Der Russe Slava Tütükin ist der neue Ballettmanager am Theater. Als Nachfolger von Tobias Ehinger muss er das System Dortmunder Ballett zusammenhalten. Uns hat er erzählt, wie er das macht.

Dortmund

, 25.11.2018, 17:46 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Hölle haben sie gerade hinter sich. „Inferno“ feierte am 3. November Premiere. Längst haben Ballettdirektor Xin Peng Wang und sein Team mit der Arbeit am zweiten Teil der Göttlichen Komödie begonnen. „Purgatorio“ soll in der kommenden Spielzeit Premiere feiern.

Xin Peng Wang sucht die richtige Musik

Die Frage der richtigen Musik für „Purgatorio“ habe zurzeit höchste Priorität für Wang, sagt Slava Tütükin. Seit September ist der 29-Jährige Wangs Ballettmanager. Um die richtigen Kompositionen für den zweiten Teil der Göttlichen Komödie zu finden, höre Wang ständig Musik, im Auto, im Büro.

Denn erst, wenn die gefunden ist, beginne Wang mit der Choreografie, aus der Musik entwickle er alles Weitere. „Aus der Musik schöpft er seine Ideen“, sagt Tütükin.

Bei diesem Prozess müsse er, Tütükin, auf dem Laufenden bleiben, damit er später die Entscheidungen des Direktors in dessen Sinne kommunizieren kann. Im Grunde, sagt Tütükin, müsse er wissen, was Xin Peng Wang denkt. Dafür verbringe er möglichst viel Zeit mit Wang, frage viel, telefoniere mit ihm mehrmals täglich.

So arbeitet Slava Tütükin, der neue Ballettmanager des Theaters

Szene aus „Inferno“. © Maria-Helena Buckley

Als Ballettmanager sei es seine Aufgabe, sagt Tütükin, „ein Umfeld zu schaffen, in dem der künstlerische Prozess möglichst gut gedeihen kann“. Der künstlerische Prozess, der nicht nur den Ballettdirektor betrifft, sondern dem das ganze, komplexe System der Sparte Ballett zuarbeitet, mit allen internen und externen Kontakten.

Slava Tütükin war einer der Waganowa-Auserwählten

Tütükin wuchs in St. Petersburg auf, wo ihn die einflussreiche Waganowa-Ballettakademie als Schüler aufnahm. Die Akademie gehört zum weltberühmten Mariinski-Theater, mehrere tausend Kinder bewerben sich dort jährlich, wenige Dutzend werden aufgenommen.

Vom fünften bis zum 13. Schuljahr verbringen die Waganowa-Schüler von morgens bis spätabends in der Akademie, „ein Vollzeitstudium“, sagt Tütükin, zwei Stunden Mathe, zwei Stunden Ballett, zwei Stunden russische Sprache, zwei Stunden Charaktertanz und so weiter, später kommen noch Literatur, Kunst- und Theatergeschichte dazu.

So arbeitet Slava Tütükin, der neue Ballettmanager des Theaters

Slava Tütükin beim Training. © Tütükin/privat

Abends wird geprobt, und nur die Begabtesten der sowieso schon Begabten tanzen am Wochenende bei Vorstellungen im Mariinski-Theater in Kinderrollen mit. „Seit ich zwölf war“, sagt Tütükin, „bin ich am Wochenende im Theater aufgetreten.“

Vom Staatsballett Moskau zum Theater Dortmund

Nach der Akademie tanzte er unter anderem im Russischen Staatsballett in Moskau und am Aalto-Theater in Essen. Danach studierte er in London BWL, organisierte selbstständig Kulturveranstaltungen und ging dann als Ballettmanager ans Landestheater Linz.

2015, kurz nachdem Tütükin seine Laufbahn als aktiver Tänzer beendet und sein Studium begonnen hatte, machte er ein Jahrespraktikum am Dortmunder Ballett, als Assistent vom damaligen Ballettmanager und heutigen Chef des Theaters, Tobias Ehinger.

So arbeitet Slava Tütükin, der neue Ballettmanager des Theaters

Slava Tütükin als aktiver Tänzer. © Tütükin/privat

Damals habe Tütükin „die Dortmunder Methode kennengelernt“, sagt Ehinger heute. Tütükin habe eine sehr schnelle Auffassungsgabe, sei ein Kommunikationstalent, denke integrativ und verfüge über internationale Erfahrungen: „Nun haben wir ihn aus Linz zurückgeholt.“

Die Kleinigkeiten halten das große Ganze zusammen

Zur Dortmunder Methode gehört auch, dass es hier keinen Generalintendanten für alle Sparten gibt wie in Linz. Tütükin kann sich ausschließlich aufs Ballett konzentrieren. Das sei angenehm, sagt er.

