Klinikviertel: Zu wenig Straße für zu viel Verkehr

dzStadtteilcheck

Schöne Fassaden, schöne Wohnungen, sehr gute Versorgung, supernah an der Innenstadt – das Klinikviertel ist für viele Menschen genau das richtige. Nur nicht für die vielen Autos.

Klinikviertel

, 14.11.2018, 03:55 Uhr / Lesedauer: 6 min

Ein bis drei Jahre alt sind die fünf Passagiere, die Andrea Barth mit ihrem Elektro-Kinderwagen mehrmals in der Woche durchs Klinikviertel kutschiert. Oft zum kürzlich neu gestalteten Spielplatz an der Kinderklinik, Beurhausstraße Ecke Humboldtstraße.

Weniger oft in den Westpark, weil da Müll herumliegt, Kippen, Scherben und anderer Unrat. (Einmal, sagt sie, habe sie in einem der Holzhäuschen auf dem Kleinkinderspielplatz sogar einen Haufen entdecken müssen. Und der war nicht von einem Hund.)

Bevor sie und ihre Tageskinder ankommen, muss die 38-jährige Tagesmutter aber erst ein paar Hundert Meter über den Bürgersteig, und das ist im Klinikviertel wegen der überall parkenden Autos eine Herausforderung. Die beginnt direkt vor ihrer Haustür an der Friedrichstraße.

Klinikviertel: Zu wenig Straße für zu viel Verkehr

Mit ihrem Elektrokinderwagen muss Andrea Barth oft um die parkenden Autos herummanövrieren. © Stephan Schütze

Vor rund fünf Jahren ist Barth mit ihrer Familie vom Stadewäldchen in die Hochparterrewohnung im Klinikviertel gezogen. „Hier kann man sehr gut leben“, findet sie. „Es ist sehr urban, ein gut durchmischtes Viertel. Klar, hier gibt es viele Studenten, und nachts ist es manchmal laut. Aber so ist das eben.“

Ihr neunjähriger Sohn David trifft sich mit seinen Freunden gern im Westpark. Zu seiner Grundschule im Kreuzviertel läuft er zu Fuß. Zweimal in der Woche trainiert er beim TSC Eintracht im Süden des angrenzenden Saarlandstraßenviertels.

Sie beobachte seit einigen Jahren, dass viele Häuser luxuriös saniert würden, was die Mieten nach oben treibe. Günstige Wohnungen würden immer knapper. „Leute mit Kohle ziehen her.“

Für die Betreuung ihrer Tageskinder hatte sie bis vor Kurzem noch eine eigene Wohnung angemietet, wie es viele Tagesmütter machen. Seit die zu teuer wurde, betreut sie die Kinder in ihrer eigenen Wohnung. „Eine Notlösung. Aber so eilig habe ich es nicht. Wird schon was Passendes kommen.“

Das wurde gut bewertet

Gleich viermal erreichte das Klinikviertel in unserer Umfrage den Höchstwert 10 von 10 Punkten.

Verkehrsanbindung: Direkt im Viertel gibt es die Stadtbahnhaltestelle „Städtische Kliniken“, wo die U42 nach Hombruch und durch die Innen- und Nordstadt über Eving bis nach Scharnhorst und Grevel fährt. An der Rheinischen Straße und an der Möllerstraße, an der nördlichen Grenze des Viertels, halten die Buslinien 452 und 453, die S-Bahnlinie 4 hält an der Möllerbrücke. Zu Fuß ist man in wenigen Minuten in der City und am Hauptbahnhof. Mit dem Auto ist die B1 ebenfalls nur ein paar Minuten entfernt.

Gesundheit: Viel besser kann eine medizinische Versorgung kaum sein: Das Klinikum mit Kinderklinik liegt an der zentralen Beurhausstraße, das Johannes-Hospital an der Johannesstraße. Außerdem gibt es viele Arztpraxen und Apotheken.

