Die 19-jährige Ilse Mitze war eine von zahlreichen Personen, die mit dem Fallbeil hingerichtet wurden. Dieses Foto stammt aus einer Gedenkstätte in Brandenburg. © dpa
Historie

Todesstrafe für Diebstahl: Dortmunds blutigster Richter vor 75 Jahren gestorben

Mehr als 60 Todesurteile haben Ernst Bruno Eckardt in die Geschichte der Stadt Dortmund eingehen lassen. Dem „eisernen“ Mann wurde offiziell bescheinigt, dass er keine Nerven kenne.

Im Jahr 1944 war der Krieg in Dortmund und Umgebung allgegenwärtig. Luftangriffe haben die Städte großflächig zerstört, viele Menschen lebten zwischen Trümmern. Bei Aufräumarbeiten nach einem Luftangriff hat die 19-jährige Hagenerin Ilse Mitze Schlüpfer, Hemden und Strümpfe ihrer Arbeitgeberin gestohlen – und ist dafür enthauptet worden.

Der Richter, der die 19-Jährige zum Tode verurteilt hat, war Ernst Bruno Eckardt, der als „blutigster“ Richter der Stadt in die Geschichte eingehen sollte. Vor 75 Jahren, am 28. Dezember 1945, ist er gestorben. Die Schilderungen stammen aus einer Broschüre, die die Stadt Dortmund Jahrzehnte später über die NS-Zeit drucken ließ.

„Schwanenwall-Affäre“ um die NSDAP

Einen Namen machte sich Richter Eckardt bereits im Jahr 1932 mit der sogenannten „Schwanenwall-Affäre“. Die NSDAP hatte ihre Geschäftsstelle am Schwanenwall in der Dortmunder Innenstadt eingerichtet. Von dort aus sind die Schläger der SA (Sturmabteilung) losgezogen, um politische Gegner zu überfallen.

Vor diesem Gebäude ist eines Abends ein Polizeibeamter niedergeschlagen worden. Seine Kollegen räumten die Straße und drangen unter dem Einsatz ihrer Knüppel in das Haus ein. Die Nationalsozialisten erstatteten Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und Körperverletzung im Amt.

Es kam zum Prozess, Richter Eckardt verurteilte die Polizisten zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen. „Die Botschaft an die Polizei ist klar: Wirkungsvolles Einschreiten gegen die NS-Schläger ist in Zukunft fast unmöglich“, schrieb die Stadt Dortmund später.

Im Mai 1933 ist in Dortmund das sogenannte Sondergericht eingerichtet worden, um die Verfahren gegen Regimegegner zu beschleunigen – unter dem Vorsitz von Ernst Bruno Eckardt. Er allein war laut Stadt Dortmund für mindestens 61 Todesurteile verantwortlich.

Tod im britischen Lager

„In das Sondergericht gehören nur Leute hinein, die mit Lust und Liebe bei der Sache sind“, hat der Landgerichtspräsident Paul Koch im Jahr 1943 gesagt: „Anerziehen lässt sich das nur in wenigen Fällen.“ Bei Eckardt, 1880 in Annen geboren, war das offenbar gegeben.

Im Mai 1945 ist der Mann, der im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft hatte, von den Alliierten verhaftet worden, wie die Justizakademie NRW schreibt. Er starb sieben Monate später in einem britischen Lager im Kreis Paderborn an Unterernährung und einer Lungenentzündung.

Ein Pfarrer beschrieb seine letzten Eindrücke des Richters so: „Da war keine Reue über gefällte Fehlurteile, es quälten ihn keine Gewissensbisse über vielleicht ungesetzliche Todesstrafen.“ Bereits im Jahr 1937 wurde Eckardt vom Dortmunder Landgericht bescheinigt: „Eiserner Strafrichter. (…) Er kennt keine Nerven.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
Zur Autorenseite
Kevin Kindel
Lesen Sie jetzt