Sollte BVB-Bomber Sergej W. wirklich zu lebenslanger Haft verurteilt werden?

dzReihe: „Sonntagsgericht“

Unser Gerichtsreporter Martin von Braunschweig schreibt über die Plädoyers im Prozess des Jahres: Soll der BVB-Bomber wirklich zu lebenslanger Haft verurteilt werden? Er zweifelt.

Dortmund

, 25.11.2018, 18:04 Uhr / Lesedauer: 2 min

Jetzt ist es also tatsächlich passiert: Der Prozess gegen Sergej W., den Mann, der am 11. April 2017 den Bombenanschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund verübt hat, ist auf die Zielgerade eingebogen. Nach den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung steht in der kommenden Woche nur noch das Urteil aus. Ein Urteil, das die meisten Nicht-Juristen auf der Straße schon längst für sich gesprochen haben.

Da sitzen 28 Menschen in einem Bus und draußen steht einer, der mit einem Fernzünder drei in einer Hecke versteckte Sprengsätze zur Detonation bringt. Im Bus brechen gestandene Fußballprofis in Tränen aus, ein Spieler erleidet einen offenen Bruch des Unterarms. Das soll kein Mordversuch sein? Hier soll der Täter nicht, wie es Juristen so schön formulieren, mindestens „billigend in Kauf genommen“ haben, dass es bei dem Attentat Tote geben könnte? Viele halten die Verteidigungsstrategie von Carl Heydenreich und Christos Psaltiras für absurd.

„Bestraft wird die Gesinnung des Täters“

Doch auch die Staatsanwaltschaft ist in ihrem Plädoyer in dieser Woche zumindest an einer Stelle übers Ziel hinausgeschossen. Dann nämlich, als der Anklagevertreter Carsten Dombert zu seinem konkreten Strafantrag kam. Dass der Oberstaatsanwalt es für richtig hält, Sergej W. zu lebenslanger Haft zu verurteilen, auch wenn er zum Glück keinen vollendeten Mord verübt hat, ist leicht nachvollziehbar.

Das Gesetz sieht ausdrücklich Fälle vor, in denen die Strafe nicht abgemildert werden muss, auch wenn die Tat im Versuch stecken geblieben ist. Doch der Satz „Bestraft wird nicht der Erfolg der Tat, sondern allein die Gesinnung des Täters“, der hat mir dann doch überhaupt nicht gefallen. Die Wortwahl war zumindest unglücklich.

Verteidiger: „ausgesprochen faires Verfahren“

Jetzt ist es an den Richtern, ein gerechtes Urteil zu sprechen. Ein Lob der Verteidigung haben sie schon im Vorfeld erhalten. „Wir haben uns im Vorfeld gefragt, ob dieses Verfahren angesichts der Nähe zum Fußball in Dortmund wirklich richtig aufgehoben ist“, hat Verteidiger Heydenreich in seinem Plädoyer gesagt. Um dann hinzuzufügen: „Es hat sich aber herausgestellt, dass der Angeklagte ein ausgesprochen faires Verfahren bekommen hat.“

Vielleicht sollte sich das der eine oder andere Fußballfan zum Vorbild nehmen, wenn am Dienstag nicht die Strafe herauskommen sollte, die er sich erhofft und erwartet. Es gibt auch viele gute Gründe dafür, keine lebenslange Haftstrafe zu verhängen. Und wenn es nur der ist, dass zum Glück alle Beteiligten den Anschlag überlebt haben.