„Für die Agenten der Stasi war Dortmund geradezu ein Leckerland“

dzStasi in Dortmund

Dr. Helmut Müller-Enbergs analysiert seit 30 Jahren den Auslandsnachrichtendienst des Ministeriums für Staatssicherheit. Im Interview verrät er, was Dortmund für die Ost-Agenten so interessant machte — und was wir von der Stasi für den Schutz unserer Demokratie lernen können.

Dortmund

, 31.01.2020, 14:45 Uhr / Lesedauer: 7 min

Autobahnen, Unternehmen, Politiker, Universität: Die Akten aus der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin belegen eine hohe Beobachtungsdichte in Dortmund. Ende der 80er- Jahre können in der Stadt 16 Inoffizielle Mitarbeiter nachgewiesen werden. Wundert Sie das?

Dortmund ist eine spannende Region für einen östlichen Nachrichtendienst gewesen, eine alte und krafterprobte Arbeiterbewegung. Dortmund war für das MfS wesentlich eine Rekrutierungsreserve, wo also Menschen lebten, die man für nachrichtendienstliche Arbeit werben konnte. Richtige Spitzenquellen konnte es nicht geben, weil hier die entsprechenden Institutionen fehlten. Hier war kein Nato-Sitz, hier war kein Deutscher Bundestag, hier war nicht der Landtag NRW. Aber hier war Industrie und an der Uni gab es auch Forschung.

Mindestens drei Agenten befanden sich in der Uni Dortmund. Kann man Universitäten als ein wichtiges Ziel des MfS in der Westspionage sehen?

Die Forschung und Wissenschaft in der Bundesrepublik war das, worauf die Spionage der DDR und somit der Sowjetunion scharf war. Die war so bedeutend, dass für jede Universität im Osten ein Pate existierte. Jede Uni in der Bundesrepublik hatte einen Bezirk der Staatssicherheit, der sich mit ihr ausschließlich befasste. Warum? Die Bundesrepublik war in der Forschung unglaublich weit. Und wer dieses Know-how abgriff, sparte Kosten. Die DDR hatte mit ihrer Währung nicht die Chancen, Patente und Verfahren weltweit aufzukaufen. Und dafür war Dortmund ja ein richtiges Leckerland.
An den Unis operierte die Stasi auch mit Kontaktpersonen. Denn Wissenschaftler leben in einem Forschungstunnel. Sie tauschten sich mit Fachkollegen aus, wie es in der Wissenschaft normal ist. Sie mussten dafür keine Agenten sein, weil solche Nerds Interesse daran haben, sich gegenseitig kollegial zu unterstützen. Das war der Punkt, an dem das MfS den Staubsauger anschmeißen konnte, um Forschungsergebnisse zu bekommen.

IM „Holger Rum“ war ein Top-Agent im Raum Dortmund. Er beschaffte der Stasi aus einem Unternehmen Videosysteme und Sicherheitstechnik. Heute versichert er, es seien nie vertrauliche Unterlagen und lediglich Technik gewesen, die auf dem Markt zu kaufen waren. Sind das Schutzbehauptungen?

Das MfS arbeitete wie in einem Quellekatalog. Ein volkseigener Betrieb brauchte ein bestimmtes Produkt, das auf der Embargoliste stand. Darüber wurde der Nachrichtendienst in Kenntnis gesetzt. Und dann prüfte das MfS innerhalb des Ministeriums, ob eine Quelle dieses Produkt beschaffen konnte. Und zwar, ohne Spuren in der westlichen Hemisphäre zu hinterlassen. „Holger Rums“ Aufgabe als Abschöpfquelle war es, solche Produkte zu beschaffen. In der Summe handelte es sich dabei um Embargo-Produkte, die nicht hätten in die DDR gelangen dürfen. Von daher half „Holger Rum“ dem Sozialismus, ein paar Tage länger zu leben.

