In Zeiten der Corona-Krise, sollte man meinen, sind ambulante Pflegedienste bei den betagten Patienten besonders vorsichtig. Das ist aber nicht immer so – aus einem wichtigen Grund.

Dortmund

, 22.03.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Enkelsohn war irritiert. Die Mitarbeiter eines Dortmunder Pflegedienstes haben bei seinem 86-jährigen Großvater in der östlichen Innenstadt von Dortmund Blutdruck und Fieber gemessen – trotz Corona-Krise „ohne Mundschutz und Handschuhe“, sagt der Enkel.

Die Tochter des Hochbetagten rief daraufhin bei dem Pflegedienst an und beschwerte sich. Sie erhielt laut Enkel die Antwort, es gebe keine Schutzkleidung.

Das ist offensichtlich kein Einzelfall. Wegen der Nachschubprobleme mit Schutzausrüstung gegen das Coronavirus schlagen immer mehr Ambulante Dienste in Nordrhein-Westfalen Alarm.

„Vielen Pflegedienstbetreibern gehen Schutzkittel, Desinfektionsmittel und Mundschutze aus“, berichtete Claudia Engel, Sprecherin des Bundesverbandes Ambulante Dienste und Stationärer Einrichtungen (bad) der Deutschen Presseagentur.

Organisierte Verteilstellen nötig

Vielleicht zehrten die ambulanten Pflegedienste noch von Vorräten, so Engel, können aber dann ihre Mitarbeiter nicht mehr schützen. Nötig seien örtliche, staatlich organisierte Verteilstellen, um die ambulanten Dienste auch weiterhin arbeitsfähig zu halten.

Bei dem ambulanten Pflegedienst im Fall des 86-jährigen Großvaters gibt es nach Aussage einer Mitarbeiterin im Pflegebüro noch Schutzkleidung wie Einmalhandschuhe und Mundschutz für die Pflegekräfte. Doch man warte seit Februar auf eine neue Lieferung.

Ihre Mitarbeiter seien zudem alle gesund.

Sie sagte aber auch, dass die Pflegekräfte laut „Vorschrift“ nur Schutzkleidung tragen müssten, wenn es bei den Patienten einen Corona-Verdacht gebe. Der Hausarzt müsse die Gefahr bestätigen.

Arbeitgeber ist für Arbeitsschutz verantwortlich

Laut Gesundheitsamt gibt es solch eine Vorschrift nicht. Jeder Arbeitgeber, so Stadtsprecherin Anke Widow, also auch ein Pflegedienst, sei für den angemessenen Arbeitsschutz selbst verantwortlich.

Der Arbeitgeber habe in Abhängigkeit von der Tätigkeit zu entscheiden, ob eine Infektionsgefahr bestehen kann. Komme er zu diesem Schluss, müsse der Arbeitgeber selbst entscheiden, welche Schutzmaßnahmen erforderlich sind. Widow: „Das Gesundheitsamt hat mit dieser Gefährdungsermittlung nichts zu tun.“

Gehe der Arbeitgeber von einer möglichen Gefährdung aus, könne er sich beim Gesundheitsamt erkundigen, welche persönliche Schutzausrüstung einen Schutz vor Corona bietet. In dem Fall des Großvaters hat der Pflegedienst offensichtlich entschieden, dass keine Gefährdung vorliegt.

Auch Diakonie muss mit Mundschutz haushalten

Auch andere Pflegedienste arbeiten nicht zwangsläufig mit Mundschutz und Handschuhen, zumal alle von den Engpässen bei der Schutzkleidung betroffen sind. Bei der Diakonie zum Beispiel, so Sprecher Tim Cocu, haben die Mitarbeiter, die rausfahren, einen Mundschutz dabei, tragen ihn aber nur bei Erkältungssymptomen von Patienten oder wenn sie sich selbst nicht gut fühlen. Cocu: „Wir müssen mit den Sachen ein bisschen haushalten.“

Beim ambulanten Pflegedienst des Awo-Unterbezirks, so Sprecherin Cordula von Koenen, ist das Tragen von Handschuhen Pflicht. Der Verbrauch sei gestiegen. „Zur Zeit wird noch viel stärker darauf geachtet, als es ohnehin schon der Fall war.“ Zurzeit sei nirgendwo Nachschub zu bekommen, so von Koenen, „aber wir hoffen, dass wir das noch eine Weile so halten können.“

Nur bei immungeschwächten Menschen

Die Mitarbeiter der ambulanten Pflegedienste der Caritas tragen grundsätzlich bei der Versorgung ihrer Klienten Handschuhe. „Das ist unser normaler Hygienestandard“, berichtet Caritas-Sprecherin Sarah von Borzestowski.

Momentan wünschten Klienten vermehrt „dass unsere Mitarbeiter mit Mundschutz arbeiten. Das tun wir aktuell jedoch weiterhin nur da, wo es unbedingt erforderlich ist, also bei sehr immungeschwächten Menschen oder im Falle eines Erregers“, so von Borzestowski. Weil die Ware fehle, müsse man noch vorhandene Mundschutze unbedingt für Menschen mit Erregern wie MRSA und MRGN vorhalten, bei deren Pflege die Mitarbeiter generell Schutzkleidung trügen.

Beim Pflegedienst Hübenthal kommen ebenfalls Handschuhe und Handdesinfektionsmittel regulär zum Einsatz. „Mundschutz nur sporadisch, den tragen potenziell gefährdete Kunden“, erläutert Geschäftsführer Robert Kunze. Handschuhe seien ausreichend vorhanden, man habe gerade eine ganze Palette bekommen, doch beim Mundschutz sei es eng. Kunze: „Ich habe mich auch schon an das Land und die Stadt gewandt, aber noch keine Antwort bekommen.“

Pflegedienst lässt sich Mundschutze nähen

Kreativ geht der Pflegedienst Bahrenberg von Christian Stallmeister mit der Situation um. Handschuhe hat er gerade geliefert bekommen, doch Mundschutz fehlt. Er habe noch Restbestände, die vielleicht noch eine Woche reichen. Deshalb lasse man sich den Mundschutz jetzt selbst schneidern. Das diene neben der Hygiene vor allem der Beruhigung von Kunden und Mitarbeitern, so Stallmeister. Es handle sich um einen Mundschutz aus Baumwolle, der regelmäßig gewechselt und von den Mitarbeitern zu Hause gewaschen werde, „damit das möglichst hygienisch vonstatten geht“.

Ansonsten halte man sich an die Empfehlungen, die man bekomme. Die Beratungsbüros seien für den Publikumsverkehr geschlossen, aber telefonisch erreichbar.

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