Zu tun hat er auch so genug. Vieles sind Kleinigkeiten, aber gerade die sind wichtig, damit das große Ganze funktioniert. Wenn beispielsweise die Tänzerinnen und Tänzer im Ballettsaal das nächste Stück proben, klärt Tütükin, dass die Bühne für die Bühnenprobe vorbereitet wird und die Dekorationen rechtzeitig fertig werden. Als ein serbischer Tänzer kürzlich kein Visum erhielt, recherchierte Tütükin zusammen mit der Assistentin des Direktors bei der Ausländerbehörde und der deutschen Botschaft in Serbien, bis das Missverständnis gefunden war und das Visum doch noch ausgestellt werden konnte.

Das Theater plant Jahre im Voraus

Bei jedem neuen Stück, das Wang in Dortmund entwickelt, werden bereits lange vor Probenbeginn schon die Gastspielreisen für das noch unfertige Stück organisiert, wie zum Beispiel nach St. Petersburg oder Israel.

Denn die Theater planen ihre Spielzeiten mehrere Jahre im Voraus. Der Entstehungsprozess eines neuen Stücks richtet sich auch danach, welche Informationen wann für die Gastspielstätten wichtig sind, um möglichst frühe Verhandlungen zu ermöglichen.

So arbeitet Slava Tütükin, der neue Ballettmanager des Theaters

Slava Tütükin während seiner Zeit als aktiver Tänzer. © Tütükin/privat

Dabei sind zum Beispiel die bühnentechnischen Aspekte wichtig, denn jede Bühne ist anders, größer oder kleiner, mit einer individuellen technischen Ausstattung.

Das heißt: Ein neues Stück wird nicht nur für die Dortmunder Bühne, sondern immer auch für die Bühnen der Gastspielorte gemacht.

Sind alle Texte übersetzt? Tütükin muss es wissen

Kurz vor der Reise brauchen die Gastbühnen dann Informationen, Fotos und Texte fürs Programm, die eventuell von den Dortmunder Dramaturgen noch übersetzt werden müssen.

Etwa zwei Wochen vor der Reise müssen dann die Tänzer proben, inklusive einer „kleinen Generalprobe“ mit Kostüm im Ballettsaal, das betrifft unter anderem die Kostümabteilung, die Ballettmeister, die den Probenplan anpassen müssen, und das Künstlerische Betriebsbüro, dass immer genug Tanz- und Spitzenschuhe bereithalten muss.

Parallel dazu muss der normale Dortmunder Vorstellungsbetrieb weiterlaufen.

Der Ballettmanager spürt Probleme auf

Wenn irgendwo in diesem fein abgestimmten Räderwerk aus Vorstellungen, öffentlichen Proben, Matineen, Urlaubsansprüchen, Krankheitsfällen, Verhandlungen, Aufträgen und weiteren Abstimmungen ein Problem auftaucht, muss Tütükin es aufspüren und wissen, wie und mit Hilfe welcher Kollegen es sich schnell und sanft lösen lässt. Wenn es gelöst ist, wartet schon das nächste.

Und er muss wissen, welche Probleme er selbst lösen kann. Denn jede Frage, die er an Xin Peng Wang weitergibt, hält diesen von seiner künstlerischen Arbeit ab.

Will Smith spricht Tütükin aus der Seele

Erleichtert und zufrieden, sagt Tütükin, sei er genau wie die anderen Ballettmitarbeiter, immer direkt nach einer Premiere, wenn alles gut gegangen und das Publikum glücklich ist. Tütükin fällt dazu der Film „Das Streben nach Glück“ ein, in dem Will Smith einen mittellosen, alleinerziehenden Vater spielt, der sich für die Aussicht auf einen auskömmlichen Job aufopfert und sogar einige Zeit mit seinem Sohn obdachlos lebt.

Am Ende des Films, erzählt Tütükin, sage Smith, sein Glück bestünde im Erreichen eines Ziels, auf das er lange Zeit hingearbeitet habe. Dieses Glück seien 15 Sekunden, in denen man sich darüber freue, dann müsse man bereits das nächste Ziel anstreben.

„Bei uns ist das auch so“, sagt Tütükin gut gelaunt. „Wenn ein Projekt geschafft ist, wartet schon das zweite, dritte und vierte.“ Aktuell zum Beispiel die Spielzeit 22/23. „Wir leben ja immer ein bisschen in der Zukunft.“

  • Die nächsten Termine von „Inferno“: 25.+29. 11., 24. 1., 8.+17. 2.
  • Karten für 10 bis 49 Euro gibt es an der Tageskasse im Opernhaus, unter Tel. 5 02 72 22 und auf der Seite des Theaters.
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