Löttringhausen: Unterschätztes Idyll mit Ruhefaktor

dzStadtteilcheck

Viel Grün, gute Radfahrmöglichkeiten und eine gute Nahversorgung: Die Löttringhauser bescheinigen ihrem Stadtteil hohe Lebensqualität – und sind bereit, bei Mängeln ein Auge zuzudrücken.

Dortmund

, 08.12.2018, 11:27 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Sonne taucht das Laub in ein warmes Licht. Pferde grasen auf einer Koppel. Die Felder sind abgeerntet, umgepflügtes Land. Ein Vogelschwarm lässt sich auf einem Acker nieder, stiebt auf und fliegt davon. Ruhe liegt über den alten Höfen und Gutshäusern, die sich über Kobbendelle und Hellerstraße hinweg seit 100 Jahren gegenüberstehen.

„Genau das ist es“, sagt Familienvater Stephan Szumigala, „der Faktor Ruhe. Der macht eine Menge aus.“ So viel, dass die Menschen in Löttringhausen und Kruckel, in Persebeck, in Groß- und Kleinholthausen die Lebensqualität ihres Wohnortes mit neun von zehn Punkten bewerten – und damit über dem Durchschnitt der Gesamtstadt liegen (acht Punkte). Löttringhausen: ein kleiner, unterschätzter Stadtteil; ein Dorf-Idyll, das lange im Schatten von Kirchhörde stand.

Vor sechseinhalb Jahren sind Tanja (34) und Stephan Szumigala (39) in ihre Mietwohnung an der Straße Am Flachsteich gezogen, in der sie mit ihren beiden Kindern Max (3) und Mia (6) leben. Tanja Szumigala sagt, dass sie bereits seit knapp 30 Jahren in Löttringhausen wohne und es keinen Grund gebe, fortzuziehen. Es sei „total super hier“, ergänzt Ehemann Stephan, „wir wohnen mitten im Grünen“. Er kann es nur schätzen, „aber ich würde sagen, der Grünanteil in Löttringhausen liegt bei mehr als 50 Prozent“.

Das sehen auch die Mitbewohner so: Bei der Bewertung der Grünflächen schneidet Löttringhausen mit der höchstmöglichen Punktzahl ab (zehn) – und steht besser da als Dortmund im Gesamtschnitt (neun Punkte). Ungefähr zweimal im Monat geht Familie Szumigala spazieren, vorbei an Wiesen und Feldern bis zum Reiterhof. Sie genießen das Dorfidyll. „Es ist sauber, und man fühlt sich sicher, Kriminalität spielt hier keine große Rolle“, sagt Tanja Szumigala.

Der Clou aber: Familie Szumigala hat fast alles unmittelbar vor der Haustür. Die Langeloh-Grundschule, die Mia besucht, liegt eine Minute entfernt. Die Kita im Familienzentrum an der Eichhoffstraße, in der sie Max morgens abliefern, liegt ebenfalls eine Minute entfernt. 72 Plätze gibt es dort, die alle belegt sind. Und endlose Wartelisten gibt es, sagt die stellvertretende Leiterin Doris Heybutzki. „Wir könnten alle Plätze doppelt belegen.“

Die Kinder kommen nicht allein aus Löttringhausen. „Wir haben auch großen Zulauf aus dem Ortsteil Schnee“, weiß die Pädagogin. Es gibt noch zwei weitere Kitas: an der Hugo-Sickmann-Straße und eine an der Kruckeler Straße, die von einer Elterninitiative getragen wird.

Mit einer Bewertung von sieben Punkten liegt Löttringhausen exakt im Dortmunder Gesamtschnitt. Wenn Max und Mia im Sommer draußen toben möchten: Auch der Kinderspielplatz wartet unmittelbar hinterm Haus. Einkaufen? Können sie zu Fuß. Dafür steht der neue Edeka drüben im Ladenzentrum, ebenfalls nur einen Steinwurf entfernt. Die Wege sind kurz. Zumindest für die meisten der Anwohner.

Das wurde (noch) positiv bewertet:

Nahversorgung: Günter Felsing schmunzelt, als er das Ergebnis sieht: Neun Punkte vergeben die Löttringhauser für die Nahversorgung. Dabei gibt es nur einen einzigen Lebensmittelladen. Aber immerhin, es gibt ihn jetzt. Felsing ist Vorsitzender des Löttringhauser Dorfvereins. Als solcher hat er miterlebt, wie Aldi vor Jahren Knall auf Fall aus dem kleinen Einkaufszentrum ausgezogen war und leere Verkaufsräume hinterlassen hatte. „Es gab nichts mehr, wo man einkaufen konnte“, weiß Felsing. Nicht mal eine Grundversorgung.

