„Man muss schon ein Freak sein, um den Job zu machen“, sagt Rüdiger Mertens über seine Arbeit. Der 41-Jährige ist Tatort-Reiniger. Wir haben ihn zu einem Einsatz in Dortmund begleitet.

Dortmund

, 13.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Verabredet man sich mit einem Tatort-Reiniger zu einem Einsatz, muss man auf alles gefasst sein. Leichenrückstände, Maden, bestialischer Gestank. Rüdiger Mertens hat uns in eine Wohnung eingeladen, in der wochenlang ein toter Mann lag.

Der 41-jährige Dortmunder ist zertifizierter Tatort-Reiniger - einer von ganz wenigen in der Region. In ganz NRW ist der Extrem-Entrümpeler im Einsatz. Nicht nur Tatorte, auch andere Leichenfundorte oder Messie-Wohnungen räumt er auf. „Man muss schon ein Freak sein, um den Job zu machen“, sagt der Mann mit den vielen Ohrringen und Halsketten unter dem weißen Schutzanzug.

„Ich gehe da rein, wo andere rausgehen“

Als Treffpunkt hat uns Rüdiger Mertens eine gut bürgerliche Wohnsiedlung im Dortmunder Vorort Asseln genannt. Für die dichte Bebauung ist es hier recht grün, die Wiesen rings um die fünfstöckigen Wohnkomplexe sind gepflegt. An der Straße vor dem großen, grauen Garagenhof steht Mertens‘ Auto-Anhänger: „Ich gehe da rein, wo andere rausgehen“ ist darauf zu lesen.

Fünf Stufen führen hinauf zur Haustür, etwa 20 Namen stehen auf den Klingelschildern des großen Wohnhauses. „Mit dem Aufzug ganz nach oben“, sagt Rüdiger Mertens: „Und dann noch eine Treppe weiter zu Fuß.“ Auf in die Wohnung, in der ein toter Mann vier Wochen lang lag.

„Dann platzt die Leiche auf“: Im Einsatz mit Tatort-Reiniger Rüdiger Mertens (41)

"Ich gehe da rein, wo andere rausgehen", ist Rüdiger Mertens' Werbespruch. © Kevin Kindel

Oben angekommen riecht es muffig, aber bei Weitem nicht so schlimm, wie zu erwarten war. Fast eine Woche lang lief hier schon ein Gerät, das Sauerstoff in Ozon umwandelt, erklärt Rüdiger Mertens: „Das neutralisiert Gerüche. Sonst könnten wir hier gar nicht arbeiten.“ Solche Geräte werden zum Beispiel auch benutzt, wenn Autos weiterverkauft werden sollen.

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Der Tatort-Reiniger ist hier, weil der Bewohner dieser Einzimmerwohnung in seiner Küche gestorben ist. Woran er gestorben ist oder wie alt der Mann war, das möchte der Entrümpeler gar nicht unbedingt erfahren.

„Einmal hatte ich einen, der war über 15 Quadratmeter verteilt“

Je mehr er sich mit den Schicksalen hinter seinen Einsätzen beschäftigt, desto näher gehen sie ihm. Deshalb lässt er es an dieser Stelle - und sagt: „Für mich ist es halt ein Job.“ Büro-Arbeit sei nichts für ihn, das wäre zu langweilig.

Den toten Körper hat das Beerdigungsinstitut abgeholt, in der Küche fallen jetzt große, bräunliche Flecken auf dem Fußboden auf. „Wenn ein Toter lange liegt, entstehen Faulgase, und dann platzt die Leiche auf“, sagt Rüdiger Mertens. Dann laufen Leichensäfte aus. Und die sind hier am Boden angetrocknet. „Einmal“, erzählt der 41-Jährige: „Da hatte ich einen, der war über 15 Quadratmeter auf dem Laminat verteilt.“

„Dann platzt die Leiche auf“: Im Einsatz mit Tatort-Reiniger Rüdiger Mertens (41)

Nur im weißen Einweg-Schutzanzug kann Mertens den Raum betreten, in dem die Leiche lag. © Kevin Kindel

So abgeklärt wie er drüber redet, macht er den Job bestimmt schon lange: „Naja, seit drei Jahren“, antwortet Mertens. Vorher hat er schon Extrem-Entrümpelungen erledigt, etwa bei Mietnomaden. Für die Leichenfundorte machte er dann eine besondere Ausbildung, auch weil er selbst gesundheitliche Bedenken hatte.

