Faszinierende Bilder: Archäologen erforschen riesige Bunkeranlage unter Dortmund

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Ein Mitarbeiter des städtischen Vermessungs- und Katasteramtes in einem Teil des alten Stollens. © Roland Gorecki/Stadt Dortmund
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Es ist wohl einer der geheimnisvollsten Orte in Dortmund: Tief unter der Innenstadt liegt ein meterhoher Stollen, dessen Gänge sich über mehr als 4,6 Kilometer ziehen – von der Katharinenstraße und dem Hauptbahnhof bis zum Westpark. Der Tiefstollen gilt als die größte zivile Luftschutzanlage Europas.

Seine Geschichte ist eng mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Zehntausende Menschen fanden hier bei Bombenangriffen alliierter Flieger, von denen es spätestens ab Mai 1943 zahlreiche gab, Schutz und Sicherheit.

Traurige Berühmtheit bekam der Stollen, als beim Großangriff auf das Umfeld des Hauptbahnhofs am 6. Oktober 1944 hunderte Menschen ums Leben kamen, weil sie es nicht mehr rechtzeitig aus dem Bahnhof in den Tiefstollen schafften und sich vor dem Treppenabgang drängelten.

Begonnen worden war mit dem Bau des Stollens wahrscheinlich in den späten 1930er-Jahren, zunächst „getarnt“ als U-Bahn-Bau. 1943 – mit Beginn der Großangriffe – übernahm die NS-Organisation Todt, eine paramilitärische Bautruppe im NS-Staat, die Arbeiten. Die technische Leitung lag bei der auch im Bergbau aktiven Firma Deilmann aus Kurl. Seit dieser Zeit wurden fast ausschließlich Zwangs- und Fremdarbeiter für den Aus- und Weiterbau eingesetzt.

„Auch das ist ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des Tiefstollens, das nicht vergessen werden darf“, betont Stadtarchäologe Ingmar Luther. „Die unbeschreibliche Größe des Stollensystems lässt nur im Ansatz ahnen, wie viele Menschen zur Arbeit unter Tage für den Stollenvortrieb und Ausbau eingesetzt waren und wie viele dabei ihr Leben ließen.“

Stadtarchäologe Ingmar Lutter in einem Teil des alten Tiefstollens mit einem Fundstück. © Roland Gorecki/Stadt Dortmund

Mit der Fertigstellung der Luftschutzanlage wäre ein Stollennetz unter der Innenstadt von Dortmund mit einer Länge von knapp 9 km entstanden, das 80.000 bis 120.000 Menschen Schutz bieten sollte. Die Planung konnte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges nicht vollständig realisiert werden. Gebaut wurde aber ein fast 6 Kilometer langes Tunnelsystem.

Unterschiedliche Teilstücke sind erhalten

Davon sind heute nur noch Teilstücke vorhanden. Der Abschnitt vom St.-Johannes-Hospital bis zum Westpark ist noch immer im „bauzeitlichen Zustand“, also so, wie er in den 1940er-Jahren entstanden ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Teil des Stollens weiter unterhalten und ausgebaut worden. © Dortmund-Agentur / Roland Goreck

Der nördliche Teil in Richtung Hauptbahnhof wurde dagegen später weiter ausgebaut und angepasst. Denn auch in der Zeit des Kalten Krieges wurde der Luftschutzstollen weiter als öffentliche Zivilschutzanlage unterhalten. Die alten Stollenwände wurden dazu mit Rippenblech, Spritzbeton oder einer zweiten Betonhaut ausgekleidet und die Böden mit einer ebenen Betonschicht versehen.

Infrastruktur wie Schlaf- und Sitzgelegenheiten, Notküchen und Sanitäranlagen waren als temporäre Einrichtungen aufgestellt worden. Die gesamte Einrichtung wie auch alle technischen Anlagen zum Betrieb des Luftschutzstollensystems wurden nach dem Kriegsende vollständig abgebaut.

