Trash-TV gegen Nazis: Kann Comedy-Witz den Rechten den Marsch blasen?

dzSchauspiel Dortmund

„Familien gegen Nazis“ feierte Premiere am Schauspielhaus. Eine Sippe stellt sich in einer TV-Quizshow Fragen wie dieser: Wie viele Menschen starben wohl im Holocaust? Damit nicht genug.

Dortmund

, 07.10.2019, 16:22 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Moderatorin (Lea Annou Reiners) trägt dieses penetrante Lächeln, das man von Fernsehleuten kennt. Sie grinst jede Peinlichkeit weg, nassforsch und nonchalant rückt sie den Kandidaten auf die Pelle. Blanken Zynismus verkauft sie als einfühlsame Menschelei - in einer perversen TV-Show, die die Verbrechen des Dritten Reichs in locker-flockige Abendunterhaltung ummünzen will.

„Was glauben Sie? Wieviele Homosexuelle starben im KZ? Deren Zahl ergibt das Startguthaben auf Ihrem Punktekonto. Jawohl, 5000!“ Applaus vom Band, dazu flötet und quäkt der Synthesizer einen Tusch.

Urauffühung im Studio

„Familien gegen Nazis“ heißt das Stück von Laurence Young, das in Laura N. Junghanns’ Inszenierung am Sonntag seine Uraufführung im Studio des Schauspielhauses hatte. Eine Was-wäre-wenn-Satire. Was wäre, wenn quotengeile Fernsehmacher ein Showformat aufsetzten, das im Mantel von „Edutainment“, Aufklärung plus Unterhaltung, Themen des Nationalsozialismus verhandelte?

„Hier sind die Kandidaten, Familie Altmann!“ Uwe Rohbeck spielt den Papa, Caroline Hanke die Mama. Alida Bohnen ist Tochter Luise, Berna Celebi deren Schwester Ramona und Max Ranft gibt Sohnemann Kevin.

Trash-TV gegen Nazis: Kann Comedy-Witz den Rechten den Marsch blasen?

Wie im Fernsehen: Das Stück stagniert als grobmotorische Gag-Revue. © Birgit Hupfeld

Die Altmanns haben sich Fakten rund um die Nazis eingebimst. Eine Million Euro ist zu verteilen, jeder tritt für eine Opfergruppe an, denen das Preisgeld zugute kommt. Papa würde für Tiere spenden, Mama für Juden, Ramona für Flüchtlinge, Luise für Schwule, Lesben, die ganze „LGTB-Community“, Kevins Preisegeld ginge an Behinderte, pardon, Menschen mit Beeinträchtigungen.

Fragen rund um ein mörderisches Regime

Da hocken sie nun im Rondell eines TV-Studios (Bühne: Jule Saworski), alle gekleidet in telegenem Pink und Türkis (Kostüme: Natalie Nordheimer) und warten am Buzzerknopf auf Fragen rund um ein mörderisches Regime.

So weit, so bunt, so schön. Was dann folgt, verzettelt sich zwischen Nazi-Kalauern (die trotz Hinterfragung im Text flache Witze bleiben), Spitzen gegen den Jargon politischer Korrektheit und wohlfeilen Backpfeifen für die Showmaschine Fernsehen, die nicht mal vor der Instrumentalisierung des Massenmordes zurückschrecke.

Der Fokus des Stücks ist unscharf

Erstens ist der Fokus des Stückes unscharf, Kabbeleien in der Familie werden auch noch verhandelt. Zweitens geht die Komik nicht in die Tiefe, das Stück stagniert als grobmotorische Gag-Revue. „Was ist ein Nazi, der in der Hochspannungsleitung hängt? Ein nationaler Widerstand.“

Das szenische Setting ist gelungen, das Dortmunder Duo Aniyokore spielt live, unter den Darstellern glänzen besonders Lea Annou Reiners und Caroline Hanke. Der Erkenntnisgewinn bleibt aber marginal: Nazis gehören in Grund und Boden gelacht, Trash-TV wird von Armleuchtern für Deppen gemacht.

Nächste Termine: 13. und 27. Oktober, 2. und 27. November. Karten unter (0231) 5027222 sowie www.theaterdo.de

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