Ein Dortmunder versucht zu helfen, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern: Dirk Planert hilft rund 700 Flüchtlingen in einem Lager mitten in Europa. Die Lage ist katastrophal.

Dortmund

, 30.07.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am 14. Juni musste Dirk Planert eine Entscheidung treffen. Er stand mit 500 Männern auf einer ehemaligen Mülldeponie in Vučjak nahe der Stadt Bihać an der kroatisch-bosnischen Grenze. Die Geflüchteten waren von der bosnischen Polizei hierher gebracht worden – ohne Unterbringung, ohne medizinische Versorgung, ohne Lebensmittelversorgung. Sollte er zusehen und wieder fahren? Oder bleiben?

Planert war wegen einer Fotoausstellung in dem Land, in dem er schon während des Jugoswlawien-Krieges Anfang der 90er-Jahre mit einer eigenen Hilfsorganisation war. Er traf die Entscheidung, zu bleiben. „Wenn ich nach Hause gefahren wäre, um einen Artikel zu schreiben, hätte das bedeutet, dass ich die Menschen dort im Stich lasse. Da waren in dem Moment außer ihnen nur 20 Polizisten - und ich.“

Schockierende Bilder: Dortmunder erlebt dramatische Zustände in Flüchtlingscamp

Junge Männer auf dem Weg in das Camp. © Dirk Planert

In Bihać laufen mehrere Stränge der Balkanroute zusammen

Bihać ist eine Stadt im Westen von Bosnien-Herzegowina mit etwa 60.000 Einwohnern. Und sie ist der Ort, an dem mehrere Stränge der sogenannten Balkanroute zusammenlaufen. Also jener Strecke, die Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Pakistan nutzen, um aus ihrer Heimat nach Europa zu fliehen.

Rund 5000 Geflüchtete leben in einem völlig überfüllten zentralen Lager und verteilt über die Stadt. Nach anfänglich großer Hilfsbereitschaft entstanden Konflikte. Migranten begingen Straftaten, in der Bevölkerung baute sich zunehmend Hass auf.

Im Juni entschied die Polizei über Nacht, einen Teil der Geflüchteten umzuquartieren. Dirk Planert sagt, das Vorgehen habe einer „Deportation“ geglichen. Weil er bosnisch spricht und noch viele Menschen in der Region kennt, übernahm er von Tag eins an die Organisation des improvisierten Camps.

Es gibt ein Art Organisation im Camp - aber die Bedingungen bleiben menschenunwürdig

Das bosnische Rote Kreuz hilft bei der Essensausgabe. Dirk Planert organisiert die Versorgung mit wertvollen kleinen Dingen wie Taschenlampen. Die Menschen helfen im Gegenzug mit, das Camp sauber zu halten. Es gibt jeweils zwei Dusch- und Toiletten-Container und vier Wassertanks für bis zu 1000 Menschen. Doch die Bedingungen bleiben menschenunwürdig.

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Menschen stehen im Flüchtlingscamp Vučjak für Essen an. © Dirk Planert

Die Campbewohner nennen den Dortmunder „Doktor“, dabei ist er kein Arzt, sondern Journalist. Er versorgt die Wunden, so gut er kann. Eine österreichische Ärztin stand ihm über einige Wochen zur Seite, er hat sich etwas Grundwissen angeeignet.

Die Medikamente gegen Entzündungen und Schmerzen besorgt Planert selbst. Ihn motivieren die kleinen Erfolge bei Patienten. „Ich weiß, dass ich das gar nicht tun dürfte. Aber es ist auf jeden Fall massiv besser, als wenn niemand etwas machen würde.“ Aber es reicht nicht. „Mittlerweile ist die Krätze ausgebrochen“, sagt Dirk Planert.

Viele Geflüchtete berichten von Misshandlungen

Einige Bewohner haben Verletzungen, die ihnen kroatische Polizisten zugefügt haben sollen. Planert hört viele Geschichten über Misshandlungen, vermummte Polizisten und Diebstahl von Geld und Eigentum.

Kurz war er zwischendurch in Deutschland, um Geld für seine Miete zu verdienen. Seit zwei Wochen ist er wieder in Vučjak.

Lautstärke, Geruch und Hitze sind große Belastungen. Zwar blitzen immer auch kurze Momente der Freude auf, aber die Stimmung ist insgesamt angespannt.