Der IM „Hermann Reimer“ fuhr die Autobahnen rund um Dortmund kontinuierlich ab, um beispielsweise Brücken zu lokalisieren und zu beschreiben. Das werden keine Sonntags-Spazierfahrten gewesen sein...

Eine Aufgabe des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, der korrekt Hauptverwaltung A (HV/A) des MfS heißt, war es, sich für den Kriegsfall vorzubereiten. Dafür wollte man Gruppen haben, die in der Bundesrepublik die kritische Infrastruktur behinderten und zerstörten. Kraftwerke, Verkehrsknotenpunkte – auch bei der Bundesbahn und auf Autobahnen. Dafür brauchte es ein exaktes Wissen, wo man mit wenig Aufwand die größte Wirkung erzielen konnte. Wo würde man ein Bohrloch ansetzen können, um mit einer Detonation dem Klassenfeind die logistische Zufuhr abzuschneiden und ihn so zu behindern? Die HV A hatte eine eigene Abteilung, die sich mit diesen Fragen beschäftigte.

Wie passt das Interesse an militärischen Erkenntnissen damit zusammen, dass sich zwar Akten zu den einzelnen Autobahn-Brücken finden lassen, aber nicht eine Information zu den Militär-Stützpunkten, die es in Dortmund gab?

Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Variante A: Die Unterlagen sind vernichtet worden. Variante B: Dafür war das MfS gar nicht zuständig. Denn es gab in der DDR noch einen militärischen Nachrichtendienst, der im Westen Informationen gesammelt hat. Variante C: Das MfS musste nicht in Dortmund mit Quellen vor Ort sein, um zu wissen, was in den dortigen Kasernen läuft, weil man auf der Hardthöhe in Bonn – also im Bundesverteidigungsministerium – mit Quellen Informationen beschafft hat. Das heißt, man bekam die benötigten Informationen zentral serviert. Gleiches gilt für den Agenten „Topas“, den das MfS als Spitzenquelle in der Nato aufbauen konnte.

Was ist mit anderen osteuropäischen Geheimdiensten?

Das ist ein weiterer Erklärungsansatz, also Variante D: Wir schauen häufig nur auf das MfS. Wir können aber auch problemlos annehmen, dass der tschechoslowakische, ungarische, rumänische Nachrichtendienst ebenfalls hier war. Dortmund ist ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Nach 1945 gab es riesige Vertriebenen-Verbände. Dortmund ist beispielsweise ohne polnische Bergleute und Stahlarbeiter undenkbar. Da konnte der polnische Nachrichtendienst dran arbeiten. Und wenn der polnische Nachrichtendienst schon Quellen in einer Dortmunder Kaserne hatte, dann konnte sich das MfS die Mühe sparen, eigene Quellen aufzubauen.

An der Eisengießerei Daume in Lindenhorst hatte die Stasi Interesse, weil sie den Eigentümer Willi Daume, der auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees war, diskreditieren wollte. Heute weiß man, dass Daume in der NS-Zeit Zwangsarbeiter beschäftigte. Zu DDR-Zeiten fand die Stasi dafür trotz größter Anstrengung keine Beweise. Warum wollte die Stasi westliche Amtsträger beschädigen?

Das MfS hatte eine sehr einfache Philosophie: Wer mit uns geht, kann braun sein. Wer gegen uns steht und braun war, der muss sich auf Enthüllungsjournalismus gefasst machen. So wurden über vier Jahrzehnte bewusst Personen diskreditiert, zum Beispiel um Leute, die DDR-freundlich waren, nach vorne zu schieben. Bundespräsident Heinrich Lübke ist eine der Personen, die stark diskreditiert wurden. Und auch bei Willi Daume bot es sich an. Der Sport war für die DDR eine Visitenkarte auf dem internationalen Parkett. Da musste jedes Hindernis, das den DDR-Sport in Misskredit bringen konnte, weggeräumt werden. Dazu wurde gerne die braune Karte ausgespielt, nach der man aktiv suchte.

