„Überbesorgte Eltern denken, dass die Welt zu schlecht für ihre Kinder ist“

dzKita-Leiterin über Helikopter-Eltern

Viele Eltern beschützen ihre Kinder viel zu sehr, sagt Kita-Leiterin Ulrike Seifert. Doch damit, sagt die Expertin, machen sie ihre Kinder zu unselbstständigen Erwachsenen.

Dortmund

, 24.12.2018 / Lesedauer: 7 min

Es komme immer wieder mal vor, sagt Ulrike Seifert, dass ein 14- oder 15-Jähriger ein Praktikum in der Kita machen möchte, dann aber seine Eltern bei ihr anrufen, um die Einzelheiten zu besprechen. Das sei dann ein ziemlich verlässliches Indiz dafür, dass diese Eltern ihr Kind zu wenig selbst machen lassen.

Erfahrungen mit sehr besorgten Eltern hat Ulrike Seifert sehr viele gesammelt: Sie leitet eine Fabido-Kita in Dortmund und gibt seit 2006 Seminare für Eltern, unter anderem zum Thema Übergang von der Kita zur Schule.

Woran erkennen Sie Helikoptereltern?

Daran, dass sie insgesamt wenig Platz für Gefühle lassen. Sowohl für ihre eigenen als auch die ihrer Kinder. Wenn Kinder sehr eingeschränkt werden in ihren Möglichkeiten, sich auszuprobieren.

Zum Beispiel?

Wenn ein Kleinkind laufen lernt. Wenn Eltern sehr darauf bedacht sind, möglichst alle Ecken abzurunden, damit dem Kind auch ja nichts passieren kann, wenn es stürzt. Das nimmt dem Kind ja die Erfahrung, wie es sich anfühlt, sich weh zu tun.
Naja, die Eltern wollen dem Kind die Erfahrung ersparen, wie sich eine Platzwunde anfühlt.

Ja, aber dem halte ich entgegen: Wie oft ist man selbst als Kind hingefallen und hatte eine Platzwunde? Ich bin ohne abgepolsterte Ecken groß geworden und hatte zweimal eine.

Zwei Platzwunden sind in Ordnung?

Ich hab’s überlebt. Und dadurch Erfahrungen gemacht.

Sicher, Platzwunden sind nicht tödlich. Aber warum sind sie gut?

Ich habe gelernt, wo meine eigenen Grenzen sind. Und dass es bestimmte Dinge gibt, die ich als Kind nicht tun kann. Es ist wichtig zu wissen: Ich kann nicht sofort die Stützräder abschrauben und losfahren, sondern muss eine gewisse Zeit üben und meinen Körper wahrnehmen, wie er ist.

Das heißt also, um zu begreifen, dass die Welt auch gefährlich sein kann? Kleinere Verletzungen erleben, um größere zu vermeiden?

Wenn ich einmal die Treppe runtergefallen bin, weiß ich beim nächsten Mal, dass ich das Geländer benutzen sollte. Manche Bildungsprozesse können die Kinder ganz alleine, ohne dass die Eltern sie behüten müssten.

Zum Beispiel hinfallen und sich weh tun.

Richtig. Oder in der Schule einen Vokabeltest zu versemmeln und beim nächsten Mal einfach mehr zu lernen – oder für sich eine andere Möglichkeit zu entdecken. Je mehr ich meinem Kind abnehme – auch aus gutem Willen – hindere ich es daran, selbstständig zu werden. In dieser Welt laufen zu lernen, buchstäblich und im übertragenden Sinn.

Möglicherweise entdeckt das Kind ja eine eigene Art zu laufen – im übertragenden Sinn. Eine, die es nicht lernen könnte, wenn es alles so macht wie seine Eltern.

Natürlich. Und die Welt entwickelt sich ja auch weiter, und wir müssen uns anpassen. Ich glaube, diese sehr besorgten Eltern haben eins gemeinsam: Sie denken, dass diese Welt zu schlecht ist, als das ihr Kind damit klarkommen könnte.
Ich glaube, dass alle Eltern sich um ihre Kinder kümmern, so gut sie können. Niemand will seinen Kindern schaden. Aber die überbesorgten Eltern vertrauen sich selbst nicht. Und wenn ich mir selbst nicht vertraue, wenn ich nicht weiß, wie ich mit unplanbaren Dingen umgehen kann, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich sage: um meinem Kind diese ganzen Enttäuschungen zu ersparen, mache ich das alles für mein Kind. Damit es nie eine Grenzerfahrung machen muss.

