Stöhnen, bölken, bellen - Meine Nachbarn, „Die Ficker“

dzAuf gute Nachbarschaft

Nachbarschaft kann eine feine Sache sein. Muss aber nicht. Unsere Autorin berichtet aus ihrem Leben im Mietshaus - mit Fußball-Aggression, lautem Sex und einem Hund, der niemals ruhig ist.

Dortmund

, 08.12.2018, 04:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mittwochabend, 21 Uhr. Champions League. BVB gegen Atletico Madrid. Das Stadion bebt, der Nachbar von oben bebt mehr. „Wit-sel! Göt-ze! San-cho!“ In seiner Wohnung in der westlichen Dortmunder Innenstadt brüllt (!) der Mann die Aufstellung mit. Das macht er immer so. Bei jedem Spiel.

Seine Freundin auch. Immer einen Ticken später als er, immer etwas leiser, dafür umso schriller. Stadiongesänge in meinem Wohnzimmer. Der Fernseher oben ist doppelt so laut wie sonst. Mehr Lautstärke, mehr Stimmung. Schon klar.

Die anderen sind „Die Hurensöhne“

„Ihr Hurensöhne!“ Aha. Die gegnerischen Spieler laufen auf. Das sind die Hurensöhne. Immer. Bei jedem Spiel, bei allen Gegnern. Wenn sie einlaufen und wenn ihm da oben was nicht passt. Mir passt auch was nicht.

Die Lautstärke, das aggressive Gebölke, das schrille Piepsen, das Kläffen des Hundes und das rhythmische Schlagen des Kopfteils gegen die Schlafzimmerwand. Meine Nachbarn, die Ficker. So nenne ich sie. Weil’s so oft ist, so laut, so nervig. Manchmal witzig. Oft nicht.

Erst kommt das Schlagen, dann kommt sie

Als sie einzogen, in die Eckwohnung oben im vierten Stock, da war es nur der Sex. Erst kommt das Schlagen gegen die Wand, anfangs leise, dann lauter, schneller. Dann kommt sie. Schrill, kreischend, quiekend. Dann kommt er. Aggressiv, kurz, heiser.

Immer derselbe Ablauf. Irgendein WLAN im Haus hieß bis vor kurzem „Ich kann euch ficken hören“. Kann ich auch. Wie sie oben heißen, weiß ich nur halb. Das Klingelschild gibt nur Nachnamen her. Ist auch egal. Für mich sind die da oben einfach „die Ficker“.

Er tobt und wütet

Eingezogen sind sie 2017 in der Fußball-Sommerpause. Als die rum war, wurde Fußball zum Dauer-Thema. Interessiert mich nicht. Jetzt weiß ich immer, wann Anstoß ist, wer spielt, wenn ein Tor fällt, wenn’s knapp war. Sieg-Tage sind bessere Tage. Laut, emotional, freudig-agressiv. „Jawoll!“ und „Mein Junge!“, sind Ausdrücke, die dann häufig fallen. Kann ich mit leben.

An Niederlage-Tagen fällt freudig weg. Dann tobt er und wütet. Dann gibt’s besonders viele Hurensöhne, manchmal Kanacken, seltener Wichser. Seit die Ficker Fußball gucken, drücke ich Schwarzgelb die Daumen. Heja, BVB!

Der Hund bellt nicht. Kann ja gar nicht sein

Sex, Fußball und seit ner Weile dann noch der Hund. Son kleiner Kläffer. Ultra laut, ultra nervig. Ich dachte, das legt sich. Tut es nicht. Warum auch. Bölken und bellen. Passt. Sex und Fußball hab ich noch ertragen, aber beim Kläffen werd ich aggressiv. Wenn’s wenigstens ein richtiges Bellen wäre. Isses nicht. Letztens im Treppenhaus kam er mir entgegen. Den Hund auf dem Arm.

Ich hab ihn angesprochen. Auf das Kläffen - den ganzen Tag, zu laut, vielleicht mal erziehen, statt den Hund fürs Bellen noch anzuschreien. „Das kann gar nicht sein, der bellt nicht“, heißt es dann. Fast geht der Satz im Gekläffe unter. Aber nein, der Hund bellt nicht. Nie. Kann ja gar nicht sein.

Zwei gegen einen

Währendessen kommt sie die Treppe runter - jetzt wird’s interessant, denke ich noch. Zwei gegen einen und dann noch der Kläffer. Sie rauscht vorbei. Einfach runter. Kein Blick, kein Wort. So kann man Konflikten auch aus dem Weg gehen. Vom Nachbarn nebenan, der übrigens auch einen kleinen Hund hat, von dem ich bisher gar nichts mitbekommen hatte, erfahre ich, dass die Nachbarin von der Etage noch eins drunter schonmal oben war und sich beschwert hat.

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Ergebnis: keine Einsicht, kein Erfolg. Und dann sagt er noch: „Sei froh, dass deren Schlafzimmer nicht direkt über deinem Wohnzimmer ist.“ Wir kommen ins Gespräch. Über den Dreiklang unserer Nachbarschaft: Stöhnen, bölken, bellen. Kann es Schöneres geben?

Und dann flogen Zwiebeln

Und dann gibt’s da ja noch den Vorfall mit den Zwiebeln. Im Sommer 2017 war das. Da waren sie noch ganz neu im Haus. Da dachte ich noch, dass die vielleicht ganz nett sind – immerhin hängen sie ihre Wäsche immer sehr ordentlich auf dem Trockenboden auf. Ein warmer Sommerabend, Fenster offen und von draußen immer so ein „Patsch“-Geräusch, als wenn was kaputt geht. Immer wieder. Nach dem vierten Mal will ich wissen, was das ist. Also ans Fenster und warten.

„Patsch!“ Irgendwas ist auf den Asphalt geschlagen. Wo genau und was kann ich nicht erkennen. Zu dunkel. „Patsch!“ Unten geht ein Pärchen her. „Sach ma geht’s noch? Watt wirfste hier mit Zwiebeln?“ Gelächter von oben. Böse Blicke von unten. Weiter geht’s „Patsch!“ Immer wenn draußen wer hergeht. Irgendwann ist Schluss. Son Netz Zwiebeln ist halt auch endlich. Meine Geduld auch.

Einfach lachen

Noch bin ich nicht wutschnaubend nach oben gestürmt, habe nicht gegen die Tür gepoltert, während sie dahinter ihr von der immerwährenden animalischer Begleitmusik unterlegtes Programm abspielen. Hilft ja auch nicht. Manchmal muss ich auch einfach lachen über meine Nachbarn, die Ficker.

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