Thomas Westphal: Vom Ex-Juso-Chef zum Dortmunder Oberbürgermeister?

dzOB-Wahl 2020

Als ehemaliger Bundesvorsitzender der Jusos war Thomas Westphal (SPD) Vorgänger von Andrea Nahles. Als Nachfolger von Ullrich Sierau will er jetzt Oberbürgermeister von Dortmund werden. Ein Portrait.

Dortmund

, 13.06.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 12 min

Er trägt eine dunkle Hornbrille und die dichten, ergrauten Haare nach links gescheitelt. Wohin auch sonst? Dieser Mann, 1,92 Meter lang und 53 Jahre alt, will eine große linke Tradition in Dortmund fortsetzen. Thomas Westphal will am 13. September für die Dortmunder SPD die Oberbürgermeisterwahl gewinnen. Wie all seine Vorgänger aus der SPD in den vergangenen 74 Jahren. Wer ist dieser Mann?

Es ist sonnig, 8 Grad über Null und windig an diesem Freitag im Februar, als er beim Schlendern durch die Speicherstraße und den Hafen von sich erzählt. Ganz in der Nähe, im Gebäude der Hafen AG, hat Thomas Westphal, Chef der Dortmunder Wirtschaftsförderung, gerade mit Langzeitarbeitslosen gesprochen. Das heißt, er mehr mit ihnen als sie mit ihm.

Gebrochene Biographien

Es sind Männer, die bei der gemeinnützigen Grünbau GmbH einen Job als Quartierskümmerer gefunden haben, um vielleicht doch noch den Sprung in einen ganz normalen Job zu schaffen. Da ist ein ehemaliger Obdachloser und Drogensüchtiger dabei, ein anderer erzählt, dass er zwar Großhandelskaufmann gelernt, dann aber viel Mist gebaut hat. Gebrochene Biographien.

Thomas Westphal nimmt sich Zeit, fragt, was sie so machen, wo sie wohnen, wie sie zum Hafen kommen, wo ihr Pausenraum ist. Sie antworten knapp, wirken verlegen, und manchmal scheinen sie sich zu fragen, was der Mann da vor ihnen eigentlich will, wovon er redet.

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Zum Beispiel, als er doziert, dass ihre Beschäftigung als Quartierskümmerer nur durch das 2019 in Kraft getretene Teilhabechancengesetz möglich geworden sei: „Drei Jahre lang haben wir als Dortmunder dafür in Berlin gekämpft“, sagt Westphal. Da habe sein guter Draht zu Andrea Nahles, der damaligen Arbeitsministerin, sicherlich nicht geschadet.

Wie es zu diesem guten Draht kam, davon wird noch zu reden sein. Die Quartierskümmerer hören brav zu und sind sichtlich erleichtert, als sich Westphal schließlich verabschiedet.

Der Hafen erinnert an seine Wurzeln

Bis zum nächsten Termin ist Zeit für einen Spaziergang durch die Speicherstraße und den Hafen. Thomas Westphal trägt eine schwarze Hose, halbhohe schwarze Lederschuhe, graues, kragenloses Shirt, ein dunkelgraues Sakko und darüber einen dunklen Mantel. Er wirkt sportlich, trotz seines leichten Bauchansatzes. Sein Gesicht ist gebräunt, als käme er gerade von der Skipiste.

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Er hat diesen Platz für das Gespräch vorgeschlagen. Vielleicht, weil hier an der Speicherstraße gerade das erste alte Gebäude abgerissen wird, um Platz zu machen für ein neues Zukunftsquartier. Vielleicht aber auch, weil ihn der Hafen an seine Wurzeln erinnert.

Man muss schon sehr genau hinschauen, um in diesem Foto aus den 1970-er-Jahren den heutigen Thomas Westphal wiederzuerkennen.

Man muss schon sehr genau hinschauen, um in diesem Foto aus den 1970-er-Jahren den heutigen Thomas Westphal wiederzuerkennen. © Foto privat

Thomas Westphal stammt aus Lübeck, aus dem hohen Norden. Hier, wo schon als geschwätzig gilt, wer mit „Moin, moin“ grüßt, wurde er geboren. Hier lebte er, bis er 23 Jahre alt war. Das wirkt nach.

Seine Antworten auf Fragen sind präzise, aber knapp. Auch wenn er von seiner Familie erzählt, klingt das eher wie ein Sachbuch als wie ein Roman. „Mein Vater und meine Mutter sind Lübecker durch und durch. Er war Zimmermann“, sagt er.