Werden die Rückstände nicht fachkundig entfernt, können sich Viren oder Pilze in den Wänden einnisten. Dann können Nachmieter noch Jahre später schwer krank werden.

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Alle Möbel und Elektrogeräte aus der betroffenen Küche müssen laut Seuchenschutzgesetz direkt in die Müllverbrennungsanlage kommen, genau wie der Fußbodenbelag, den Rüdiger Mertens im Einweg-Schutzanzug herausreißt. Mertens sagt aber auch: „Leider Gottes gibt es viele, die den Job machen, aber nicht offiziell dürfen.“

„Das Schlimme ist einfach, dass das kein’ Arsch interessiert“

„Wenn ich Pech habe, muss ich da hinten auch den Estrich entfernen“, sagt er und zeigt in eine Ecke der Küche. Einen Meter um den Leichnam herum müsse alles erneuert werden. Seine Frau Nicole hilft ihm beim Abtransport, darf den betroffenen Raum aber vorsichtshalber nicht betreten.

Ekel zeigt Rüdiger Mertens bei seiner Arbeit nicht. Aber die Lebensumstände des Toten lassen ihm die Stimme stocken, während er das Geschirr aus den Küchenschränken in Müllsäcke packt.

„Dann platzt die Leiche auf“: Im Einsatz mit Tatort-Reiniger Rüdiger Mertens (41)

Der Tatort-Reiniger entrümpelt die komplette Küche. Die Flecken am Fußboden haben wir unkenntlich gemacht. © Kevin Kindel

„Das Schlimme ist einfach, dass das kein‘ Arsch interessiert“, sagt Mertens und meint die lange Zeit, in der der Mann tot in der Küche lag. „In Unna hatte ich einen Fall, da lag ein 18-Jähriger acht Wochen tot in einer Wohnung“, erzählt Mertens: „Die Abgedroschenheit der Menschheit, das ist das, was mich am meisten beschäftigt.“

Viele Menschen lebten in so vollkommener Einsamkeit. „Hier auch, der hatte keinerlei persönliche Dinge“, sagt Mertens und guckt aus dem Türrahmen ins Schlaf- und Wohnzimmer. Nur ein Bild von der Golden-Gate-Bridge in San Francisco hängt an der Wand, außerdem liegen viele mehr als 20 Jahre alte Schlager-CDs herum. Sonst nichts Persönliches.

Auf einer CD-Hülle steht „Herzen brauchen Zärtlichkeit“

„Alles so völlig karg, nicht mal Tapeten an den Wänden“, sieht Rüdiger Mertens: „Einsamkeit beschäftigt mich mehr als der Fundort selbst.“ Auf einer der CD-Hüllen steht der Titel - „Herzen brauchen Zärtlichkeit“.

Hört man den Begriff Tatort-Reiniger, denken viele Menschen zuerst an die gleichnamige Fernsehserie mit Bjarne Mädel. „Die Comedy-Serie zieht ja alles sehr ins Lächerliche“, sagt der Profi. „Aber aus diesem Thema einen Scherz zu machen? Ich weiß nicht.“

Auf der einen Seite stumpfe man als Tatort-Reiniger sicherlich etwas ab, sagt der 41-Jährige. Aber: „Man geht respektvoller mit der eigenen Gesundheit um. Man geht regelmäßiger zum Arzt, man weiß das eigene Leben eher zu schätzen.“

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