Brackel: Der Hellweg ist Fluch und Segen zugleich

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325 Brackeler loben im Stadtteilcheck die Verkehrsanbindung – und klagen über die Verkehrsbelastung. Urs Balzereit kennt den Hellweg gut: Seit 2004 betreibt er hier eine Musikschule.

Brackel

, 21.11.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Jahrelang war der Brackeler Hellweg für Urs Balzereit vor allem der Ort, an dem er als Jugendlicher neue Musik bekam: Über die Stadtteile hinweg fuhr der damals 13-, 14-Jährige aus Aplerbeck oder Derne mit der U-Bahn nach Brackel zu dem kleinen CD-Verleih, den es dort mittlerweile schon lange nicht mehr gibt. Er war wie süchtig nach unbekannten Platten, brauchte „immer neues Futter“, wie er sagt. Schon als Kind war seine Verbindung zum Stadtteil stark: Seine Mutter arbeitete dort in einem Kindergarten, wohin er oft mitkam.

Brackel: Der Hellweg ist Fluch und Segen zugleich

Viele Neu-Brackeler wohnen im Baugebiet Hohenbuschei. © Oliver Schaper

Jetzt wohnt Balzereit seit 14 Jahren selbst in Brackel und hat sich 2004 auch mit seiner Musikschule dort niedergelassen, am Hellweg, mitten im Zentrum. Die Schule liegt neben dem Café Täglich und einem Blumenladen an einem kleinen Parkplatz. Vom „Gollan’s City-Grill“ zieht der Pommesgeruch bis in die Unterrichtsräume im zweiten Stock, wo bei geöffnetem Fenster die vorbeidonnernde Straßenbahn, rumpelnde LKW und auf der nassen Straße rauschende Autoreifen das Hintergrundsample der Instrumentalstunden bilden. Das ist ein Problem: „Mit offenem Fenster geht Unterrichten fast gar nicht“, sagt Balzereit. Besonders der Unterricht an leiseren Instrumenten wie der Gitarre, Violine oder Flöte würde dann leiden. Also bleiben die schrägen Dachfenster zu.

Im Grunde – das merkt man dem 42-Jährigen an, wenn er über Brackel spricht – ist er zufrieden: Mit seiner Frau und den zwei 8 und 14 Jahre alten Kindern lebt er in einer Seitenstraße der Flughafenstraße und ist, wie er sagt, „sofort“ im Zentrum Brackels. „Um den Hellweg herum kann man wirklich gut wohnen“, sagt er. Brackel sei wie eine „Kleinstadt, die trotzdem großstädtisch ist.“ In Schwerte, wo er kürzlich eine Musikschule übernommen hat, kenne jeder jeden – „hier aber sind die Leute mehr für sich.“

Drei Mal pro Woche fährt Balzereit mit dem Auto in die Innenstadt – jedoch über die Brackeler Straße und den Borsigplatz. So viel Zeit er auch beruflich an der Hauptverkehrsstraße verbringt – mit dem Auto meidet er den Hellweg, wo er kann. „Verkehrstechnisch ist hier echt viel los“, sagt er. „Vor allem an der Kreuzung Flughafenstraße ist die Situation katastrophal.“ Aus den Nachrichten erfährt er von Unfällen, die dort passieren, und vor der Musikschule auf dem schmalen Bürgersteig wird es am Parkautomaten regelmäßig gefährlich eng. Je mehr Balzereit über den Hellweg spricht, desto stärker beginnt er über eine Beruhigung der Straße nachzudenken. Mit dem Gedanken an eine mögliche 30er-Zone hat er sich bereits angefreundet.

Das wird positiv bewertet:

Verkehrsanbindung: Von den 325 Brackelern, die am RN-Stadtteil-Check teilgenommen haben, hat die überwiegende Mehrheit die Verkehrsanbindung in ihrem Ort mit 10 von 10 Punkten bewertet: Sowohl mit dem Auto also auch mit der Bahn und den Bussen sind die Brackeler schnell in der Innenstadt, in der sie das kulturelle Angebot genießen oder shoppen oder essen gehen. Wer wie Urs Balzereit in der Nähe des Hellwegs lebt, hat es besonders gut: Zur nächsten Haltestelle sind es nur wenige Minuten, die Öffentlichen fahren in enger Taktung und rund um die Uhr – nach Hause kommt man hier also immer.

Das wird negativ bewertet:

Verkehrsbelastung: Die Kehrseite der guten Verkehrsanbindung bringt die Teilnehmer der Umfrage aber auch zu ihrer negativsten Bewertung: Nur mit durchschnittlich 6 Punkten – als schlechtestes Ergebnis in ganz Brackel – bewerten die Teilnehmer die Verkehrsbelastung. Das sind nur sekundär Bus und Bahn. Primär ist es der Hellweg, über den sich die Gemüter heute wie auch schon seit Jahren echauffieren: zu schmale Bürgersteige, keine Parkmöglichkeiten, Billigläden statt privaten Einzelhandels, Krach, laute Martinshörner, „Verkehrschaos pur“, wie eine Teilnehmerin schreibt.