Ein Mannheimer Kernphysiker spazierte 1974 zum Hauptquartier der Stasi und bot sich als Spitzel an. Am Ende wurde er zur Top-Quelle IM „Herzog“ und berichtete über den Bau des Atomreaktors in Kalkar. Bauherr war die VEW Dortmund. Konnte man sich der Stasi einfach so anbieten?

Wenn sich ein Bürger aus dem Westen selbst anbot, war der erste Grundgedanke, dass es sich hier um die Falle eines anderen Nachrichtendienstes handeln könnte. In diesem Moment fing man an, diesen Menschen rundherum zu überprüfen. Durch einzelne Zugänge war es in den 80er-Jahren möglich, beim Verfassungsschutz oder der Polizei Personeninformationen zu beschaffen. Denn das MfS hatte beim Konkurrenten im Westen gute Quellen. Es wurden aber auch Telefongespräche abgehört und der Kandidat wurde in der Bundesrepublik observiert. Dann gab es Testaufträge, um zu schauen, bringt der Kandidat qualitativ hochwertige und überprüfbare Informationen oder handelt es sich um Spielmaterial? Bei „Herzog“ stellte man fest: Er ist kein Pappkamerad. Das war wichtig. Atomenergie war ein teures Produktions- und Forschungsgebiet, auf dem die DDR selbst unterwegs war. Dort durch Spionage Kosten zu sparen, bot sich förmlich an.

Neben Top-Agenten zeigen die Akten häufig ganz profane Informationsbeschaffung durch Ermittler. Ein Überweisungsformular der Bank, ein Antrag zur Bestellung eines Personalausweises, eine Bus-Fahrkarte. Was wollte die Stasi damit?

Wenn man die Welt des MfS richtig verstehen will, muss man sich die verschiedenen Schubladen angucken. Eine Schublade war dazu da, den Agenten mit plausiblen Unterlagen auszustatten, die er mit sich führen sollte. Von der Fahrkarte bis zum richtigen Ausweis. Dafür gab es eine eigene Abteilung VI der Hauptverwaltung A. Die war quasi die Reisestelle. Sie verpackte den Agenten so, dass er wie ein Fisch im Dortmunder Wasser schwimmen konnte. Er fiel schlicht nicht auf. Wenn der Agent vorgeben wollte, in der Nacht in Dortmund gewesen zu sein, brauchte er entsprechende Gegenstände in der Geldbörse. Diese kleinen Rädchen im Getriebe der Spionage waren so wichtig, dass es ohne sie keine Spionage hätte geben können.

Stasi-Spitzel haben in unserer Gesellschaft keinen guten Ruf. Besonders IM, die in der DDR Nachbarn, Freunde oder Familienmitglieder verraten haben. Wie ordnen sich da IM der HV A moralisch ein?

Wenn man sich fragt, ob die Arbeit von IM ethisch gleichwertig ist, die innerhalb der DDR und im Operationsgebiet gearbeitet haben, kann man sagen, es wurde für jeden die Charakterhülle geschaffen, die half, optimal operativ Informationen zu kriegen. Dem Bürger, der in der DDR seinen Nachbarn im Visier hatte, wurde vermittelt, dass er Schaden für die Republik, Schaden für den Beobachteten selbst abwendet. Er schütze und helfe jemandem, ein bürgerliches Leben zu führen. Agenten in der BRD, also auch im Dortmunder Raum, wurde vermittelt, die DDR sei abgehängt, sie müsse auf Augenhöhe erscheinen, einen Krieg abwehren und den Frieden sichern. Dies gehe nur, wenn die DDR auf allen Gebieten wisse, was läuft, damit ein Überraschungsangriff ausgeschlossen werden könne. Der Westen versuche, die DDR ökonomisch platt und politisch lächerlich zu machen. Kurzum: Bei der ethischen Bewertung muss man immer fragen, welche Charaktermaske derjenige bedient hat. Aber Agententätigkeit des MfS war immer mit Vertrauensbrüchen verbunden.