Klinikviertel: Zu wenig Straße für zu viel Verkehr

Die Kinderchirurgie an der Beurhausstraße, links der Haupteingang des Klinikums. © Stephan Schütze

Gastronomie: Wer möchte, kann sich von morgens bis abends außer Haus durchfuttern: Frühstück in einem Café oder in einer der Bäckereien, fürs Mittag- und Abendessen gibt es einige Restaurants, dazwischen vielleicht zwei Kugeln von der Eisdiele oder eine Tüte Buntes vom Kiosk, und später ein Bier in der Kneipe. Darüber hinaus grenzen drei Viertel mit umfangreichem Gastroangebot direkt an: Das Kreuzviertel im Süden, das Saarlandstraßenviertel im Südosten und die City im Nordosten. Alles zu Fuß in maximal 15 Minuten zu erreichen.

Nahversorgung: Einige kleine Lebensmittelgeschäfte liegen an der Beurhaus- und Kleinen Beurhausstraße. Einen Supermarkt gibt es nicht direkt im Viertel, aber direkt an der Möllerbrücke gleich zwei. Und fast alles Weitere in der benachbarten Innenstadt.

Im Bereich „Lebensqualität“ erreichte das Klinikviertel folgerichtig eine sehr gute 9.

Das wurde schlecht bewertet

Radfahren: Nur 5 von 10 Punkten geben die Anwohner der Radfreundlichkeit im Viertel. „Tja, da sagen Sie was“, sagt Andrea Barth bei diesem Thema und seufzt.

Da sind zunächst die Autos. Als das Viertel vor mehr als 100 Jahren entstand, hatte so gut wie niemand ein Auto. Jetzt reichen die Parkplätze an den Straßen noch nicht mal für die Autos aller Menschen, die dort wohnen, sagt Vize-Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß (Grüne), der selbst hauptsächlich mit dem Rad unterwegs ist. Und dazu kommen die Menschen, die in den Kliniken arbeiten oder sich dort behandeln lassen.

Klinikviertel: Zu wenig Straße für zu viel Verkehr

Wo der Bürgersteig etwas breiter ist, wie an diesem Abschnitt der Beurhausstraße, weichen viele Radfahrer auf den Fußweg aus. © Stephan Schütze

Zudem ist das Klinikviertel ein beliebter Parkort für Auswärtige für den Einkaufsbummel in der Innenstadt, den Stadionbesuch oder das abendliche Ausgehen. Es gibt zwar Anwohnerparkplätze, aber die helfen nicht, denn viele halten sich nicht daran und das Ordnungsamt hat viel zu wenige Mitarbeiter, um so oft zu kontrollieren, dass es abschreckend wäre. Fuß: „Man sieht den Autos mit DO-Nummernschild ja nicht an, wo in Dortmund der Besitzer wohnt. Das ist sehr aufwendig zu kontrollieren.“

Klinikviertel: Zu wenig Straße für zu viel Verkehr

Schöne Fassaden, ein paar Bäume, und davor alles voller Autos: ein typisches Klinikviertelbild. © Stephan Schütze

Apropos Kontrolle: Viele wissen nicht, dass das Parken grundsätzlich nur auf den enstprechend markierten Flächen erlaubt ist. Die Hunderte von Autos, die schräg oder parallel zur Fahrbahn auf nicht markierten Bürgersteigen parken, dürfen das gar nicht. Das ist zwar Usus, aber auch nur deswegen, weil viel seltener kontrolliert werden kann, als notwendig wäre, um das durchzusetzen.

Unterm Strich erstickt das Viertel fast an den Autos, und für die Radfahrer werden die Straßen immer enger – ebenso wie für die Fußgänger auf den Bürgersteigen.

Auf der zentralen Beurhausstraße verschärft sich das Problem noch. Dort ist es schon für die Autos in beide Richtungen ziemlich eng. Und die Schienen der ehemaligen Straßenbahnlinie wurden zwar mit Asphalt ausgegossen, doch die waagerechten Metallkanten bilden immer noch sanfte Rillen in der Straßendecke und sind bei Regen rutschig. Darauf müssen Radfahrer achten, zusätzlich zu den Krankenhaus-Ausfahrten, den sich womöglich plötzlich öffnenden Türen der ein- und ausparkenden Autos und den Fußgängern, die vor allem vor den Kliniken die Straße abseits der Ampeln überqueren.

„Ich fahr immer zwischen den Schienen“, sagt Tobias Scholz. Der 40-Jährige wohnt im Saarlandstraßenviertel und bringt jeden Morgen seinen Sohn in die Kita an der Humboldtstraße, im Kindersitz vorn in seinem Lastenfahrrad, über die Beurhausstraße. Am Straßenrand zu fahren sei ihm zu gefährlich, dafür nehme er in Kauf, immer wieder mal angehupt zu werden.