Nachdem Dogewo21 als Vermieter und Eigentümer das Einkaufszentrum umgebaut hat, eröffnete im Mai dieses Jahres endlich ein Edeka-Supermarkt. Für viele Menschen war es wie eine Erlösung – deshalb wohl die außerordentlich gute Bewertung. Der Laden ist das geschäftliche Epizentrum von Löttringhausen geworden. „Viele Anwohner haben zwei Jahre darauf gewartet", sagt Felsing. „Vor allem Ältere, die nicht mobil sind.“ Für viele sei es beschwerlich gewesen, mit dem Bus nach Hombruch zu fahren, um sich dort mit Lebensmitteln einzudecken. Stephan Szumigala hätte noch eine Anregung: Er wünscht sich, Löttringhausen bzw. das Einkaufszentrum würde - wie andere Ladenstandorte auch - hin und wieder von einem Imbisswagen angesteuert. „Das vermisst man völlig.“

Das ist die Crux der Dörfler: Mit dem Auto sind sie binnen Minuten in Kirchhörde und Brünninghausen – und können zwischen mehreren Geschäften wählen. Wer nicht mobil ist und seine Einkäufe ungern mit Bus und Bahn erledigt, bleibt auf den Edeka-Laden zu Füßen des Hochhauses am Langeloh angewiesen.

Was Felsing und andere Bewohner wurmt: Weder Sparkasse noch Volksbank konnten sich auf Bitten von Anwohnern, Politikern und des Dorfvereins entschließen, wenigstens einen Geldautomaten anzubieten. Von einer richtigen Sparkassen-Filiale, wie es sie früher mal gab, will Felsing gar nicht erst reden. „Am Ende haben wir aufgegeben, dafür zu kämpfen.“ Wer Bargeld abheben möchte, muss sich an der Ladenkasse im Edeka behelfen. Auch Arztpraxen und eine Apotheke sucht man in Löttringhausen vergeblich. Familie Szumigala zumindest stört das nicht weiter: „Wenn mal was ist, fahren wir nach Hombruch.“

Löttringhausen: Unterschätztes Idyll mit Ruhefaktor

Günter Felsing, Vorsitzender des Löttringhauser Dorfvereins, ist häufiger mit dem Rad unterwegs und genießt den Blick auf die Silhouette Dortmunds. © Oliver Schaper

Radfahren: Wer in Löttringhausen aufs Rad steigt, muss sich um Autoverkehr nicht sorgen. Das Aufkommen sei relativ gering, sagt Felsing, der selber ein- bis zweimal pro Woche mit dem Fahrrad unterwegs ist. Der Klassiker für Radfahrer ist der Rheinische Esel, jene rund 13 Kilometer lange, stillgelegte Bahnstrecke von Löttringhausen über Witten bis nach Bochum-Langendreer. Sie ist ein beliebter Fuß- und Radweg. Der Rheinische Esel, um dessen Asphaltierung es zuletzt Streit gegeben hatte, ist in beiden Richtungen über das Radverkehrsnetz NRW ausgeschildert. Neun Punkte bekommt Löttringhausen für seine Radfahrmöglichkeiten – zwei mehr als der Dortmunder Gesamtwert.

Verkehrsanbindung: Acht von zehn Punkten sprechen für eine große Zufriedenheit. Die Buslinie 448 fährt halbstündlich und verbindet Löttringhausen und Kruckel mit dem Hombrucher Zentrum und dem Parkhaus Barop. Etwas versteckt an der Hellerstraße liegt der kleine Bahnhof (besser: „Haltepunkt“). Mit der Regionalbahn RB 52, von Lüdenscheid kommend, erreichen die Löttringhauser in 16 Minuten den Hauptbahnhof in der City.

Das wurde negativ bewertet:

Gastronomie: 4,5 Punkte – in Sachen Kneipen und Restaurants hat Löttringhausen großen Nachholbedarf. Außer dem Bäcker-Bistro im Edeka und Toni's Ristaurante oben an der Max-Brandes-Straße gibt es tatsächlich nichts. Früher konnten sich einige Löttringhauser zumindest noch in die Kneipe „Blickpunkt“ verirren, die dann aber schließen musste, weil das Ladenzentrum umgebaut wurde. „Wir haben uns noch bemüht, sie in der Kleingartenanlage unterzubringen“, sagt Dorfvereins-Vorsitzender Felsing. „Hat leider nicht geklappt.“

Er sähe zurzeit kein Ladenlokal, wo etwas Neues entstehen könnte. Darüber ist auch Familie Szumigala etwas traurig. „Muss ich mir eben einen Kasten Bier auf den Balkon stellen“, sagt Vater Stephan trotzig.

