„Tatort“ an Neujahr mit Dortmunder Kommissaren ist „Psychogeschiss“

dzTV-Experiment

Weniger Krimi, mehr Kammerspiel und Psychodrama – der Tatort, den die ARD am Neujahrsabend ausstrahlt, wird die Zuschauer spalten. Dortmunder Kommissare haben erheblichen Anteil daran.

Dortmund

, 30.12.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist zwar kein Dortmund-Tatort, den die ARD am Neujahrstag (20.15 Uhr) ausstrahlt, aber ein Tatort mit erheblicher Dortmunder Beteiligung. Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) und seine Kollegin Bettina Bönisch gehören zu einem Ermittlerteam, das eine heimtückische Mordserie aufklären soll, der innerhalb eines halben Jahres bereits vier Kommissare unterschiedlicher Dienststellen in Nordrhein-Westfalen zum Opfer gefallen sind.

Es gibt keine heiße Spur, und der Druck wächst. Solch eine „dramatische Lage“, sagt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der in dem Film eine kleine Gastrolle spielt, erfordere „unkonventionelle Maßnahmen“. Soll heißen: Unter Anleitung von zwei krisenerfahrenen Coaches sollen die Ermittler zu einem lösungsorientierten Top-Team zusammenwachsen. Polizeifunk aus dem Off verleiht dem Geschehen Authentizität und erhöht die Dramatik.

Ohne festes Drehbuch, aber mit Starbesetzung

Unkonventionell ist auch die Entstehung des Krimis: mit Starbesetzung, aber ohne festes Drehbuch, die Schauspieler kannten nur ihr Rollenprofil. Der Rest ist improvisiert. Sieben Kommissare, 36 Kameras und ein Motiv. Diese Art zu drehen, „ist halt ein Trip“, sagt Regisseur Jan Georg Schütte.

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Der Tatort wurde in nur zwei Tagen gedreht. In ein paar Räumen eines leer stehenden Tagungshotels in Siegburg – im Seminarraum, auf Fluren, in einer Küche, auf der Toilette und in einem Schwimmbad mit leerem Becken. Alle Kommissare sind mit den Opfern verbandelt. „Eine explosive Konstellation, genau da müssen wir reinstechen“, sagt Krisen-Coach Christoph Scholz (Charly Hübner), der von seinem Bruder Martin (Bjarne Mädel) unterstützt wird. Die beiden sind eigen, extrem und polizeifremd. Sie sollen ein Team formen, das für den Täter „nicht mehr lesbar ist“.

Auf Thiel wurde geschossen

Am Anfang steht das Kennenlernen der Kommissare, neben den beiden Dortmundern sind das Nadeshda Krusenstern (Frederike Kempter) aus dem Münster-Tatort und vier weitere Kommissare (Ben Becker, Nicholas Ofczarek, Elena Uhlig und Friedrich Mücke) aus Oberhausen, Aachen, Düsseldorf und Paderborn. Kommissar Thiel aus Münster fehlt, weil auf ihn am Morgen geschossen wurde.

Dieser Tatort ist weniger Krimi, dafür mehr Psycho-Kammerspiel. Der Zuschauer wird zum Beobachter, wenn sich die unterschiedlichen Typen – aggressiv, überheblich, rüpelhaft, smart, traumatisiert und depressiv – gegenseitig zerfleischen, teilweise sogar an die Gurgel gehen oder Seelenstriptease betreiben müssen, um sich zusammenzuraufen. Kommissar Mitschowski aus Aachen nennt das „Emotionspsychogeschiss“.

„Tatort“ an Neujahr mit Dortmunder Kommissaren ist „Psychogeschiss“

In solch einer Situation war Martina Bönisch (Anna Schudt) von der Dortmunder Mordkommission noch nie: Sieben Kommissare, ein verlassener Hotelkomplex - in dessen Schwimmbecken jeder mal auf dem "heißen Stuhl" Platz nimmt. © WDR/Tom Trambow

Wie Mitschowski ist Peter Faber misstrauisch. Er vermutet: „Ihr wollt kein Team aus uns machen. Ihr glaubt, dass es einer von uns war. Deshalb sind wir ausgewählt.“

Dramatische Wende

Erst eine dramatische Wende im letzten Drittel erhöht die Bedrohung, zwingt die Kommissare zum Ermitteln und treibt das Krimigeschehen voran. Und das in Form der höchsten Perfektion des Ratekrimis: die Lösung eines Mordfalls in einem mehr oder weniger geschlossenen Raum. Die Dortmunder Kommissare Faber und Bönisch übernehmen die Führung. Der Zuschauer versucht sich gemeinsam mit den Kommissaren im Mörderraten. „Ein beschissenes Spiel“, sagt Faber, der Stratege.

„Tatort“ an Neujahr mit Dortmunder Kommissaren ist „Psychogeschiss“

Faber und Bönisch diskutieren mit den beiden Coaches (Bjarne Mädel (l.) und Charly Hübner (2.v.r.) . © WDR/Tom Trambow

Am Ende wird der Fall zwar gelöst; doch offene Fragen, etwa nach dem Motiv, lassen den Zuschauer ratlos zurück. Ein improvisierter Tatort funktioniert eben nicht als Krimi. Als Psycho-Drama in diesem Fall aber schon. „Das Team“ wird ein weiterer Tatort sein, der spaltet. Wer Freude daran hat, guten Schauspielern bei ihrer nicht alltäglichen Arbeit zuzusehen, kommt jedenfalls auf seine Kosten.

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