Weil diese Eltern denken, dass Enttäuschungen etwas Schlechtes sind. Sie dagegen meinen, Enttäuschungen seien wichtig.

Auf jeden Fall, ganz wichtig. Die ganze Palette an Gefühlen ist sehr wichtig.

Meinten Sie das, als Sie eingangs sagten, die Eltern ließen keinen Platz für Gefühle?

Vor allem für Negative, genau. Gerade die sind aber so wichtig. Denn ein Kind kann nur lernen, mit negativen, unangenehmen Gefühlen zurechtzukommen, wenn es die auch erleben kann. Wenn es verstehen lernen kann: Auch diese Gefühle sind ein Teil von mir, und sie bringen mich nicht um, sondern weiter.

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Sind Eltern heute unsicherer als früher?

Ich glaube schon. Auch dann, wenn es darum geht, für das Kind mal eine Grenze auszusprechen. Auch das ist ja bei vielen Eltern gar nicht mehr selbstverständlich. Meine Mutter hat damals gesagt: Nein, das darfst du nicht, dafür bist du noch zu klein. Und dann machte ich das auch nicht.
Heute wird viel überlegt: Tu ich meinem Kind mit dieser Grenze was Gutes oder was Schlechtes? Ich habe den Eindruck, dass viele Eltern damit ein Stück weit überfordert sind. Sie wollen sicher sein, genau das Richtige zu tun, aber oft wissen sie das einfach nicht. In jedem Ratgeber liest man einen anderen Teil der Geschichte, und man kann auch im selben Ratgeber verschiedene Dinge herauslesen, je nachdem, wie man es für sich interpretiert. Je nachdem, welches Weltbild man hat: Ist die Welt eine gute oder eine schlechte? Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Sie sagten, überbesorgte Eltern würden Situationen vermeiden, die sich nicht planen lassen, für die sie kein Verhalten aus einem Ratgeber gelernt haben. Denn dann müssten sie ja auf ihr Bauchgefühl vertrauen.

Genau.

Wenn man mit seinem Kind aufmerksam umgeht und sich selbst auch gut kennt, dann braucht man also gar keine Ratgeber?

Das denke ich, ja. Besser als ein Ratgeber ist oft der ehrliche Austausch mit anderen Eltern, um zu merken, dass es anderen ganz ähnlich geht.

Auf der anderen Seite loben viele Eltern ihre Kinder viel zu oft und zu überschwänglich, habe ich mehrfach gelesen. Wenn das Kind beispielsweise ein Bild gemalt hat, sagen sie „wunderschön“, „ganz toll“, „super“, und das Kind bekommt entweder einen falschen Eindruck von der Bedeutung dieser Begriffe oder von seinen Malfähigkeiten.

Man kann doch auch einfach sagen: „Da hast du ein schönes Bild gemalt“.

Oder es fragen, was auf dem Bild gerade passiert?

Einen Sprachanlass schaffen - wunderbar! Über ein Bild ins Gespräch kommen ist tausendmal besser, als kleine Dinge so zu feiern. Sonst wird es immer nur mit positiven Sachen gefüttert. Wenn Dinge nicht auch mal schiefgehen, kann das Kind keine Frustrationstoleranz entwickeln. Die braucht man aber, um sich zurechtzufinden in der Welt. Sie müssen auch mal Angst haben dürfen, um zu lernen, wovor sie Angst haben und wovor nicht. Und um zu lernen, dass es normal ist, manchmal Angst zu haben. Das hat auch viel mit Vertrauen zu tun. Eltern müssen sich selbst vertrauen und dem Kind genauso.

Ein Kind muss also die Gelegenheit bekommen, Dinge selbst zu tun. Aber das ist nicht immer einfach, zum Beispiel, wenn man es eilig hat, und es nun mal länger dauert, wenn sich ein Kind zum ersten Mal selbst anziehen möchte.