„This is not a camp, this is a crime against humanity“ – Das ist kein Lager, das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diese Botschaft formulierten die Menschen hier kurz nach der Ankunft in Vučjak. Dirk Planert hielt mit ihnen das Transparent in die Höhe. „Ich sitze hier im selben Dreck und esse dieselben Mahlzeiten.“

Dirk Planert weiß nicht, wann er zurück nach Deutschland kann

Wann er zurück nach Deutschland kann, weiß Planert nicht. Jeden Tag kommen neue Menschen in Vučjak an. Bis nach Italien sind es zwölf Tage. Der Weg führt durch den „Dschungel“, wie ihn die Menschen hier nennen. Ob sie ankommen, weiß niemand. Direkt neben der ehemaligen Müllhalde beginnt ein Minenfeld aus dem Bürgerkrieg 1992.

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Täglich kommen Menschen in dem Flüchtlingslager an. Viele, wie diese Familie, ziehen direkt weiter, um Italien oder andere Länder zu erreichen. © Dirk Planert

5000 Euro hat Dirk Planert in den ersten Wochen an Spendengeld bekommen und für die Versorgung mit Medikamenten, Schuhen und Lebensmitteln ausgegeben. Er ist auf weitere Spenden angewiesen.

Vor allem aber braucht es eine dauerhafte Lösung für die Menschen im Lager. Vor Ort schieben sich die UN-Organisation International Organization for Migration (IOM) und die Stadt Bihać gegenseitig die Verantwortung zu. „Von den großen Organisationen ist keine da“, sagt Dirk Planert. An anderen Stellen scheitert schnelle Hilfe an der Bürokratie.

EU-Parlamentarier interessieren sich für das Thema - aber erst nach der Sommerpause

Er hat es geschafft, der Situation der Menschen in Vučjak eine Öffentlichkeit zu geben, reichweitenstarke Medien berichten mittlerweile. Dirk Planert bekam vor einigen Tagen einen Anruf einer Abgeordneten des EU-Parlamentes. Nach 15 Minuten Gespräch habe er gefragt, was sie denn jetzt unternehmen wolle. Darauf habe die Frau geantwortet: „Nichts, denn jetzt ist erst einmal Sommerpause.“ Planert ist sauer, dass ihm das Telefonat die Zeit gestohlen habe. „In 15 Minuten hätte ich drei bis vier Patienten behandeln können.“

Camps wie das in Vučjak symbolisieren für Dirk Planert die „unsichtbare Mauer“ die die Europäische Union an ihren Außengrenzen aufbaut. „Wir schauen weg, wenn hier Menschen von Polizisten durch den Wald zurückgeknüppelt werden. Die Knüppel werden von EU-Geld gekauft.“ Und gleichzeitig werde es dann als Erfolg verkauft, wenn diese Menschen nicht in Deutschland ankämen.

Gedeckt ist das Vorgehen der Grenzpolizisten in Kroatien, Bosnien und anderen Balkanstaaten durch Beschlüsse der Europäischen Union, die auch Deutschland mitträgt.

Dirk Planerts Motivation ist „Menschenliebe“ - und eine alte Verbindung zu Bosnien

Planert sieht hier junge Männer aus Syrien, Afghanistan oder Pakistan, auf denen die ganze Hoffnung ihrer Familien ruht. Manche besitzen nicht einmal Schuhe. Der 18-Jährige Hussein war einer von ihnen. Mehrere Wochen lang half er Dirk Planert als Übersetzer. „Er ist mir ans Herz gewachsen.“ Dann zog Hussein weiter. In den Dschungel.

Der Dortmunder ist seit Jahren in Krisengebieten unterwegs. Er erntet auch Widerspruch. Er wird angefeindet. Er macht trotzdem weiter. Weil sonst niemand da ist. „Ich mache das aus Menschenliebe. Wer das nicht versteht, mit dem muss ich gar nicht weiterreden.“

Spendenkonto

So können sie die arbeit in Bihac unterstützen

  • Auf dieses Konto können Geldspenden geleistet werden: Dirk Planert, DE 51500105175537201112, Stichwort Bihac.
  • Das internationale Jugendnetzwerk Peer-Leader-International e.V. hat einen Spendenaufruf für die Aktion gestartet.
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