Rund 5000 Frauen und etwa ebenso viele Kinder haben in 40 Jahren Zuflucht im Dortmunder Frauenhaus gefunden. Zwei von ihnen erzählen, wie ihnen das zurück ins normale Leben geholfen hat.

Dortmund

, 01.12.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sanya (48) musste raus, um ihre Kinder zu retten. Weg von der täglichen psychischen Gewalt, mit der ihr spielsüchtiger Ex-Mann die Familie tyrannisierte. Weg von seiner Aggressivität, von der Schreierei, mit der sich die Eheleute überzogen und die auch zum Umgangston mit den Kindern wurde. „Ich wollte das nicht auf meine Kinder übertragen. Es sollte Ruhe sein,“ sagt sie sechs Jahre später, „kein Mensch ist es wert, dass ich meine Kinder kaputtmachen lasse. Ich dachte, bevor ich in der Psychiatrie lande, rette ich uns alle.“

Ihre Rettung lag 300 Kilometer entfernt: im Dortmunder Frauenhaus. Wie Sanya fanden dort rund 5000 Frauen in den letzten 40 Jahren Zuflucht und Hilfe – und mit ihnen etwa ebenso viele Kinder.

Vor ihrer Flucht war Sanya selbstständig und erfolgreich als Internethändlerin tätig, hatte sogar ein Haus gekauft. Auch ihr Ex-Mann war selbstständig. Weil er gut verdiente, arbeitete sie immer weniger, bis sie ganz aufhörte. „Mein Fehler“, sagt sie heute.

Ihr Ex-Mann steckte das Geld in Automaten, sammelte sogar Pfandflaschen, um zu spielen. Sie aber hatte kein Geld, um Essen für ihren Sohn und ihre Tochter zu kaufen. Das sorgte für Spannungen. „Ich war immer schuld“, erzählt sie, „wenn ich wusste, dass er nach Hause kommt, hatte ich Magenschmerzen.“

Fremden Mann um Hilfe gebeten

Sie wandte sich an das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“, die Nummer hatte sie im Internet gefunden. Dort verwies man sie an das Dortmunder Frauenhaus, das noch einen Platz frei hatte. Doch sie konnte nicht sofort weg. Ihr Ex-Mann durfte nichts merken, sonst hätte er sie nicht gehen lassen.

Weil sie bis heute keinen Führerschein hat, rief sie ein Transportunternehmen an, erklärte dem fremden Mann an der anderen Leitung ihre Situation und fragte, ob er parat stehen würde, wenn sie ihn brauche. Der Mann sagte: „Wissen Sie was, egal welche Zeit, welcher Tag – ich mache das für Sie.“ Und er hielt Wort.

Als ihr Ex-Mann zu einem beruflichen Termin fuhr – 200 Kilometer entfernt –, ergriff sie die Gelegenheit, packte innerhalb einer Stunde die nötigsten Sachen zusammen, rief den Mann vom Transportunternehmen an, mit dem sie ihre Kinder von zwei unterschiedlichen Schulen abholte. Der Mann brachte sie zum Bahnhof, und erst im Zug wurde Sanya gewahr, dass ihr Sohn noch die Hausschuhe aus der Schule anhatte.

„Der ganze Tag war wie ein Film“

Dann schildert sie eine Szene, bei der jedes Mal ihre Augen wieder nass werden. Im Zug bot ein Geschäftsmann ihren Kindern Schokolade an, die diese erst nicht annehmen wollten. „Lassen Sie Ihre Kinder die Schokolade nehmen,“ sagte er zu ihr, „ich sehe, dass es Ihren Kindern nicht gut geht.“ Doch im Zug habe sie auch „erst kapiert, dass ich es wirklich geschafft habe“.

In Dortmund wurde sie am vereinbarten Treffpunkt von einem Taxi abgeholt und ins Frauenhaus gebracht, wo ein Apartment für sie und ihre Kinder bereitstand. „Ich war erleichtert“, erinnert sie sich, „und dachte, hier sind wir sicher, die Tür ist zu. Der ganze Tag war für mich wie ein Film.“

Dreieinhalb Monate war sie im Frauenhaus, bevor sie in eine eigene Wohnung umziehen konnte. „Damals war es noch einfacher, in Dortmund eine Wohnung zu finden“, sagt sie. Dem Umzug war viel an Beratung vorausgegangen, etwa zur Schulwahl für ihre Kinder und beim Jobcenter. Die Kinder bekamen Hilfe bei der Bewältigung des Traumas.

Insgesamt 32 Plätze im Frauenhaus

„Mein Sohn wollte nicht über früher reden. Erst später habe ich bemerkt, was er alles durchgemacht hat“, sagt sie. Ihre Tochter konnte lange nicht schlafen, hatte Angst, dass etwas Schlimmes passiert. „Daran wird deutlich, wie Kinder unter häuslicher Gewalt leiden, und wie lange das dauert, bis sie das verarbeiten“, sagt Rita Willeke, seit 34 Jahren Mitarbeiterin im Frauenhaus.