„Die wenigen Hinweise vor Ort, wie Ansätze von Binnenmauern am Gewölbe, unterschiedliche Wandanstriche oder vereinzelte amtliche Hinweise an den Betonwänden wie „Platz für Ordner“ oder „Abort“ stellen die einzigen Anhaltspunkte auf die Funktion der einzelnen Räumlichkeiten dar“, berichtet Ingmar Luther.

Das Team von LQ Archäologie bei Arbeiten im Tiefstollen © Dortmund-Agentur/Roland Gorecki

Das Team des Stadtarchäologen in der Unteren Denkmalbehörde der Stadt und das Katasteramt lassen den Tiefstollen unter Dortmunds Innenstadt seit 2021 vermessen und dokumentieren, bevor immer mehr vom Originalzustand verschwindet. In der Vergangenheit wurden bereits teils große Stollenabschnitte bei Baumaßnahmen verfüllt oder zugemauert. Auch durch illegale Besucher, häufig verbunden mit Vandalismus, sind Schäden entstanden.

Nicht zuletzt durch den Ukraine-Krieg ist das Interesse an der Anlage wieder geweckt worden. Denn es stellt sich die Frage, ob man aufgegebene Schutzstollen und Bunker wieder reaktivieren sollte.

Zeitzeugen dringend gesucht

Die Stadtarchäologen wollen jetzt erst einmal der Geschichte des ungewöhnlichen Bauwerks auf den Grund gehen. Deshalb werden jetzt Zeitzeugen gesucht, die den Bunker noch aus eigenem Erleben kennen, vielleicht dort eine Zeit lang Schutz fanden, oder bei Renovierungsarbeiten in den 1970er-Jahren mitgewirkt haben. Ihre Geschichten sollen die Daten und Bilder später ergänzen und lebendig halten.

Das Zeitungsbild von 1958 zeigt den städtischen Diplom-Ingenieur Dr. Wüst (vorne) und den Ratsvertreter Otto Zweig. Der Titel des Zeitungsartikels im Dortmunder Tageblatt: „Stalaktiten wachsen im Labyrinth der Angst“. © Stadtarchiv/Günter Zoll

„Diese Zeugnisse möchten wir als Denkmalbehörde in Kooperation mit dem Stadtarchiv sammeln und auswerten. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir möglichst viele Dortmunderinnen und Dortmunder mit dem Aufruf erreichen und davon überzeugen können, uns ihre Geschichten zu erzählen“, sagt Ralf Herbrich, der Leiter der Denkmalbehörde.

„Oft stecken in vermeintlichen Nebensächlichkeiten für uns ganz wertvolle neue Erkenntnisse. Das wissen wir von anderen Aufrufen schon“, sagt Herbrich. Berichte von Schutzsuchenden während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg sind ebenso wichtig wie Kindheitserinnerungen aus den Nachkriegsjahren, als die Luftschutzanlage als Passage unter der Innenstadt und „Spielplatz“ diente.

Mündlich überlieferte Erinnerungen der Nachkriegsgeneration oder auch die Erzählungen von Arbeitern, die im Zuge der Ertüchtigungsmaßnahmen in den 1970/80er Jahren „unter Flur“ tätig waren, sind ebenso interessant. „Vielleicht bekommen wir auf diesem Wege sogar noch unbekannte und private Fotos zusammen. Auf jeden Fall möchten wir die persönliche Geschichten festhalten und mit den ‚nüchternen‘ Fakten des Tiefstollensystems für die Nachwelt verknüpfen“, sagt Ralf Herbrich.

Aktuell genutzt wurde der Tiefstollen zuletzt auch schon für einen ganz besondere Zweck: Die jüngste gedrehte Folge des Dortmund-Tatorts, dessen Vorpremiere am 27. August im Open-Air-Kino am Hochofen auf Phoenix-West zu sehen war, wurde zu einem Teil in der Stollenanlage gedreht. In der ARD wird die Tatort-Folge aber erst 2023 ausgestrahlt.

Wer Geschichten und/oder Fotos zu dem Tiefstollen hat, kann sich mit Ingmar Luther von der Denkmalbehörde in Verbindung setzen: Ingmar Luther, iluther@stadtdo.de, Tel. 50 – 24299