Mit drei Geschwistern sei er aufgewachsen. „Mein großer Bruder ist leider schon verstorben und auch mein Vater lebt nicht mehr. Aber meine Mutter lebt noch in Lübeck. Meine beiden anderen Geschwister wohnen nicht mehr in Lübeck. Meine Mutter besuchen wir regelmäßig, zu Weihnachten und auf dem Weg nach Bornholm, wo wir gerne und ausgiebig Sommerurlaub machen. Außerdem ist sie regelmäßig bei uns.“

Auf dem Zweiten Bildungsweg zum Studium

In diesem Jahr wird es nichts werden mit dem Sommer auf Bornholm, aber das weiß Thomas Westphal im Februar noch nicht. Nur in Glücksburg wird er noch eine passende Unterkunft finden. Das Coronavirus hat seine Urlaubspläne ebenso durcheinandergewirbelt wie vieles andere auch, aber dazu später.

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In seiner Schulzeit war nicht unbedingt absehbar, dass Thomas Westphal eines Tages Karriere machen würde. „Ich habe kein Abitur“, sagt er, „sondern einen Realschulabschluss. Danach habe ich eine Ausbildung beim Land Schleswig-Holstein als Verwaltungsbeamter im Mittleren Dienst gemacht.“

Nach der Ausbildung arbeitete der Regierungssekretär drei Jahre lang in der Polizeiverwaltung in Lübeck, um dann den Zweiten Bildungsweg einzuschlagen. An der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg konnte man auch ohne Abitur studieren. Hier schloss er sein Studium als Diplom-Volkswirt ab.

Seit 1996 ist er ein Dortmunder

Danach arbeitete er in verschiedenen Firmen, unter anderem bei zwei Logistik-Unternehmen, der Wincanton GmbH in Weinheim und bei Rhenus in Holzwickede, bevor er 2010 Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung der Metropoleruhr und 2013 dann Chef der Wirtschaftsförderung in Dortmund wurde. „Ich habe in der Tat einiges gesehen, das kommt mir jetzt zu Gute“, sagt Westphal.

Nach Dortmund sei er gewechselt, weil das schon lange seine Stadt geworden sei. „Es war kein Wechsel ,weg von‘, sondern ein Wechsel ,hin zu‘“, sagt er. Seit 1996 lebt er hier, hat 2011 in Körne gebaut. Dort wohnt er mit seinen beiden Töchtern (11 und 13) und seiner Frau, die in Bochum arbeitet.

Sein Politik-Lehrer auf der Realschule, so erzählt es Thomas Westphal, habe in ihm die Lust auf Politik geweckt. „Da haben wir viel über Tagespolitik gesprochen. Das war damals die Phase des ersten Misstrauensvotums gegen Helmut Schmidt, 1982. Das hat mich fasziniert und da habe ich mich näher mit politischen Parteien beschäftigt. Aufgrund meiner Herkunft konnte es nur die SPD sein – ich komme aus einem Arbeiterhaushalt. Und Lübeck ist die Stadt von Willy Brandt, den habe ich dann später auch persönlich kennenlernen dürfen.“

Torwart beim TSV Kücknitz

Wieso interessiert sich ein Schüler für Politik statt für Fußball, Mädchen und Musik? „Das habe ich auch gemacht. Ich war beim TSV Kücknitz, aber da war ich nicht der talentierteste von allen, fürchte ich. Ich war Torwart. Dann war ich im Tischtennisverein und Schach hab‘ ich auch gespielt.“ Sport sei halt das eine, Politik das andere.

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Mit 18 sei er in die SPD eingetreten. „Vorher durfte ich nicht, hatten mir meine Eltern gesagt. Aber das stimmte gar nicht.“ Damit begann auch seine Zeit bei den Jusos, die ihn bis an die Spitze des Bundesverbandes führen sollte. Wirklich geplant sei das nicht gewesen, sagt Westphal. „Es sind immer Zufälle. Ich bin damals schnell zu den Jusos gegangen. Man geht zu den Menschen, mit denen man sich auch sonst versteht. Da sind ja auch Freundschaften entstanden.“

Zum Beispiel die mit Tanjev Schultz (45), der als Journalist für die Süddeutsche Zeitung vor einigen Jahren die Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg ans Licht brachte und heute als Journalistik-Professor in Mainz lehrt. „Wir sind Freunde geworden, haben in Gruppen damals auch zusammen Urlaub gemacht und ganz ist der Kontakt nie abgerissen, auch wenn jeder irgendwann seiner Wege gegangen ist“, sagt Schultz.

