Spektakulärer Ausbruch aus der JVA Dortmund: Gefangener ging durch die Wand

dzHistorische Gefängnisausbrüche

In ihrer über 100-jährigen Geschichte haben es einige Gefangene geschafft, aus der JVA Dortmund zu fliehen. Ein Augenzeuge berichtet über einen besonders spektakulären Fall.

Dortmund

, 05.10.2019, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Nacht im Herbst 1997, der Innenhof des alten Gebäudetraktes der Justizvollzugsanstalt Dortmund an der Hamburger Straße ist nur spärlich beleuchtet. Um 4 Uhr ist Wachwechsel. Diese Gelegenheit wird ein Gefangener nutzen, um sich auf spektakuläre Weise in die Freiheit abzusetzen.

Damals mit dabei war Bodo Huckestein (heute 50). Er ist Justizvollzugsbeamter, in dieser Nacht seit etwa sieben Jahren. Er beschreibt aus der Erinnerung, was damals beim Vorfall im Gemeinschaftschaftraum mit der Nummer 415 passiert ist.

Mit dem Kopf durch die Wand

Einer der Gefangenen in 415 führt in dieser Nacht einen gefährlichen Plan aus. Zunächst erfordert der aber eine Menge Geduld. Denn die Flucht gelingt ihm nicht etwa durch ein Fenster. Er geht durch die Wand.

Wahrscheinlich, so rekonstruiert man es später, kratzt der Gefangene mit einem Besteckstück die Fugen aus dem Mauerwerk unter dem Zellenfenster. Dann entfernt er nacheinander die Mauersteine. Es entsteht ein Loch, gerade groß genug, um sich hindurchzuzwängen. Weil das Mauerwerk damals recht sandig ist, so sagt Bodo Huckestein, habe das wohl in einer Nacht gelingen können.

Lebensgefährliche Kletteraktion

Gegen 4 Uhr in der Nacht, passieren dann zwei Dinge gleichzeitig. Bodo Huckestein tritt seinen Dienst in der sogenannten Kanzel an – pünktlich zum Wachwechsel. Die Kanzel, das ist ein verglaster Erker, der den Innenhof des Gefängnistraktes überblickt. Dieser Ausguck war damals das Mittel der Wahl, um die innen liegenden Fenster der Hafträume zu überwachen. Bodo Huckestein löst seinen Kollegen ab, bekommt eine kurze Übergabe, dann blickt er in die Nacht. Was er zunächst nicht bemerkt: Während des Wachwechsels verschwindet ein Gefangener.

Spektakulärer Ausbruch aus der JVA Dortmund: Gefangener ging durch die Wand

Der Zugang zur JVA Dortmund. © Sarah Rauch

Hinter den Fenstern der Hafträume ist es zu dieser Zeit dunkel. In der Mitte des Innenhofs steht eine einzelne Laterne, die ein eher diffuses Licht auf die rotbraunen Wände der Haftanstalt wirft. Dann bemerkt Bodo Huckestein etwas Alarmierendes: Unter einem Fenster, entlang der Wand zu seiner Rechten, ganz in der Ecke des Hofes, klafft ein Loch. Nicht groß, aber groß genug für einen Menschen.

Durch dieses Loch ist jemand in die Freiheit geklettert. Wie das genau passiert ist, hat Bodo Huckestein nicht gesehen. Doch aus dem Innenhof kann es nur einen Fluchtweg geben: Der Gefangene aus Haftraum 415 muss auf das Flachdach der JVA geklettert sein. Vorbei noch an dem Fenster des Haftraums darüber in der fünften Etage. Und wahrscheinlich ungesichert. Seine Flucht hätte an dieser Stelle ein tödliches Ende finden können.

Über den Dächern des Gerichtsviertels

Zusammen mit einem Kollegen eilt Bodo Huckestein auf das Dach des Gefängnisses, fünf Etagen unter ihm die Hamburger Straße. Man könnte dort ja noch jemanden antreffen. Doch wenn es im Hof schon dunkel ist, ist es auf dem Dach stockfinster. Und offenbar kommen die Beamten auch zu spät. Sie finden nur noch ein blauweißes Bettlaken, Anstaltsstandard.

Mit dem hat sich der Mann aus 415 offenbar vom Flachdach des Hafttraktes auf das etwas tiefer gelegene Flachdach eines angrenzenden Traktes abgeseilt und von da schließlich auf die Hamburger Straße. Auch die Polizisten, die sofort gerufen werden, finden den Ausbrecher nicht mehr im Umfeld der JVA.

Seit dem Fall im Jahr 1997 hat sich einiges in der Justizvollzugsanstalt getan. Das Mauerwerk ist verstärkt worden und die Beleuchtung erweitert. Die Kanzel, in der Bodo Huckestein seine Nachtschicht versah, gibt es immer noch. Zusätzlich sind aber verschiedene elektronische Hilfsmittel im Einsatz. Bodo Huckestein arbeitet immer noch im Gefängnis an der Hamburger Straße. Der Mann aus Haftraum 415 wurde nie gefunden.

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