„Teddy“ stirbt mit 32: Bewegendes Interview über das Leben auf der Straße

dzDortmunder Innenstadt

Der Tod eines 32 Jahre alten Wohnungslosen hat in Dortmund große Anteilnahme ausgelöst. Es gibt ein Videointerview mit „Teddy“ von Anfang 2020. Es ist ein bewegendes Dokument seines Lebens.

Dortmund

, 22.11.2020, 19:38 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein 32-jähriger Wohnungsloser ist mitten in der Dortmunder Innenstadt am Donnerstag (19.11.) tot aufgefunden worden. Der Tod von „Teddy“, wie der Mann genannt wurde, bewegt in den Tagen danach viele Menschen.

Bei Youtube findet sich ein bemerkenswertes Interview mit dem damals 31-Jährigen, das im Januar 2020 auf dem Kanal „Straßenleben“ veröffentlicht worden ist.

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Auf diesem Kanal führt ein Mann mit dem Vornamen „Alex“, der offenbar bewusst nicht im Bild oder mit vollem Namen in Erscheinung tritt, sehr tief gehende Gespräche mit wohnungslosen Menschen in ganz Deutschland.

„Teddy“ erzählte Anfang 2020 von seinen Träumen und seinen Fehlern

In einem am 1.1. 2020 hochgeladenen Video erzählt der Dortmunder „Teddy“ von den guten und schlechten Seiten seines bisherigen Lebens, von seinen Fehlern und seinen Träumen. Vor dem Hintergrund seines frühen Todes ist es ein bewegendes Dokument.

Zu sehen ist ein Mann mit kurzen Haaren im schwarzen Polo-Shirt, der mit angenehm sonorer Stimme spricht. Der sehr reflektiert und offen über die Fehler in seinem Leben spricht. Der viel lächelt, eine Haltung zu den Dingen hat.

Zusammengerechnet 15 Jahre und damit die Hälfte seines Lebens habe er im Gefängnis verbracht. Mit 12 nimmt er zum ersten Mal Drogen, Crystal Meth mit älteren Freunden aus Ostdeutschland. Schnell landet er beim Heroin und gerät in einen selbstzerstörerischen Kreislauf.

Traumatisches Ereignis im Alter von 13

Mit 13, so berichtet er, habe er die Vergewaltigung seiner Mutter mitansehen müssen. „Das war der schlimmste Tag in meinem Leben.“

Drogen, Kriminalität und Knastaufenthalte werden zu einem stetigen Begleiter für „Teddy“. Er heiratet mit Anfang 20, das Paar bekommt einen Sohn.

Auf die Frage des Interviewers, was der schönste Tag seines Lebens gewesen sei, antwortet er sofort: „Die Geburt meines Sohnes“ und erzählt die Geschichte, wie er während eines Hafturlaubs diesen Moment miterleben durfte.

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2017 habe er zum letzten Mal Kontakt zu dem heute Neunjährigen gehabt. Denn die Ehe scheitert, weil er „den größten Fehler meines Lebens“ gemacht habe, im Alkoholrausch die Hand gegen seine Frau zu erheben. Es sei schön gewesen, dieses Leben, „wo man alles hatte“.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs mit „Straßenleben“ ist „Teddy“ gerade wieder aus dem Gefängnis entlassen worden. Dadurch ist er in die Obdachlosigkeit gerutscht. Anfang 2020 strahlt er viel Zuversicht aus, dass sich dieser Zustand bald wieder ändert.

Das Ziel am Jahresbeginn: „Nie wieder in der Gosse sitzen“.

Seit drei Jahren sei er clean, erzählt er stolz. Er wolle straffrei bleiben, eine kleine Wohnung finden, vielleicht einen Job im Garten- und Landschaftsbau. Auf jeden Fall will er „nie wieder in der Gosse sitzen“.

An einem kalten Novembertag gut 11 Monate nach diesem Interview endet „Teddys“ Leben im Alter von nur 32 Jahren. Er hat es nicht aus der Gosse geschafft und er hat es nicht ohne Drogen geschafft. Aber er hat dennoch bei vielen Menschen in Dortmund etwas hinterlassen.

Das ist an der kleinen Gedenkstätte für den Mann zwischen Schwarze-Brüder-Straße und Westenhellweg zu sehen, wo immer wieder Menschen innehalten oder Kerzen aufstellen.

Das zeigt sich aber auch an Dutzenden Kommentaren in sozialen Medien. Mehrere Menschen berichten hier, dass sie den Verstorbenen regelmäßig in der Stadt gesehen und als freundlichen Menschen kennengelernt hätten. „Feiner Kerl, trotz Straße“, schreibt eine Nutzerin. „Wir werden dich vermissen“, eine andere.

Eine Frage in dem Interview auf Youtube lautet: Wärst du gerne unsterblich? „Auf keinen Fall“, antwortet „Teddy“. „Ich glaube, man ist froh, wenn es irgendwann zu Ende ist und man in Ruhe gehen kann.“

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Der Fall wirft die Frage auf, wie gefährdet obdachlose Menschen sind, in Dortmund auf der Straße zu sterben. Gesicherte Zahlen liegen laut der Stadt Dortmund und dem sozialen Träger Diakonie in Dortmund nicht vor. Dass die Menschen draußen sterben, sei aber eher selten, sagt Thomas Bohne von der Diakonie.

Auf einer Gedenktafel an der Liebfrauenkirche sind die Namen von sechs wohnungslosen Menschen aufgelistet, die im Jahr 2019 gestorben sind.

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