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1993 Juso-Bundesvorsitzender

Schnell sei er, erzählt Westphal, Sprecher der Lübecker Jusos geworden. Und dann habe ein Rad ins nächste gegriffen: „Die Lübecker Jusos spielten auch im Land Schleswig-Holstein eine Rolle, so dass ich deren Landesvorsitzender wurde. Als Landesvorsitzender kommen Sie automatisch auch in Kontakt mit den Vertretern anderer Bundesländer. Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte, als Bundesvorsitzender zu kandidieren.“

So geschah es. 1993 wurde er in Magdeburg zum Bundesvorsitzenden der Jusos gewählt. Thomas Westphal erzählt das wie ein Chronist mit großem Abstand. Dass diese Wahl ein höchst emotionaler Augenblick gewesen sein muss, merkt man ihm nicht an. Vielleicht hat er das Hochgefühl dieses Wahlsiegs auch verdrängt, weil er in der Rückschau von heute immer auch schon das jähe Ende seiner Juso-Geschichte mitdenkt.

Der Wahl-Eklat von Gera

Anfang der 1990er-Jahre, das war eine Zeit erbitterter Flügelkämpfe innerhalb der Jusos und eines eklatanten Mitgliederschwunds. 1995 stellte sich Westphal, der als Vertreter des linkssozialistischen Flügels galt, in Gera zur Wiederwahl. Als die Stimmen ausgezählt wurden, hatte er mit 159 Stimmen exakt eine Stimme mehr als sein Gegenkandidat Stephan Grüger. Der galt als „undogmatischer Linker“, also eher ein Realo, wie man heute sagen würde. Doch die Wahl endete in einem Eklat.

Thomas Westphal als Redner beim Juso-Bundeskongress 1995 in Gera, der mit einem Wahl-Eklat endete. Es war der Anfang vom Ende seiner bundespolitischen Karriere.

Thomas Westphal als Redner beim Juso-Bundeskongress 1995 in Gera, der mit einem Wahl-Eklat endete. Es war der Anfang vom Ende seiner bundespolitischen Karriere. © picture-alliance / dpa

Bei der Abstimmung waren vier Stimmen mitgezählt worden, auf denen die notwendigen Kontrollmarken fehlten. Heftige Proteste erhoben sich, es gab die Forderung nach einer sofortigen Wiederholung der Abstimmung. Die aber lehnte Thomas Westphal ab. Daraufhin verließen die Vertreter von zehn Juso-Landesverbänden an jenem 21. Mai 1995 vorzeitig den Bundeskongress.

SPD-Chef Rudolf Scharping ist verärgert

Einen Tag später sagte der damalige SPD-Chef Rudolf Scharping, im SPD-Vorstand seien die Vorgänge auf dem Juso-Kongress in Gera mit „allgemeinem Kopfschütteln“ quittiert worden. Die Entwicklung in dem Jugendverband gebe zu großem Bedauern Anlass.

Thomas Westphal schluckte die Scharping-Rüge zunächst, lehnte zwei Tage später erneut einen Rücktritt ab. Schließlich sprach der SPD-Parteivorstand am 12. Juni 1995 ein Machtwort. Die Wahl zum Juso-Bundesvorstand müsse wiederholt werden.

Westphal beugte sich, sagte aber, er werde erneut antreten. Irgendwann zwischen diesem Tag und Ende Juli muss er seine Meinung geändert haben. Am 30. Juli 1995 erklärte er, dass er doch nicht zur Wiederholungswahl antreten werde.

Der Weg war frei für Andrea Nahles

Im September 1995 kam es in Bad Godesberg zur Wiederholungswahl. Stephan Grüger trat erneut an, Westphal nicht. Warum nicht? Was war Grund für seinen Meinungsumschwung?

