Viele Lehrer verlassen die Schule vorzeitig und gehen in Rente

dzZahlen verdoppelt

Immer mehr Lehrer verlassen die Schule vor dem regulären Rentenalter. Inzwischen bleibt nur jeder Fünfte bis zum Schluss. Die Gewerkschaft GEW sieht dafür vor allem nur einen Grund.

Dortmund

, 05.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Nur noch 20,8 Prozent der Lehrer in NRW haben im vergangenen Jahr bis zur regulären Altersgrenze für eine Pensionierung gearbeitet, sagt die Statistik des Landesbetriebes IT NRW. Im Regierungsbezirk Arnsberg, zu dem Dortmund gehört, waren es 23,8 Prozent, in Dortmund 26,5 Prozent, teilt die Bezirksregierung auf Anfrage mit. Vor zehn Jahren waren es laut Studie landesweit noch knapp 42 Prozent.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht vor allem einen Grund für diese Zahlen: „Die zentrale Frage, die sich ab 60 stellt, ist doch, wie lange schaff‘ ich das noch“, sagt Volker Maibaum, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Dortmund. Diese Frage stellten sich immer mehr Kollegen. Das sei umso dramatischer, weil der Nachwuchs fehlt. Maibaum: „Vor zehn Jahren war man noch froh, wenn Lehrer vorzeitig sich verabschiedeten, und so Platz für Nachwuchs schaffen“.

Hauptsache raus, egal was es kostet

Jürgen Gottmann, bis 2011 Leiter einer Grundschule und inzwischen in Sachen Rente und Pensionierung für die GEW beratend in NRW unterwegs, kann aus eigener Erfahrung diese Einschätzung nur bestätigen: Oft habe er Sätze wie „ich halte das nicht mehr aus“ gehört. Der Drang, irgendwie raus zu kommen aus dem Job, sei bei vielen groß.

Früher sei es in den Beratungen vor allem darum gegangen, was es koste, den Job früher als vorgesehen aufzugeben, also zu klären, wie groß die finanziellen Verluste bei einem früheren Renteneintritt seien. Heute aber höre er immer wieder, „egal, was es kostet, Hauptsache raus“. Manche würden sogar in den Beratungen eine Kündigung ins Spiel bringen. Viele Lehrer fühlten sich einfach überfordert: Der Ton in der Schule insgesamt sei rauer geworden, die Aggressionen hätten zugenommen. Viele müssten Probleme bewältigen, deren Lösung sie nicht gelernt hätten: „zum Beispiel Sozialarbeiter spielen“, sagt Gottmann.

Lösungen könne er nicht immer anbieten, sagt Gottmann. Das sei auch für ihn nicht immer angenehm. Sein GEW-Kollege Maibaum berichtet ähnliches: Lösungen seien auch deshalb nur eingeschränkt möglich, weil das Modell Altersteilzeit längst nicht mehr so attraktiv sei, wie es mal vor Jahren gewesen sei, als man noch viel früher in die Freistellungsphase habe kommen können. Das Modell werde folglich viel weniger in Anspruch genommen.

Der Rückzug der älteren Lehrer sorgt an anderer Stelle für Druck

Er geht auch davon aus, dass immer mehr Lehrer sich frühzeitig genau überlegen, wann für sie Schluss ist. Maibaum: „Wenn Sie zum Beispiel im März 65 werden müssen sie eigentlich bis Schuljahresende im Sommer weiterarbeiten. Viele entschließen sich jetzt, dann einfach ein Jahr früher aufzuhören, statt noch länger zu machen.“

Der verstärkte Rückzug der älteren Lehrer erzeugt wiederum bei Schulen, Bezirksregierung und Schulministerium Druck, weil ohnehin schon Lehrer fehlen.

Im Rahmen eines „Maßnahmenpaketes zur Verbesserung der Lehrkräfteversorgung“ setzt das Schulministerium neben anderen Maßnahmen auch auf die angehenden und bereits in den Ruhestand getretenen Lehrkräfte. Lehrerinnen und Lehrer, die kurz vor der Pensionierung stehen, sollen motiviert werden, ihre Dienstzeit zu verlängern. Wer sich bereits im Ruhestand befindet, soll dafür gewonnen werden, stundenweise in den Schuldienst zurückzukehren.“

Schulministerin Yvonne Gebauer: „Auch wenn die Lehrerinnen und Lehrer nicht früher in den Ruhestand gehen als alle anderen Landesbeamten, schmerzt es im Schulbereich aufgrund des gravierenden Lehrermangels natürlich besonders. Ich freue mich über jede und jeden, der länger im Schuldienst bleibt“, sagte sie.

Verträge für Teilzeit werden nicht mehr automatisch verlängert

Und noch eine Idee macht nach Angaben Jürgen Gottmanns Schule: Teilzeitverträge der Lehrer werden nicht verlängert. Gottmann: „Angefangen hat das vor rund zwei Jahren im Regierungsbezirk Köln“. Bis dahin sei die Verlängerungen der Teilzeitverträge ein Automatismus gewesen. Jetzt sollten die Kollegen oft auf eine volle Stelle wechseln.

„Da sind Kollegen dabei, die sind an die 60 und arbeiten seit 30 Jahren in Teilzeit, die wollen und können keine ganze Stelle besetzen“, betont Gottmann. Er hält das alles für kontraproduktiv, „die Kollegen machen das ein Jahr, und dann sind sie kaputt“, sagt der Gewerkschafter.

Jürgen Gottmann informiert seit Jahren im Auftrag der GEW die Kollegenschaft in Wochenendseminaren über „Wege in die Rente“. Im Januar ist er wieder in Dortmund: Mittwoch, 31. Januar, ab 17 Uhr im Kulturzentrum Wichern, Stollenstraße 36.
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