Schlammschlacht, Wortgefechte, Reibereien: Theater und Gemetzel im Dortmunder Knast

dzJustizvollzugsanstalt

Denkt man an den Knast, denkt man an Strafe, Zellen – und auch an Gewalt. Eine ganz besondere Form der Gewalt war jetzt Thema in der Justizvollzugsanstalt. Das kam bei den Gefangenen gut an.

Dortmund

, 09.10.2019, 11:57 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kultur hat für Strafgefangene durchaus einen Stellenwert. Wie aber wird Yasmina Rezas handlungsarmes Stück „Der Gott des Gemetzels“ bei den Insassen der Justizvollzugsanstalt ankommen?

Das Ensemble „austropott“ spielte am Montag seine neue Inszenierung von Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“. Nicht im Dortmunder U, wo das Stück am Samstag (12.10.) Premiere feiert, sondern in der Justizvollzugsanstalt in der Lübecker Straße.

Hat ein handlungsarmes Wortduell eine Chance vor einem Publikum, das andere Sorgen hat als die Zipperlein französischer Sensibelchen? „Ich bin gespannt auf die Reaktionen der Insassen“, erklärt Schauspieler Harald Schwaiger: „Das hier ist neu und ungewohnt für uns.“

Entlang der Zellen geht es in den Saal

Hinter einem Justizbeamten marschieren wir entlang der Zellen zur Gefängniskapelle. „Schön groß, der Raum“, so der erste Eindruck des Ensembles. „Es hallt ziemlich stark“, lautet der zweite. „Wir dürfen nicht zu schnell sprechen.“

Vier Stühle werden auf die Bühne gestellt, Tulpen und Geschirr hat die Truppe mitgebracht. Mehr braucht es nicht. Was beim „Gott des Gemetzels“ zählt, ist die Kraft der Dialoge und die Lust am Spiel. Theater pur, sozusagen.

„Das Stück beginnt als Geplänkel, es steigert sich aber zur Schlammschlacht“, wendet sich Schwaiger an gut 40 Inhaftierte, die in den Sitzreihen Platz genommen haben.

Vier Egos prallen im „Gott des Gemetzels“ aufeinander. Man tauscht Artigkeiten aus, macht Konversation, dann eskaliert das Treffen. „Ihr Sohn hat unserem die Zähne ramponiert. Jawohl, mit einem Stock als Waffe!“ Veronique (Katja Heinrich) redet Tacheles. Später wird sie mit hochrotem Kopf und glaubhafter Erregung noch mehr Öl ins Feuer gießen, während ihre bessere Hälfte (Michael Kamp) sich als Feuerwehrmann versucht.

Gelächter bei den Insassen

Die Fronten wechseln, mal verbünden sich die Männer, dann die Frauen. Das ist köstlich feinnervig gespielt, bei „austropott“ sind Profi-Könner am Werk.

Feuer und Witz von Darstellern und Stück entgehen den JVA-Insassen nicht. Gelächter im Saal, wenn auf der Bühne turbulente Situationskomik greift.

Die jungen Türken rechts von uns recken die Hälse und hängen an den Lippen der Schauspieler. Schlussapplaus mischt sich mit Johlen und Jubelpfiffen. „Würden Sie noch mal für uns spielen?“, fragt einer aus der Gruppe das Ensemble. Önder ist sein Name, er habe selbst Theater gespielt, in Hagen in der Therapie, sagt er: „Das war klasse heute.“

Wie man hört, hat es auch dem Ensemble Spaß gemacht. Alfons Küter, der den Theaterabend dank Hilfe des Vereins „pro Kultur“ auf die Beine stellen konnte, nimmt das Lob als Ansporn und Bestätigung: „Solche Momente sind wichtig für die Inhaftierten. Wir brauchen mehr Kultur hier im Haus.“

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