Er zögert an diesem Februartag, fast 25 Jahre nach diesen Ereignissen. Es ist spürbar, dass ihm das Thema unangenehm ist und er um Worte ringt: „Es gab damals bei den Jusos eine zugespitzte Situation zwischen den Vertretern unterschiedlicher politischer Strömungen. Die Jusos waren diejenigen, die gestritten haben für die Öffnung auch für Menschen, die nicht der SPD angehörten. Wenn man das durchsetzen wollte, musste man einig sein. Also habe ich gesagt: Es geht nicht um mich als Person, sondern darum, dass dieser Verband funktioniert, ich verzichte gerne und habe dann Andrea Nahles vorgeschlagen.“

Bisher kannten ihn die Genossinnen und Genossen als Wirtschaftsförderer. Jetzt wollen sie ihn bei seiner OB-Kandidatur unterstützen.

Bisher kannten ihn die Genossinnen und Genossen als Wirtschaftsförderer. Jetzt wollen sie ihn bei seiner OB-Kandidatur unterstützen. © Stephan Schuetze

Das klingt staatstragend für einen streitbaren 28-jährigen Juso-Kämpfer, der über viele Wochen trotz des Eklats in Gera erneut zur Wahl antreten wollte. Vielleicht hatte ihn die heftige Kritik, die ihm auf und nach dem Bundeskongress in Gera auch aus dem SPD-Bundesvorstand entgegenprallte, mürbe gemacht.

„Die Jusos sind auf Bundesebene zu einem Kasperverein geworden“, hatte ein Delegierter in der Debatte gesagt. In Westphals Zeit hätten die Jusos nichts mehr in der SPD durchsetzen können, sagte ein anderer. Wie dem auch sei: Stephan Grüger unterlag, Andrea Nahles wurde gewählt.

Kein Kontak zum einstigen Widersacher

Das weitere Schicksal von Andrea Nahles ist bekannt. Stephan Grüger, der alte Widersacher von Thomas Westphal, sitzt heute als Abgeordneter für die SPD im hessischen Landtag.

Nein, über Thomas Westphal wolle er nicht sprechen, sagt er, und zitiert werden wolle er schon gar nicht. Er habe seit Mitte der 90er-Jahre keinerlei Kontakt mehr zu ihm. Freundschaftliche Gefühle hat es zwischen den beiden alten Rivalen offensichtlich nie gegeben.

Zu Andrea Nahles, so sagt Westphal, habe er bis heute „immer mal wieder“ Kontakt. Und zu Stephan Grüger? Westphal lacht, als sei allein die Frage schon absurd: „Ne, ne, ne.“

Stephan Grüger war in Juso-Zeiten der große Widersacher von Thomas Westphal. Heute sitzt er für die SPD im hessischen Landtag.

Stephan Grüger war in Juso-Zeiten der große Widersacher von Thomas Westphal. Heute sitzt er für die SPD im hessischen Landtag. © picture-alliance/ dpa

Dafür ist eine andere Verbindung aus der Juso-Zeit geblieben, zur „Zeitschrift für Sozialistische Politik und Wirtschaft“. Westphal ist bis heute Mitherausgeber. In einem von ihm mitverfassten Editorial heißt es: „Die Zeitschrift für Sozialistische Politik und Wirtschaft ist ein politisches Magazin von Menschen, deren Denken in der Tradition der sozialistischen Linken steht und diese für das 21. Jahrhundert nutzbar machen will.“

In den Beiträgen werden durchaus radikale Thesen vertreten. Da ist die Rede von der Forderung nach „radikalreformerischen Denkansätzen und Initiativen“, vom Ziel einer „solidarisch-ökologischen Umgestaltung der bestehenden Verhältnisse“. Passt das zu einem Mann, der aktuell die Wirtschaft in einer 600.000-Einwohner-Stadt wie Dortmund fördern soll und künftig die Geschicke dieser Stadt als Ganzes lenken will?

Zusammenarbeit mit PDS befürwortet

„Klar passt das. Ich bin Herausgeber und nicht Redakteur der Zeitschrift. Auch wenn manche Gedanken in den Ohren einiger radikal klingen mögen, in einer Demokratie mit Meinungsfreiheit ist das ja erlaubt“, sagt Thomas Westphal und ergänzt: „Es sind ja nicht meine Thesen. Das Gesamtprojekt ist mir wichtig. Das ist eine Zeitschrift, die auch in großer ehrenamtlicher Arbeit entsteht, für die ich damals als junger Juso meine ersten politischen Artikel geschrieben habe. Es ist ein Stück Förderung von jugendlicher Politikarbeit.“

Mitte der 1990-er-Jahre (1990-er-Jahre) hat Westphal, damals selbst für viele Jusos schockierend, eine Zusammenarbeit mit der damaligen PDS, der Nachfolgepartei der SED, nicht ausgeschlossen. Wie er das heute sieht?