Brackel: Der Hellweg ist Fluch und Segen zugleich

Eng, lärmig und gefährlich: der Hellweg ist als Hauptverkehrsstraße in Brackel ständig in der Diskussion. © Oliver Schaper

Einige wünschen sich ein Tempolimit, Fahr- und Parkverbote für Lkw, breitere und bessere Fahrradwege und die Verengung der Hauptverkehrsstraße auf eine Spur pro Richtung. Das Thema bewegt die Brackeler, die am Check teilgenommen haben. Es gibt aber auch kontroverse Stimmen gegen die aktuellen Pläne der Bezirksvertretung: „Falls der Hellweg wirklich eine 30er-Zone und einspurig werden sollte, wäre die Qualität des Stadtteils nicht mehr gegeben“, schreibt eine Teilnehmerin. „Wir sind nicht mit Hombruch und Hörde zu vergleichen. Wir haben keine kleinen Boutiquen am Hellweg, wo man ‚flanieren‘ könnte.“

Eine Patentlösung gibt es natürlich nicht. Bei den Anmerkungen der Teilnehmer, die sie frei formulieren konnten, komme „das große Spektrum der Meinungen sehr gut zum Ausdruck“, sagt Bezirksbürgermeister Karl-Heinz Czierpaka, „von energischen Forderungen, die Situation am Hellweg endlich zu ändern bis hin zu ‚Hände weg vom Hellweg‘.“ Die Bezirksvertretung stecke auf ganz natürliche Weise in einer schwierigen Situation: „Die gegensätzlichen Anmerkungen belegen erneut die Tatsache, dass kommunalpolitische Entscheidungen immer Unzufriedenheit schaffen, mal bei diesen und mal bei jenen“, so Czierpka.

Was die Teilnehmer der Umfrage kritisierten, seien Probleme, „die seit langem angegangen werden“: Parkprobleme beispielsweise, Sauberkeit, mehr Platz und Angebote für Kinder und Jugendliche, Barrierefreiheit, Gehwege und Radwege. Weiter sagt Czierpka zu den Ergebnissen der Umfrage: „Bei einigen Antworten sorgt man sich wegen des fehlenden Realitätssinnes, etwa wenn der ‚unerträglich hohe‘ Ausländeranteil kritisiert wird, eine Aussage, die durch nichts zu belegen ist.“ Im Grunde, so der Bezirksbürgermeister, liefere der Stadtteilcheck aus seiner Sicht für die Politik „keine Überraschungen“. Immerhin biete er Menschen die Möglichkeit, ihren individuellen Ärger loszuwerden „und die persönliche Schmerzschwelle zu definieren“.

Urs Balzereit seinerseits verfolgt die ewige Haupt-Diskussion um den Hellweg nur lose. Ihn störten in der Vergangenheit eher andere Dinge: zu wenige Spielplätze, Schwierigkeiten beim Finden eines Kita-Platzes oder der teilweise Leerstand der Geschäfte am Hellweg. „Die Mieten sind sehr hoch“, sagt Balzereit. „Um hier etwas zu machen, braucht man Kohle – vor allem im Erdgeschoss mit Schaufenster.“ Da wundert es nicht, dass, wie einige Umfrage-Teilnehmer bemängeln, weniger die kleinen Privathändler die Läden beziehen, sondern vor allem Ketten und Discounter.

Im Grunde schneidet Brackel aber gut ab: Es bildet mit wenigen Ausnahmen eins zu eins den Durchschnitt der Bewertungen auf dem gesamten Stadtgebiet ab. Die Bewertung aller Aspekte liegt im Schnitt bei 7 Punkten.

ZUR SACHE

Brackel wurde im Jahr 980 zum ersten Mal erwähnt

Erstmals wurde Brackel mit dem Namen Bracla in einer Schenkungsurkunde Kaiser Ottos II. im Jahr 980 erwähnt. 1847 wurde die erste Eisenbahnstrecke über Brackeler Gebiet errichtet. Die Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft baute eine Strecke von Dortmund nach Hamm. Ein Haltepunkt wurde in Kurl, ein weiterer an der Flughafenstraße errichtet. 1918 wurde die Gemeinde Brackel in die Stadt Dortmund eingemeindet.
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Wo sich heute das Neubaugebiet Hohenbuschei und das BVB-Gelände befinden, gab es früher den alten Flughafen Brackel. © Stadtarchiv

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