Verzweifelte Mutter: „Bevor ich in der Psychiatrie lande, rette ich uns alle“

Rita Willeke ist seit 34 Jahren Mitarbeiterin im Dortmunder Frauenhaus. © Gaby Kolle

Das Frauenhaus, getragen vom Verein „Frauen helfen Frauen“, ist fast immer voll belegt, hat 16 Plätze für Frauen und 16 Plätze für Kinder und ist damit eines der größten in Nordrhein-Westfalen. Aus Sicherheitsgründen bleibt die Adresse geheim.

Bei Nicole (48) war es ihre große Tochter, die vor vier Jahren gesagt hat: „Mama, ich kann nicht mehr. Wenn du nicht mitkommst, geh ich allein.“ Sie lebte in einem Ort 400 Kilometer von Dortmund entfernt, war wegen psychischer und körperlicher Gewalt ihres Ex-Mannes schon mehrfach „abgehauen“, hatte Erfahrungen mit anderen Frauenhäusern, war aber „wegen der Kinder“ immer wieder zu ihrem Mann zurückgekehrt. „Dann lief es eine Zeit lang auch immer wieder gut.“

„Ich bring dich um“

Doch obwohl sie zum Schluss getrennt lebten, hat er sie jeden Tag kontaktiert und massiv bedroht: „Ich bring dich um.“ – „Er hat so viele Kontakte in dem Ort, eine so große Familie, dass wir alle keinen Schritt machen konnten, ohne, dass er es wusste“, berichtet Nicole. Also haben sie ihre Sachen gepackt, sind ins Auto gestiegen und einfach losgefahren.

Das Hilfetelefon kannte sie nicht. Sie landete in der Bahnhofsmission in Köln. Von dort wurde sie ins Frauenhaus nach Herne vermittelt und dann weiter nach Dortmund, wo sie ein halbes Jahr blieb. „Jetzt haben wir den Absprung geschafft“, sagt Nicole, „aber nur mit professioneller Hilfe.“ Ihre ältere Tochter macht eine Ausbildung, die jüngere geht noch zur Schule. Sie selbst hat einen festen Job. „Jetzt ist Dortmund unser Zuhause.“

Doch die Zeit dazwischen war nicht leicht. „Ich hatte Heimweh und Zweifel, ob ich nicht doch zurückgehen sollte.“ Ihr Ex-Mann hatte sie auch in Dortmund gefunden und vor Gericht abgefangen.

Frauen stützen sich gegenseitig

„Man braucht drei bis sechs Monate, um sich vom alten Leben zu verabschieden und sich aufs neue zu konzentrieren“, weiß Rita Willeke. Und Mut, in ein neues, gewaltfreies Leben zu starten. Arbeit sei dabei ein „sehr stabilisierender Faktor“, so die Frauenhaus-Mitarbeiterin.

Im ersten Jahr nach der Zeit im Frauenhaus fallen viele Frauen in ein tiefes Loch, sehen kein Fortkommen. Es gibt häufig noch viele Gerichtstermine, die Scheidung ist noch nicht durch, Probleme tun sich auf beim Unterhalt und Sorgerecht.

Doch die Frauen stützen sich auch gegenseitig. Sanya und Nicole arbeiten heute ehrenamtlich für das Frauenhaus. Sanya erzählt dann ihre Geschichte. Und Nicole sagt immer „man soll den Mut nicht aufgeben, man schafft es, aber man braucht Geduld und Zeit.“

Die Frauen, deren Selbstwertgefühl durch die erfahrene Gewalt sehr angegriffen ist, merken in solchen Gesprächen, sagt Rita Willeke, „dass sie das nicht allein erlebt haben, dass sie nicht schuld sind und nichts falsch gemacht haben, für das sie bestraft werden müssten. Und das tut sehr gut.“

Häusliche Gewalt ist kein Tabuthema mehr

In den 40 Jahren seit Bestehen des Frauenhauses hat sich viel getan. Heute ist häusliche Gewalt kein Tabuthema, mehr. Es besteht Einigkeit in der Gesellschaft, dass Gewalt gegen Frauen geächtet wird. Neue Gesetze wurden geschaffen, um Frauen besser vor Schlägen, Drohungen und psychischer Gewalt zu schützen. Es gibt mittlerweile einen Straftatbestand Vergewaltigung in der Ehe und ein Gewaltschutzgesetz.

Auch die Hilfe im Frauenhaus sei vielfältiger geworden, sagt Rita Willeke. Darin liegt auch begründet, dass das Dortmunder Frauenhaus bis heute trotz Teilfinanzierung von Land und Stadt auf private Spenden angewiesen ist, um die Hilfe für Frauen in Not im jetzigen Umfang aufrechterhalten und die Frauen sowie ihre Kinder stabilisieren und nachhaltig stärken zu können. Wie Sanya und Nicole. Nicole sagt heute: „Ich verbinde die Zeit im Frauenhaus mit einer schönen Zeit.“

Das Spendenkonto für das Frauenhaus: Förderverein Frauen helfen Frauen e. V. Dortmund Sparkasse Dortmund BIC: DORTDE33XXX IBAN: DE06440501990211010908 Die Spenden sind steuerabzugsfähig, Spendenbescheinigungen werden ausgestellt. Bitte geben Sie dazu Ihre Anschrift an. Auch eine Online-Spende ist möglich (Konto bei der Bank für Sozialwirtschaft), klicken Sie hier an. Weitere Infos unter www.frauenhaus-dortmund.de
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