„Wir reden über das Jahr 1994. Das war eine bestimmte politische Konstellation zu damaliger Zeit, die heute in verschiedener Form auch immer wieder diskutiert wird, aber die Parteienlandschaft heute hat nichts mehr mit der von damals zu tun. Damals ging es um die Frage, welche Perspektiven haben wir, um Regierungsmehrheiten zu stellen? Und da habe ich gesagt, dass man da offener sein müsste, bevor man Dinge kategorisch ausschließt.“

Wohnungen und Verkehrswende

Tanjev Schultz, der Freund aus Jugendtagen, sieht das so: „Thomas hat schon klare Vorstellungen von einer solidarischen Gesellschaft, ist aber nicht im Wolkenkuckucksheim unterwegs, verstrickt sich nicht in ideologischer Besserwisserei.“

Es ist Nachmittag geworden. Ein Abstecher in die Scharnhorststraße. Hier trifft Westphal gemeinsam mit Franz-Bernd Große-Wilde, dem Vorsitzenden des Spar- und Bauvereins, Mieter des frisch renovierten Quartiers. Die Genossenschaft ist mit rund 12.000 Wohnungen einer der ganz großen Player auf dem Dortmunder Wohnungsmarkt.

Und damit ist Große-Wilde ein wichtiger Mann für Westphal, denn die Schaffung von bezahlbaren Wohnungen ist – neben der Verkehrswende und dem Schwerpunkt Kinder – eines der drei großen Themen, mit denen er in den Wahlkampf gezogen ist.

Ziel: 20.000 neue Wohnungen in zehn Jahren

„20.000 Wohnungen müssen wir in den nächsten zehn Jahren bauen“, sagt er. Man sei da auf einem guten Weg und habe einen Riesen-Vorteil gegenüber anderen: „Wir haben die Flächen. Der Rat hat schon 1995 mit der Ausweisung von Wohnungsbauflächen vorgesorgt. Heute haben wir noch 450 Hektar planerisch abgesichert für Wohnungsbau. Davon haben wir fast 200 Hektar unter dem Pflug und 200 sind in der Entwicklung. Es wird ein ganz wichtiges Thema sein, sich diese 200 Hektar schnell und genau anzuschauen. Ich glaube, das muss Chefsache sein, sonst werden wir die Geschwindigkeit nicht hinkriegen.“

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Er könne sich vorstellen, dass die Stadt viele Flächen in die eigene Hand nehme, so dass dann städtische Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften auf günstigem Boden bauen könnten. Wie eben der Spar- und Bauverein. 4,70 Euro beträgt derzeit die Durchschnittsmiete in Wohnungen der Genossenschaft.

Ob dieser Plan so aufgeht? Die Dogewo21 ist mit 16.000 Mietwohnungen nach eigenen Angaben größtes Wohnungsunternehmen der Stadt. Ihr Geschäftsführer Klaus Graniki sagt: „Wo immer es möglich ist, bauen wir öffentlich geförderte Mietwohnungen. Wir kommen unserer Aufgabe nach und tun, was wir können. Doch mangels eigener Baugrundstücke können wir aktuell nicht mehr in der Fläche bauen. Deshalb nutzen wir Nischen, bauen in die Höhe und stocken unsere Häuser auf, um neuen Wohnraum zu schaffen.“ Die Zahl der Sozialwohnungen habe man zwar seit 2015 wieder auf aktuell 3.274 steigern können. Allerdings habe man im Jahr 2000 noch über 6.736 preisgebundene Wohnungen verfügt.

Es fehlen Sozialwohnungen

Graniki und auch Rainer Stücker, Vorsitzender des Mietervereins Dortmund, halten es durchaus für realistisch, in den nächsten zehn Jahren 20.000 Wohnungen in Dortmund neu zu bauen. Problematisch seien aber die fehlenden Sozialwohnungen. Seit der Jahrtausendwende ist der Bestand an Sozialwohnungen von rund 50.000 auf unter 23.000 geschrumpft.

Die Mieter des Spar- und Bauvereins, die Thomas Westphal in der Scharnhorststraße trifft, sind froh, hier gute und günstige Wohnungen gefunden zu haben. Sie wohnen gerne hier, sagen sie. Es gebe nur kleine Dinge, die nicht passten. Ein Abstellplatz für Fahrräder vor dem Haus wäre schön, sagt eine Frau. Und ob man nicht dafür sorgen könne, dass da vorne an der Ecke nicht mehr so viele Ratten herumliefen, fragt eine andere.

