„Solche wie Frau Bonke, davon bräuchten wir mehr“

dzNachruf auf Oma Bonke

Eigene Kinder bekam sie nie. Stattdessen adoptierte sie quasi ein komplettes Viertel. Eines der härtesten von ganz Dortmund. Ein Nachruf auf Ilsegret „Oma“ Bonke.

Nordstadt

, 12.10.2018, 18:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Als Ilsegret Bonke 2015 nach Jahrzehnten aus der Wohnung in der Schleswiger Straße musste, da fanden sich in ihrer Wohnung neben dem, was sich sonst gewöhnlich in solchen Nachlass-Wohnungen findet, zwei Dinge, die viel über den Menschen erzählten. Da waren einerseits die Puppen. Viele, viele Puppen. Die hochpreisigen mit den Porzellangesichtern. Und die Kisten. Viele Kisten, in ihnen kleine Kinderspielzeuge. Dinge, die man mal eben verschenken kann. Auf der Straße, auf dem Spielplatz, im Viertel. Was sich nicht fand, war das Bundesverdienstkreuz, das ihr verliehen worden war. Wo das geblieben ist, weiß man nicht.

Stur. Oder vielleicht besser: beharrlich

Sind Menschen aus der Niederlausitz stur? Ilsegret Bonke auf jeden Fall war das: stur. Oder nein, besser: beharrlich. 1948 kam sie nach Dortmund. Wie so viele andere nach dem Krieg. Fluchtbewegung in den Westen. Und damals wie heute war und ist die Nordstadt der Ort, der das Ankommen in Dortmund einfach macht.

Auch, wenn der Stadtteil damals anders aussah. Das muss man wissen, um zu sehen, was Ilsegret Bonke hier sah. Und was man ja auch heute noch sehen kann, wenn man den Blick hebt: Schmucke Häuser, Jugendstil, Verschnörkeltes, so wie es heute als Handarbeit nicht mehr bezahlbar ist. Denn auch das ist ja die Nordstadt: Das größte zusammenhängende Gründerzeitviertel in ganz NRW. Dass es hier mal besser war, ist hier immer noch in Stein gemeißelt. Wenn der Stein oberhalb des ersten Stocks liegt und nicht beschmiert werden kann.

Wertvoll ist in der Regel, was Bestand hat

Unbezahlbar ist ja nichts, alles hat seinen Preis. Wobei ein Preis noch nichts über Wertigkeit aussagt. Wertvoll ist in der Regel, was Bestand hat. Wenn jemand sich stellt. Wenn er bleibt, wo andere weichen. Wenn ein Mensch nicht aufgibt.

Als die 19-Jährige nach Dortmund kommt, lernt sie bald darauf ihren Mann kennen, das Paar findet zunächst keine Wohnung. Und ist dann überglücklich, doch eine zu bekommen. An der Schleswiger Straße. Was für ein Glück! Denn dort lebten, die Steine erzählen es ja heute noch, wohlhabende Menschen. „Alles Geschäftsleute“, sagte Frau Bonke mal vor ein paar Jahren. Da hätten sie, der Ehemann war Eisenbahner, eigentlich gar nicht hingepasst. Vielleicht ist das eine Konstante in Bonkes Leben. Am Anfang passte sie nicht, am Ende erst recht nicht mehr, gestört hat es sie offenkundig nicht.

Es war nicht ein Ereignis, es waren viele Tropfen

Wie das kam, dass vieles den Bach runterging, konnte sie dann so konkret auch nicht mehr sagen. Es war nicht ein Ereignis, das dazu führte, es waren wohl viele stete Tropfen. Nordstadt, Schmelztiegel, vielleicht war er während der ganzen Schmelzerei einfach zu heiß geworden. In den 50-er Jahren die Italiener, die Spanier, die Portugiesen. Die Türken die Polen, dann die Russlanddeutschen, viel später die EU-Osterweiterung, Rumänen, Bulgaren, die Araber, Nordafrikaner. Allesamt auf der Suche nach günstigem Wohnraum. Und dazwischen die, die nicht wegkamen, weil sie nicht konnten, die Suchtkranken, die Prostituierten, die kleinen und großen Ganoven. Matratzenlager, Ekelhäuser. Als die Geschäftsleute schon lange Vergangenheit waren, war die Frau, die hier 30 Jahre eine Kneipe betrieb, mit ihrem Mann, dem Eisenbahner, einfach geblieben.

Bereits Ende der 1970er ging es los

Wer nölt, wie schlimm das alles heute in der Nordstadt ist, der kennt die Vergangenheit nicht: Bereits Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre, ging das los mit der Prostitution im Viertel, erst in den Kneipen, dann auf den Straßen, dann auch auf der Schleswiger Straße.

Toleranz schön und gut, aber Bordsteinschwalben auf dem eigenen Bordstein? Nö. Bonke packte den Kamerablitz am Fenster aus und blitzte nach unten. Die Damen suchten das Weite. Ihren Zuhältern, die dann angerannt kamen, erzählte sie, im Radio wäre berichtet worden, dass es gleich eine Razzia gäbe. Auch die Zuhälter verschwanden schnell, bedankten sich noch im Davonlaufen. Wieder mal wen verscheucht.