Das ist das Paradebeispiel. Kindern Selbstständigkeit zuzutrauen, dauert länger. Und in der heutigen Zeit, wenn beide Eltern berufstätig sind, ist das oft nicht so einfach. Kenne ich ja selbst, ich habe zwei Söhne und war immer berufstätig, und ich habe morgens auch oft gesagt: So, heute zieh ich dich an, weil ich spät dran bin. Aber das ist eine klare Grenze, und die Kinder wissen, dass Mama und Papa am Wochenende mehr Zeit haben, und dann können sie es selbst machen.

Dafür müssen die Eltern aber sorgen, dass es möglichst viele Situationen gibt, in denen das Kind Dinge selbst tun kann.

Ja, das ist Sache der Eltern. So, wie das Kind zu ermutigen. Zum Beispiel: So, heute ist Samstag, wir wollen gleich auf den Markt und es ist kalt draußen, schau doch mal selbst, was du anziehen kannst. Und wenn die Strumpfhose dann fehlt, kann man ja noch mal mit dem Kind drüber reden.

Unterschätzen junge Eltern manchmal, wie viel Geduld, Kraft und Nerven es kostet, Kinder zu haben?

Ja, sicher. Das kann man vorher ja auch kaum abschätzen. Andersrum sind Kinder immer wahnsinnig stolz, wenn sie etwas selbst gemacht haben – und die Eltern sind es dann ja auch. Man kann nicht groß werden, ohne zu fallen. Man kann auch nicht Vater oder Mutter sein, ohne Fehler zu machen. Es gibt einen Spruch, der mich die ganzen Jahre immer begleitet hat und den ich in den Seminaren den Eltern immer sage: Es gibt keine Methode, es gibt nur Achtsamkeit. Ganz oft kann man sich die ganzen Ratgeber schenken und sich einfach denken: Wenn ich achtsam mit mir bin, mit meiner Umwelt bin, und mit meinem Kind, dann kann man gar nicht so viel falsch machen. Dann kann ich allein die richtige Entscheidung treffen.

Können überbesorgte Eltern lernen, sich und ihrem Kind mehr zuzutrauen?

Die Erfahrung habe ich schon gemacht. Das ist für die Eltern kein leichter Prozess, und er hört nicht mit dem Seminar auf, sondern geht noch weiter. Aber wenn sie sich emotional darauf einlassen, dann können sie etwas verändern, weil sie eine Erkenntnis hatten, und diese Erkenntnis hatten sie nicht durch langes Überlegen, sondern durch ein Gefühl. Zum Beispiel das Gefühl, sich selbst als Kind vorzustellen: Wie fühlt sich dies und das für Kinder an? Das kann man üben, und das kann viel bewirken. Wir Erwachsene müssen zulassen, dass wir Gefühle haben. Freude, Trauer und Vertrauen, das hängt doch so eng zusammen.

Inwiefern hängen Gefühle mit Vertrauen zusammen?

Um Selbstvertrauen zu haben, um mir selbst Entscheidungen zuzutrauen, muss ich meine Gefühle kennen und ernst nehmen. Das ist gerade in unserer Leistungsgesellschaft schwierig, denn das Leben heute ist sehr verkopft und leistungsorientiert, man muss abliefern und seine Gefühle oft hintenanstellen.

In der Theorie klingt das alles überzeugend. Doch wenn es darum geht, sein Kind etwas alleine machen zu lassen, was gefährlich sein könnte - es zum Beispiel allein zur Schule laufen lassen -, dann müssen die Eltern plötzlich das Risiko einkalkulieren, dass das Kind überfahren wird.

Das muss man lernen auszuhalten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie hart das manchmal ist. Wie gesagt: Eltern sein ist nichts für schwache Nerven. Wenn man möchte, dass sein Kind im Leben klar kommt, muss man so etwas aushalten. Andererseits ist die Gefahr oft nicht so groß, wie Eltern zuerst denken.
Und zweitens sind unsere Kinder oft vernünftiger, als wir es für möglich halten. Denn wir können ja unsere Kinder nur beobachten, wie sie sich in unserer Anwesenheit verhalten. Und Kinder verhalten sich weniger vernünftig, wenn ein Erwachsener dabei ist, weil sie ja wissen, dass der auf sie aufpasst.
Wenn sie aber allein zur Schule gehen - vorausgesetzt, sie haben das zuerst mit einem Erwachsenen geübt -, dann passen sie auch gut auf sich auf.

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