Löttringhausen: Unterschätztes Idyll mit Ruhefaktor

Das Bistro im Edeka-Laden zu Füßen des Hochhauses am Langeloh ist das einzige Gastronomieangebot im Vorort. © Oliver Schaper

Jugendliche: Wer ausschließlich aufs kleine Löttringhausen schaut, wird kaum Freizeitangebote für Jugendliche finden – gerade mal fünf Punkte im Stadtteilcheck. Sicher, es gibt eine Jugendfeuerwehr. Hin und wieder stellt auch der Dorfverein ein Angebot auf die Beine. Aber ein Jugendzentrum oder auch nur ein Jugendtreff sind nicht vorhanden. „Eine gut funktionierende Jugendarbeit gibt es in Löttringhausen nicht“, heißt es im Büro der Evangelischen Philippusgemeinde.

Sie hat in Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirchengemeinde Nordwest das „Clever-Jugendprojekt“ aufgelegt, es reicht von Bastelnachmittagen über Gesellschaftsspiele bis zum „Generationensegeln.“ Wer mitmachen möchte, muss nach Hombruch, Eichlinghofen oder Brünninghausen. Ähnlich sieht es mit Sportvereinen aus. So müssen sich Löttringhausens Talente beim TuS Kruckel ausprobieren, bei Westfalia Hombruch oder beim Kirchhörder SC. Aber der Radius bleibt überschaubar.

Senioren: „Der Anteil an älteren Menschen ist relativ hoch“, sagt Pit Clausmeyer (68), der seit rund 30 Jahren in Löttringhausen wohnt. Nach Angaben der Stadt ist ungefähr jede dritte Einwohner (32,7 Prozent) 60 Jahre und älter. Das Angebot sei „gar nicht so schlecht, insgesamt aber vielleicht etwas zu wenig“, findet Clausmeyer. Die Durchschnittsbewertung (sechs Punkte) hält er für zu schlecht. „Sieben Punkte würde ich schon geben.“ Er münzt das auf die Aktivitäten der Nachbarschaftsagentur im Ladenzentrum, die er selber mehrfach die Woche besucht und Interessierte zur Fotorunde einlädt.

Einmal monatlich gibt es das nachbarschaftliche Mittagessen; auch dienstags stehen sie von 11.30 Uhr bis 14 Uhr zusammen am Herd. Wer will, trainiert beim Reha-Sportprogramm Fitness und Körper, meditiert und testet seine Sprachkenntnisse beim „Offenen Englisch-Test“. Und so wundert es Clausmeyer nicht, „dass sogar Menschen aus anderen Ortsteilen zu uns in die Nachbarschaftsagentur kommen“.

Gemeinsamkeit in hoher Dosis ist die Medizin, die sie in der Nachbarschaftagentur bekommen und bis heute nicht absetzen. Dort haben sie vor Jahren auch den Grundstein für die Nordic-Walking-Gruppe gelegt: rund 13 Seniorinnen und Senioren, die jeden Montag von 15.30 Uhr losmarschieren und sich so fit halten. Zwei Stunden lang, es geht vom Einkaufszentrum am Langeloh in Richtung Denkmal zum Rheinischen Esel und wieder zurück ins Dorf.

Alle Ergebnisse unseres Stadtteilchecks in der Übersichtskarte:

Historie

Erstmals um 1250 als Bauernschaft erwähnt

Löttringhausen: Unterschätztes Idyll mit Ruhefaktor

Die Zeichnung zeigt die Langelohschule um 1925 mit Unterrichtsgebäude (l.) und Haupthaus, in dem die Lehrer wohnten. © Willi Garth (Archiv)

Löttringhausen wurde erstmals um 1250 als Bauernschaft Lufferdinchusen im Kloster Werden erwähnt. Zu der Zeit bestand das Dorf aus vier Kotten in der Großholthauser und der Kleinholthauser Mark. Mit der Inbetriebnahme der Bahnstrecke von Dortmund nach Hagen/Herdecke 1879 änderte sich der bäuerliche Charakter des Dorfes. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wuchs die Besiedlung mit ein- und zweigeschossigen Häusern. 1965 entstand die Großsiedlung mit mehrgeschossigen Wohnhäusern rund um die Schneiderstraße; später ergänzt durch Eigenheime, die sich bis zum Tal des Kirchhörder Bachs ziehen.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Rote Zahlen
Fußballmuseum: Stadt legt vorsichtshalber schon mal 1,2 Millionen für 2020 zurück