Klinikviertel: Zu wenig Straße für zu viel Verkehr

Tobias Scholz fährt morgens regelmäßig über die Beurhausstraße, um seinen Sohn in die Kita zu bringen. © Tilman Abegg

Mit anderen Eltern von Kitakindern im Viertel hat Scholz 2014 eine Initiative gestartet und durchgesetzt, dass auf der Beurhausstraße nun Tempo 30 gilt und an jeder Kreuzung die Rechts-vor-links-Regel. Das scheint zu helfen, die Autos fahren dort jetzt langsamer.

Doch die Beschilderung ist unübersichtlich. Die meisten Querstraßen sind als Tempo-30-Zone gekennzeichnet, was den Eindruck erweckt, die Beurhausstraße sei es nicht. Ist sie aber doch, was zusätzliche Schilder verkünden. Bisher war es aus verkehrsrechtlichen Gründen nämlich nicht möglich, das gesamte Gebiet zur Tempo-30-Zone zu machen. Was andererseits möglicherweise auch nicht ideal wäre, denn innerhalb einer solchen Zone dürfen keine zusätzlichen Tempo-30-Schilder stehen, und das Gebiet ist groß genug, um beim Durchfahren das Tempolimit zu vergessen.

Klinikviertel: Zu wenig Straße für zu viel Verkehr

„Vorfahrt geändert“ steht unter dem Schild an der Beurhausstraße – seit 2015. © Tilman Abegg

In den vergangenen zweieinhalb Jahren sind die Unfallzahlen auf der Beurhausstraße leicht gestiegen: 2016 gab es 21 Unfälle, 2017 waren es 22 und im laufenden Jahr gab es bis Ende August bereits 18 Unfälle.

Auf kleinere Verbesserungen macht Bezirksbürgermeister Ralf Stoltze (SPD) aufmerksam. So seien kürzlich die Fahrradbedarfsstreifen vor den Ampeln der Beurhausstraße verlängert worden. Zudem hat die Bezirksverwaltung im September beschlossen, vor den Ampeln der Beurhausstraße „Aufstellflächen“ für die Radfahrer zu markieren - Flächen, auf denen die Radler sich bei Rot noch vor den Autos aufstellen können, um bei Grün zuerst und ungehindert losfahren zu können.

Darüber hinaus achte die Bezirksverwaltung bei Neubauprojekten darauf, dass Fahrradstellplätze Teil des Bauplans sind. Weitere Parkplätze für Autos im Klinikviertel wird es in Zukunft laut Stoltze nicht geben. Das sei auch nicht nötig, denn laut Stadtplanungsamt besäßen 50 Prozent der Anwohner im Viertel kein Auto, Tendenz steigend.

Für die Möllerstraße, wo der Radweg sich ziemlich problematisch auf dem Bürgersteig entlangschlängelt, wird laut Vize-Bezirksbürgermeister Fuß ebenfalls eine mögliche Verbesserung diskutiert: SPD und Grüne schlagen vor, die Mittelinsel an der Möllerbrücke, „die kein Mensch braucht“, abzuschaffen und dafür mehr Platz für einen vernünftigen Radweg zu haben. Fuß: „Die Lindemannstraße“, wo der Radweg zwischen Autospur und Bürgersteig verläuft, „ist ein gutes Vorbild. So sollte es überall sein.“

So könnte man die Verkehrssituation verbessern

Tobias Scholz kommt auf die Forderungen zurück, die er mit den anderen Eltern 2014 formuliert hat:

  • zusätzlich zu Tempo 30 eine Tempo-20-Zone zwischen den beiden Ampeln vor dem Klinikum und der Kreuzung Dudenstraße, dem „konfliktreichsten Abschnitt“.
  • die Entfernung der Straßenbahnschienen. Das hatte die Stadtverwaltung damals aus zwei Gründen abgelehnt: erstens, weil das zu teuer für eine einzelne Maßnahme sei und erst beim nächsten größeren Umbau der Straße berücksichtigt werden könne, und zweitens, weil im Tiefbauamt viele Stellen unbesetzt sind und daher die Arbeitskraft fehle, um viele eigentlich notwendige Straßenverbesserungen zu planen. Beide Gründe bestehen weiterhin, im Tiefbauamt wurden zwar 17,5 Stellen neu bewilligt, aber noch sind längst nicht alle besetzt.

