Das Urteil nach dem Tod des 14-jährigen Leon aus Lünen empört – warum ist es doch gerecht?

dzTödlicher Messerangriff

Sechs Jahre Haft. Für die Angehörigen von Leon, der an einer Schule in Lünen erstochen wurde, ist das Urteil ein „Skandal“. Gerichtsreporter Martin von Braunschweig erklärt die Hintergründe.

Dortmund, Lünen

, 04.11.2018, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am Ende hatten alle Tränen in den Augen: die Angehörigen des Täters und die Verwandten und Freunde des Opfers. Am 23. Januar wurde der damals 14-jährige Leon in der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen erstochen. Jetzt hat das Dortmunder Landgericht das Urteil gesprochen: sechs Jahre Jugendhaft für den heute 16 Jahre alten Täter.

„Nur“ Körperverletzung mit Todesfolge

Schon die Höhe der Strafe empfanden Leons Eltern als unangemessen, weil viel zu niedrig. Dass die Richter den tödlichen Messerstich außerdem nicht als Mord oder Totschlag, sondern „nur“ als Körperverletzung mit Todesfolge einstuften, war für sie ein absoluter Schlag ins Gesicht. Die Worte „Witz“, „Kindergarten“ und „Skandal“ fielen nach der Verhandlung auf dem Gerichtsflur. Laut, barsch und unbarmherzig. Und auch Schimpfwörter, die man Hinterbliebenen in einem solchen Moment wahrscheinlich nachsehen muss.

Tötungsvorsatz kann nicht sicher festgestellt werden

In einer emotionalen Situation wie dieser werden auch die besten Argumente überhört. Gerichtssprecher Thomas Jungkamp hat trotzdem versucht, die Entscheidung der Richter zu erklären. Sie hätten offensichtlich keine sicheren Feststellungen zum Tötungsvorsatz getroffen, sagte er. Bei jedem Mord oder Totschlag muss der Täter den Tod des Opfers entweder gewollt oder aber mindestens „billigend in Kauf genommen“ haben.

Kann man bei einem Schüler davon ausgehen, dass er die ganze Tragweite seines Tuns in einem Sekundenbruchteil überblickt hat? Die Richter haben das verneint. Und sie stehen damit beileibe nicht alleine da. Denn je jünger der Angeklagte ist, desto höhere Maßstäbe legt der Bundesgerichtshof für den Tötungsvorsatz an. Die Höchststrafe hätte aber in allen Fällen bei zehn Jahren gelegen.

Freunde und Verwandte mussten draußen warten

Die vielen Freunde und Verwandten von Leon durften, wie alle anderen, während der gesamten Verhandlung nicht in den Saal, sondern mussten draußen vor der Tür warten. Die Öffentlichkeit im Strafprozess ist ein hohes Gut. Getoppt wird das allerdings von den Persönlichkeitsrechten eines Angeklagten, der jünger als 18 Jahre ist.

Hätte diese Verhandlung, wie die meisten anderen, auch von allen unmittelbar verfolgt werden dürfen, wäre die Überraschung am Ende wahrscheinlich nicht so groß ausgefallen. An der Meinung der Hinterbliebenen hätte dies aber wahrscheinlich auch nichts geändert.

Dieselbe Jugendstrafkammer verhandelt derzeit auch eine weitere tödliche Bluttat unter Jugendlichen. Nur einen Monat nach Leons Tod starb im Parkhaus Hörde ein 15-jähriges Mädchen ebenfalls an den Folgen eines Messerstiches. Die mutmaßliche Täterin war damals 16 Jahre alt. Auch über diesen Prozess dringt wegen des Alters der Angeklagten nicht das Geringste nach draußen. Das Urteil fällt wahrscheinlich erst im neuen Jahr.

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