Ein Problem, die Dinge zu übersehen

Die schwierigen Seiten zu sehen, das war an der Schleswiger Straße kein Problem. Die gerauchten Bleche – Alufolien, auf denen Heroin geraucht wurde – in den Hauseingängen. Die Spritzen auf den Spielplätzen, die Kotze auf dem Gehweg, Schreierei in der Nacht, Gewalt. Es war eher ein Problem, diese Dinge zu übersehen. Das ist richtig. Und doch falsch. Denn wer nur das Schlechte sieht, wer sieht dann das Schöne?

Kinder, die hier großwerden, kann man, wenn man nur das Schlechte sieht, bemitleiden und abschreiben. Haken dran, Jugendarrest, Hartz IV. Darauf muss es doch hinauslaufen, oder?

Muss es nicht.

Was muss schon im Leben einer Ilsegret Bonke, deren Eltern im Dritten Reich einer jüdischen Familie Unterschlupf gewährten?

Ist ja ein Spiel- und kein Müllplatz

Liebe und Recht und Ordnung. Und Disziplin. Sagt Fatma. Sie ist inzwischen selbst Mutter, ihre Kinder sind groß. Aber damals, 1983, als sie selbst noch ein Kind war, durch die Nordstadt stromerte, da war da auf einmal diese Frau. Müll, das war das Erste, was diese Frau ihr beibrachte, gehört in den Mülleimer. Der Spielplatz hat sauber zu bleiben. Ist ja ein Spiel- und kein Müllplatz. Logisch, schon klar. Für den, der es weiß. Wer es nicht weiß, muss es lernen. Und gelehrt wurde das von Ilsegret Bonke, die so zur Oma Bonke wurde. Die gute Oma. Aber eben auch die mit den Regeln.

Die, die die Nutten vom Spielplatz scheuchte, sich mit den Junkies anlegte. Die, die keine Angst hatte. Und wenn sie sie doch hatte, wer hat sie nicht, diese Angst nicht zeigte. Zumindest vor den Kindern. Die vom Pfefferspray in der Handtasche nichts wussten. Oder davon, dass Oma Bonke Schützenkönigin war, Disziplin Armbrustschießen.

Ungestört an einem Ort

Vielleicht muss man, um so zu werden, wie sie wurde, keine Kinder haben. Und stattdessen Hunderte andere über die Jahre kommen und gehen sehen. Und wenn auch alles den Bach soweit runter-gegangen war, dass der Bach sich irgendwo weit unter Tage entlangschlängelte – ungestört spielen konnten die Kinder tagsüber an genau einem Ort: dem Spielplatz von Oma Bonke.

Aber wieviel kann ein Mensch, ohne Armbrust zumal, alleine verändern? Wie oft allein die Sucht verscheuchen, die, das ist ja ihre Natur, immer wiederkehrt und alles vergessen macht. Außer dem verfluchten Kreisen um sich selbst. Wenn Kinder zusehen, wie die Lust sich lustvoll selbst zerstört, dann ist das der Sucht egal. Oma Bonke war das nicht egal, sie wandte sich an die Politik. In die Politik, genauer in die CDU, denn Ordnung muss sein. Aber mit Liebe, wofür das C ja auch steht. Immerhin stehen sollte. Und in ihr ja auch stand.

Den Schlüssel für das dicke Schloss hatte sie

Aufmerksamkeit für den Ort, das Viertel, das so lange zu kippen drohte. Das heute immer noch als Problem gesehen wird. Und nicht als Chance. Die Oma, die hier „Omma“ gerufen wurde, wurde dann noch hochoffiziell Spielplatzpatin. Im Alter von 70 Jahren.

So hatte sie die Kontrolle über den Container mit den Spielsachen, der da am Rand stand. Der sorgsam auf- und zugeschlossen werden musste. Den Schlüssel für das dicke Schloss hatte sie.

Dass die Nordstadt die Aufmerksamkeit bekam, die sie bekam, lag auch an dem Engagement von Ilsegret Bonke. Sie machte nicht nur in Politik, sie machte auch in Fernsehen. Paraderolle: kinderlieber Junkieschreck. Dass sie auch nachbarschaftliches Kaffeetrinken organisiert hat für die letzten, die aus der alten Zeit noch da waren, war nicht ganz so telegen.

Weg hat sie von der Schleswiger Straße nie gewollt. Auch nicht, als ihr Mann 2006 starb. Nicht, als alle anderen wegzogen. Und auch nicht nach mehreren Attacken, bei denen ihr mehrfach die Perücke geklaut wurde. „Is dochen schönes Wohngebiet hier“, hat sie immer gesagt.

Weggebracht hat sie dann ein Schlaganfall 2015. Sie kam in das Altenheim „Zum guten Hirten“ in der Nachbarschaft. Einen passenderen Namen hätte ein Altenheim für Ilsegret Bonke nicht tragen können.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“

Die Sonne schien bei ihrer Trauerfeier am Freitag in der Pauluskirche durch die bunten Fenster. Draußen fiel das goldene Laub auf die Straßen der Nordstadt, sanft wehte ein warmer Wind. Der Organist spielte auf der Orgel „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Der Pfarrer merkt in seiner kurzen Ansprache an, dass „mit ihrem Tod die alten Zeiten endgültig vorbei“ seien. Fatma, die 1983 ein Kind war und auf einem Spielplatz lernte, was ein Mülleimer ist, sagt: „Solche wie Frau Bonke, davon bräuchten wir mehr“.

Ilsegret „Oma“ Bonke, Bundesverdienstkreuzträgerin und ausgezeichneter „Engel der Nordstadt“, ist am 29. September 2018 im Alter von 86 Jahren verstorben.

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