Carlos Tobisch, 33, Anwohner im Klinikviertel und Projektleiter beim gemeinnüztzigen Stadtverschönerungsverein „Die Urbanisten“, findet die Verkehrssituation im Klinikviertel „katastrophal“. Für ihn wären mehr Einbahnstraßen eine mögliche Abhilfe – dann würde die Parkplatzsuche für viele Autofahrer von außerhalb vermutlich unattraktiv, und auch die Radfahrer hätten mehr Platz.

Bezirksvize Fuß empfiehlt Carsharing. Fahre man weniger als 10.000 Kilometer im Jahr, zahle sich das gelegentliche Autoleihen auch finanziell aus, sagt Fuß. Wenn er mal ein Auto brauche, hole er sich eins vom Standort Möllerbrücke ab, das ist nicht viel weiter als der Parkplatz an der Straße. Nachteil: In den Leihautos könne man nichts aufbewahren.

Wohnungseinbrüche sind zurückgegangen

Zum Thema Sicherheit gaben die Teilnehmer unserer Umfrage dem Klinikviertel im Schnitt eine 7, was dem stadtweiten Durchschnitt entspricht. Tagesmutter Andrea Barth fühlt sich zwar insgesamt wohl im Viertel. Doch in den fünf Jahren, die sie hier wohnt, sei in ihrem Haus bereits dreimal eingebrochen worden. Einmal wurden Fahrräder aus dem Keller geklaut. Beim zweiten Mal ging Barth um acht Uhr morgens aus dem Haus, um zehn kam die Putzfrau und entdeckte, dass die Wohnungstür aufgebrochen worden war – der oder die Täter waren jedoch geflüchtet, bevor sie in die Wohnung eingedrungen sind. Und vor Kurzem, als ihre Nachbarin im Urlaub war, hätten Einbrecher die ganze Wohnung durchwühlt und „komplett leergeräumt“.

Das sei schon krass, findet Barth. Angst habe sie aber keine, „wir sind ja keine reiche Familie, wir haben weder viel Bargeld noch Schmuck oder andere Wertgegenstände im Haus. Das Wertvollste ist unser I-Pad.“

Die Polizei zählt die Wohnungseinbrüche nicht fürs einzelne Klinikviertel, sondern für den viel größeren Bereich Dortmund-Mitte, der unter anderem die Innenstadt und die Nachbarviertel des Klinikviertels umfasst. In diesem Bereich sind die Einbrüche laut Polizei nach einem Anstieg bis 2015 (584 Einbrüche, 2014 waren es 383, 2013 waren es 300) zurückgegangen: 2016 wurde 357-mal eingebrochen, 2017 nur noch 236-mal.

Eine Jugendfreizeitstätte fehlt

Abgesehen vom Verkehr ist laut Bezirksbürgermeister Ralf Stoltze „insgesamt alles gut“ im Klinikviertel. Mit einer Ausnahme: Eine Jugendfreizeitstätte müsse her. Damit Jugendliche nicht immer auf die Schulhöfe und Kinderspielplätze ausweichen müssen. „Dafür bräuchten wir entweder einen Neubau“, sagt Stoltze, „aber das wird schwierig.“ Wahrscheinlicher sei, dass sich in absehbarer Zeit die Gelegenheit ergibt, ein bestehendes Gebäude umzunutzen.

Alle Ergebnisse unseres Stadtteilchecks auf einen Blick in unserer Übersichtskarte:

Historie

Relikt aus alten Tagen: Die Straßenbahnschienen

  • Das Klinikviertel entstand rund 50 Jahre vor dieser Aufnahme, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.
  • Das St.-Johannes-Hospital wurde im Jahr 1851 gegründet. 1876 folgte das Klinikum.
Klinikviertel: Zu wenig Straße für zu viel Verkehr

So autoarm sah die Kreuzung Kleine Beurhausstraße (links) und Beurhausstraße noch kurz nach dem Krieg aus. © Stadtarchiv

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