Der Eindruck eines Kümmerers

Thomas Westphal hört geduldig zu, nickt verständnisvoll, macht sich eine Notiz, lobt beim Gang durch eine Wohnung, wie hübsch sich die Frau eingerichtet habe. Als der Besuch endet, verabschieden ihn die Mieter aus der Scharnhorststraße mit freundlichen Worten. Sein Besuch hat offensichtlich die erhoffte Wirkung hinterlassen. Da kümmert sich einer. Das ist das Bild, das hier entstehen sollte. Thomas Westphal ist zufrieden.

Ein paar Stunden später. Neujahrsempfang des SPD-Stadtbezirks Lütgendortmund/ Marten. 120, vielleicht 130 Menschen, die meisten jenseits der 60, verteilen sich in der großen Lohnhalle der ehemaligen Zeche Germania. Es gibt Bier, Glühwein und Suppe. Ein Heimspiel.

Eine Festrede noch ohne Maskenpflicht

Thomas Westphal ist der Festredner. Er schüttelt viele Hände. Noch geht das. Das Coronavirus ist weit weg, irgendwo in einer Stadt in China, also gefühlt so weit entfernt wie der Mond. Was geht uns das an?

Dass auch in Dortmund wenige Wochen später alle Geschäfte und Restaurants schließen werden und saftige Bußgelder demjenigen drohen, der ohne eine Maske in einen Bus steigt? Unvorstellbar.

An diesem Abend ist die Welt noch in Ordnung in der alten Lohnhalle. Thomas Westphal, der Kandidat, tritt ans Rednerpult, lächelt, sagt, wie sehr er sich freut, hier zu sein. Das wirkt durchaus glaubhaft und doch kann er nicht ganz aus seiner Haut. Er ist kein Rheinländer, der selbst Fremde nach zehn Minuten so herzt, als wolle er sie adoptieren.

Seine Rede beim Neujahrsempfang des SPD-Stadtbezirks Lütgendortmund/ Marten war bisher einer der letzten größeren Wahlkampfauftritte von Thomas Westphal. Das Corona-Virus ließ monatelang keine größeren Versammlungen zu.

Seine Rede beim Neujahrsempfang des SPD-Stadtbezirks Lütgendortmund/ Marten war bisher einer der letzten größeren Wahlkampfauftritte von Thomas Westphal. Das Corona-Virus ließ monatelang keine größeren Versammlungen zu. © Stephan Schuetze

Thomas Westphal ist der freundliche und doch leicht unterkühlte, fast schüchtern wirkende Mann aus dem Norden. Seine SPD-Chefin, Nadja Lüders, war vor zwei Jahren Dortmunds Karnevalsprinzessin. Sich vorzustellen, wie Thomas Westphal es ihr gleichtut, in weißer Strumpfhose und mit Narrenkappe als Prinz Karneval im Rosenmontagszug ausgelassen Helau ruft, sprengt die Grenzen der Fantasie.

Freundliche Worte vom Friseur

Er brauche halt ein wenig, bis er auftaue, aber dann komme man ganz prima mit ihm aus, sagen auch Marcel Kamin, der ihm seit mehr als 15 Jahren die Haare schneidet („immer dieselbe Frisur, keine Experimente“), und Stefanie Sielemann, seit neun Jahren Nachbarin der Westphals („Wir hocken nicht ständig aufeinander, gehen aber freundlich miteinander um“).

Einige Höflichkeitsfloskeln und Begrüßungen später ist Thomas Westphal auf Betriebstemperatur. Es gehe um die Menschen in dieser Stadt, um die er sich kümmern wolle, und zwar um alle. Man müsse allen eine Chance geben, sagt er.

Und dann kann er sich eine Spitze gegen Andreas Hollstein, seinen Gegenkandidaten von der CDU, der es in die ZDF-Talkshow geschafft hat, nicht verkneifen: „Lieber Lüdo als Lanz“. Gelächter, höflicher Beifall und dann wird‘s inhaltlich.

Drei zentrale Themen

In aller Kürze bringt er seine drei zentralen Wahlkampf-Themen unter die Genossen. Zunächst Verkehr: Er fordert den Ausbau von sechs Stadtbahn-Strecken, die H-Bahn-Verlängerung nach Barop, zum HSP-Gelände, wo der neue Campus der FH entstehen soll, und zum neuen Technologie-Brennpunkt an der Speicherstraße.