Täter haben einen Namen, sagt Roland Jahn, der Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde. Finden Sie auch, dass 30 Jahre nach dem Mauer-Fall Agenten enttarnt werden sollten?

Ja, man soll die Namen nennen dürfen. Aber wäre es nicht klug, zu prüfen, ob uns der Name in der Aufarbeitung weiterbringt – und wo nur die Geschichte selbst bedeutend ist? Ist es nicht besser, einen ehemaligen Spion zu bitten, von sich zu erzählen, damit wir wissen, wie er arbeitete, statt ihn und seine Familie der Öffentlichkeit preiszugeben? Es ist eine Abwägung. Karl-Heinz Kurras, Westberliner Polizist und Stasi-IM, ist für mich ein Name, den man nennen muss, weil er historisch durch sein Handeln, die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967, bedeutend geworden ist. Bei anderen ist es spannender zu wissen, mit welcher Rezeptur sie versuchten, unsere Demokratie zu schädigen, damit wir sie künftig besser schützen können.

Aktuell wird unsere Demokratie von inneren und äußeren Kräften erneut infrage gestellt. Wie kann uns die Stasi-Aufarbeitung helfen?

Die Aufarbeitung der Geschichte des MfS und der Staat, dem sie diente, lehrt uns zu würdigen, was für einen besonderen Wert die Demokratie hat, wie schön es ist, dass es sie gibt. Keine staatliche Stelle wird insgeheim auf Biografien lenkend eingreifen, wie das einst die Geheimpolizei tat. Das tut gut.

In den Kellern der Stasi-Unterlagenbehörde schlummern 16 000 Säcke voller zerrissener Akten. Wie lange dauert es, bis der Nachlass der Stasi rekonstruiert worden ist?

Es gibt 111 Kilometer Akten in Regalen, von denen etwa Zweidrittel schon mal in der Hand gehalten wurden. Das heißt, von einem Drittel weiß man noch nicht, was in ihnen steht. Darüber hinaus gibt es diese 16 000 Säcke mit zerrissenen Stasi-Unterlagen. Gewissermaßen die Ware, die noch in den letzten Tagen auf den Schreibtischen lag. Sie mussten zerrissen werden, weil die Schredder nicht mehr richtig arbeiteten. Seit der Wiedervereinigung konnten etwa 500 wieder zusammengepuzzelt werden. Und nicht wenige Säcke bestätigen die These, dass die wichtigere Ware oftmals nicht in den Regalen steht, sondern noch unerschlossen in den Säcken liegt. Da können sicher noch spannende Details zur Arbeit des MfS zutage gefördert werden.

Hand aufs Herz. Konnte es der bundesdeutsche Nachrichtendienst jemals mit der Stasi aufnehmen?

So wie das MfS in der BRD gearbeitet hat, war das Top-Niveau. Umgekehrt spielte der Bundesnachrichtendienst, wenn ich es mit einem Bild aus dem Fußball vergleichen möchte, in der Kreisklasse. Westdeutsche Dienste konnten in der Diktatur bei Weitem nicht so frei agieren. Ihre Anzahl der Quellen war viel zu klein. Insofern konnte der Diktatur-Auslandsnachrichtendienst den Luxus der so bekämpften Demokratie voll auskosten. Ich würde sogar sagen: So bequem wie in der Bundesrepublik konnte man nirgendwo spionieren. Insofern waren die Spielsituationen sehr ungleich. Aber nach Abpfiff des Spiels war das MfS Konkursmasse.

Dr. Helmut Müller-Enbergs lehrt als Professor an der Syddansk Universitet im dänischen Odense und beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit. Im März erscheint im Klartext-Verlag das von ihm mitherausgegebene Buch „Das Ruhrgebiet im Fokus der Westarbeit der DDR“ (256 Seiten, 29,95 Euro).
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