter abhängig sein wollen, sagt Aysun Ayar. „Ich möchte mich meinen Töchtern als Vorbild präsentieren.“ Güven Tükenmez, Inhaber des „Espresso Perfetto“, ist voll des Lobes über seine Arbeitskraft. Sie habe sich schnell eingearbeitet, sei zielorientiert und zeige Einsatzwillen. „Eine sehr gute Wahl.“

Rund 200 Menschen bislang vermittelt

So könnten inzwischen einige Arbeitgeber über frühere Langzeitarbeitslose denken. Aysun Ayar gehört zu jenen rund 650 Menschen, die vom Jobcenter für den „sozialen Arbeitsmarkt“ ausgeguckt worden sind. „Teilhabe am Arbeitsmarkt“ heißt das Förderinstrument, das der Bund den Arbeitsvermittlern unter §16 i im Sozialgesetzbuch II (SGB II) Anfang 2019 an die Hand gegeben hat. Damit sollen Menschen an Arbeit herangeführt werden, die lange keine Firma betreten haben und seit mindestens sechs Jahren Leistungen vom Jobcenter bekommen. Rund 6,6 Millionen Euro stehen dafür 2019 zur Verfügung.

Vom Wohnzimmer in die Espressobar: 35-Jährige lässt lange Arbeitslosigkeit hinter sich

Demnächst wird Aysun Ayar Espressomaschinen direkt zu den Kunden liefern. Deshalb holt sie den Führerschein nach. Bis zu 3000 Euro Kosten trägt das Jobcenter. © Schaper

Karin Plagge spricht vorsichtig von „Menschen, die dem Arbeitsmarkt sehr fern sind“. Die Mitarbeitern des Jobcenters hat die Aufgabe, diese Menschen beim Wiedereinstieg ins Berufsleben zu unterstützen („coachen“). Dass nicht immer alles glatt läuft, weiß Plagge aus Erfahrung. Früh aufstehen, pünktlich am Arbeitsplatz sein – Hürden, die erst einmal überwunden werden wollen. Nicht so für Aysun Ayar. Einmal pro Woche, immer mittwochs, fährt Karin Plagge zum einstündigen Gespräch in die Espressobar. Fragt, wie's läuft, gibt Tipps und diskutiert mit Aysun Ayar beispielsweise, welche Steuerklasse für die Beschäftigte vorteilhafter wäre.

Rund 200 ehemals langzeitarbeitslose Menschen in Dortmund sind seit Jahresbeginn über den „sozialen Arbeitsmarkt“ in eine feste Anstellung gekommen, sagt Michael Schneider, Sprecher des Jobcenters. Weitere 70 Vermittlungen seien in Arbeit. „Die Nachfrage ist größer, als wir dachten.“ Sie arbeiten als Hausmeister und Auslieferungsfahrer. Sie sitzen am Empfang, helfen im Verkauf und im Lager oder sind im Gaststätten- und Hotelgewerbe tätig, meist in kleineren und mittleren Betrieben. Sie arbeiten für Tariflohn, den der Arbeitgeber zahlt - und den ihm das Jobcenter ersetzt.

Chef gibt Geld für Führerschein

Jedes Unternehmen, das einen langjährig Arbeitslosen von der Straße holt, kann sich die Lohnkosten vom Jobcenter fünf Jahre fördern lassen: in den ersten beiden Jahren in vollem Umfang zu 100 Prozent. Ab dem dritten Jahr sinkt die Förderung auf 90, 80 und schließlich auf 70 Prozent. „Das sind attraktive Bedingungen, auch für Unternehmen“, sagt Schneider.

Von ihnen profitieren auch Aysun Ayar und ihr Chef. Seine neue Angestellte soll Kunden künftig mit Espresso-Maschinen beliefern. Dafür benötigt sie einen Führerschein, den sie in Kürze machen will. Die Kosten für die Fahrausbildung trägt ihr Chef. Auch die kann er sich ersetzen lassen: Für Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen stehen pro Arbeitnehmer 3000 Euro im Budget.

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