Außerdem einen Wasserbus, von Waltrop zum Hafen. Er verspricht einen drastischen Ausbau des Radverkehrs: „Wir haben natürlich Radwege, aber ein sicheres Radwegenetz ist das nicht. Für die Sicherheit ist für mich der Maßstab, ob Eltern morgens guten Gewissens entscheiden können, ihre Kinder mit dem Rad zu Schule zu schicken“, sagt er. Applaus.

Dann seine Thesen vom Wohnen und als drittes das Thema Kinder: „Wir müssen uns das gesamte System der Kinderbetreuung in der Stadt nochmal von vorne anschauen“, sagt Westphal. Von der Kita bis zum Offenen Ganztag seien die Angebote weder in der Menge noch in der Qualität zufriedenstellend. Daran müsse man arbeiten.

Corona setzt ein Fragezeichen hinter alle Pläne

Thomas Westphal braucht kein Manuskript. Er redet frei und strukturiert. Nach exakt 17 Minuten ist er beim „Glück auf, das Büffet ist eröffnet“, angelangt. Gutes Timing. Nicht zu kurz für eine Festrede, nicht zu lang für hungrige Mägen. Er hat ein paar Punkte eingesammelt für seine Bewerbung.

Als sich Monate später der Sommer ankündigt, hat das Coronavirus dicke Fragezeichen hinter all seine Pläne gesetzt, das Leben in dieser Stadt vollkommen verändert. „Um die 4.500 Unternehmen haben Kurzarbeit angezeigt, in der Finanzkrise 2008/ 2009 waren es in der Hochphase gerade mal 800. Das trifft uns schon sehr“, sagt Thomas Westphal.

Das Worst-Case-Szenario

„Wenn alle Anzeigen tatsächlich auch zu Kurzarbeit führen würden, wären 67.000 Menschen betroffen, 25 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Dortmund. Das Worst-Case-Szenario“, sagt er und tröstet sich damit, dass man mit diesen Werten im Vergleich noch relativ gut dastehe.

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Im Sauerland, in Ostwestfalen, im Kreis Unna und selbst in Düsseldorf seien die Werte noch deutlich schlechter. Das liege an den unterschiedlichen Branchenstrukturen der Regionen. Dortmund werde von globalen Krisen nicht so stark getroffen wie andere Orte, da man nicht so exportabhängig sei.

Getroffen wird aber auf jeden Fall die Stadtkasse. Schon jetzt ist absehbar, dass Corona ein Loch von deutlich mehr als 200 Millionen Euro in den Etat reißen wird. Wo ist da noch Geld, um all seine tollen Wahlkampf-Pläne zu verwirklichen? Sind die Pläne des SPD-Kandidaten jetzt nicht reif für den Papierkorb? „Im Gegenteil, sie sind sogar noch wichtiger und aktueller geworden, denn: Man wird diese Krise nur mit Investitionen überwinden“, sagt Thomas Westphal.

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Comeback-Programm und Vorschlaghammer

Genau aus diesem Grund wolle man noch im Herbst ein Comeback-Programm entwickeln. „Da wollen wir ganz konkret überlegen, wie wir die besonders betroffenen Bereiche in Dortmund – Gastronomie, Hotellerie, Schausteller, Flughafen und andere – unterstützen können. Dazu wollen wir Konzepte entwickeln, die dafür sorgen, dass sie sich neu aufstellen können.“

Teil dieses Comeback-Programms würden die Themen sein, über die er schon im Februar gesprochen habe, ohne Abstriche.

Im Herbst werden die Wählerinnen und Wähler darüber abstimmen, was sie von diesem Comeback-Programm halten und ob sie Thomas Westphal zutrauen, Dortmund aus der Krise zu führen. Am Abend des 13. Septembers wird gezählt, ob es reicht.

Wenn ja, wird sich möglicherweise einiges ändern in Dortmund, denn der große graue Mann, der aus dem Norden kam, antwortet auf die Frage nach seinem Lieblingslied mit „Hol den Vorschlaghammer raus“. Es ist ein Song aus dem Jahr 2001 von Element of Crime. Darin heißt es im Refrain: „Der ganze alte Schrott muss raus und neuer Schrott muss rein.“

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