Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Dortmunder Klinik-Geschäftsführer

dzFall Niels Högel

Rudolf Mintrop leitete die Kliniken Oldenburg und Delmenhorst. Dort arbeitete der Pfleger Niels Högel – und tötete Patienten. Rudolf Mintrop schweigt. Heute leitet er das Klinikum Dortmund.

Dortmund

, 22.11.2018, 18:30 Uhr / Lesedauer: 12 min

Feierlich wirkt der „kleine Festsaal“ der Weser-Ems-Hallen in Oldenburg an diesem grauen Mittwoch im November definitiv nicht. Justizbeamte stehen an allen Ein- und Ausgängen, aus dem Fest- ist ein Gerichtssaal geworden. Aus Platzgründen verhandelt das Landgericht Oldenburg hier gegen den Krankenpfleger Niels Högel. Der, 41 Jahre alt, hatte am ersten Prozesstag eingeräumt, viele Menschen während seiner Dienstzeit getötet zu haben. In hundert Fällen ist er wegen Mordes angeklagt, an einige davon kann er sich nicht mehr erinnern.

Absurd hohe Zahl an Mordversuchen

Wenn man die Aussagen, die hier am zweiten Prozesstag fallen, zusammenaddiert, dann dürfte die tatsächliche Zahl der Morde deutlich höher sein. Und die Zahl der Mordversuche wird irgendwann absurd: 300? 400? 500? Man kann das gar nicht genau beziffern und alleine dieser Umstand macht dieses Verfahren in Oldenburg einzigartig.

Wenn ein Mensch ohne jedes Maß mordet, weil er sich dazu entscheidet, ist das die eine Sache. Die Frage nach dem Warum steht dann immer schnell im Raum. Was war da los? War er krank? War da was in der Vergangenheit? Es ging ihm, wird Högel irgendwann am Mittwochvormittag sagen, um „das krampfhafte Aufrechterhalten der Anerkennung“. Letztlich brachte er eine unglaublich hohe Zahl seiner Patienten immer und immer wieder mit Medikamenten in lebensgefährliche Situationen und versuchte dann, sie zu reanimieren. Um damit Anerkennung als Held und Retter zu bekommen.

Keine Leiche, keine Beweise, keine Anklage

100 Menschenleben werden jetzt also verhandelt, für sie fanden Ermittler Beweise, sehr oft in den exhumierten Überresten der Verstorbenen. Viele tote Patienten wurden verbrannt – keine Leiche, keine Beweise, keine Anklage. Die Fälle liegen 13 bis 18 Jahre zurück, das macht die Wahrheitssuche nicht einfacher. Ohne zu wissen, um was es hier wirklich geht, ist klar, dass hier die größte bekannte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte verhandelt wird.

Vielleicht noch wichtiger als die vergebliche Suche nach einer konkreten Zahl ist eine andere Frage. Sie lautet: Was gab Högel die Gelegenheit, diese absurde Zahl an Morden und Mordversuchen zu begehen? Wenn man sich diesen Fall und seine Hintergründe anschaut, dann wird schnell klar, dass Högel nicht unauffällig war. Er war sogar irgendwann sehr auffällig. Das sagt ein ehemaliger Kollege. Und das sagt zum Beispiel auch der Polizeipräsident von Oldenburg. Denn es gab ja Menschen, die Högel verdächtigten. Die nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollten. Es gab Kollegen, die ihn „Todeshögel“ nannten - aber da war niemand, der ihn damals, 2001, stoppte.

Ermittler: Er wäre gestoppt worden

Es gibt vermutlich wenige Menschen, die diesen Fall besser kennen als der Leiter der deswegen eingesetzten Sonderkommission Kardio der Polizei Oldenburg. Der Mann heißt Arne Schmidt und er sagt öffentlich, dass Högel bereits 2001 gestoppt worden wäre - wenn die damals Verantwortlichen im Klinikum Oldenburg sich mit ihrem Wissen an die Polizei gewandt hätten. Das haben sie nicht. In dem überschaubaren Personenkreis der Verantwortlichen, die diese Entscheidungen trafen, gab es einen verantwortlichen Geschäftsführer. Sein Name ist Rudolf Mintrop.

Mintrop hat in Dortmund einen tadellosen Ruf, er hat das Klinikum Dortmund nach seinem Amtsantritt 2013 de facto vor dem Ausverkauf bewahrt. Es wirtschaftlich erst wieder auf solide Beine gestellt und dann nach vorne gebracht. Doch bevor Mintrop nach Dortmund kam, war er Geschäftsführer in Oldenburg und Delmenhorst. Dort traf er in seiner Karriere zwei Mal auf den Mörder Högel. Beschäftigte sich mehrfach mit ihm und wusste, so steht es in Gesprächsnotizen und so sagen es die Ermittler, von den schweren Verdächtigungen gegen den Pfleger.

Ermittlung wegen Totschlags durch Unterlassen

Warum Mintrop schwieg? Vermutlich, um die Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst zu schützen. Man kann das nur vermuten, denn Mintrop schweigt zu konkreten Fragen. Das ist heute sein gutes Recht, die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen ihn und vier weitere Personen, der Vorwurf lautet auf Totschlag durch Unterlassen.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Dortmunder Klinik-Geschäftsführer

Niels Högel während des dritten Verhandlungstages in Oldenburg. Der 42-Jährige wird beschuldigt, 106 Menschen getötet zu haben. © dpa

Die Geschichte des Niels Högel ist vorrangig die Geschichte eines Serienmörders mit einer bisher in der Historie der Bundesrepublik einmaligen Anzahl an Opfern. Auf den zweiten Blick aber ist sie eine Geschichte über das Schweigen.

Die Zahl der Reanimationen und der Toten steigt

Niels Högel wird 1997 Krankenpfleger, er tritt damit beruflich in die Fußstapfen seines Vaters. Nach zwei Jahren verlässt er sein Ausbildungshaus in Wilhelmshaven und wird 1999 Pfleger auf der herzchirurgischen Intensivstation 211 des Klinikums in Oldenburg. Intensivstationen sind eine eigene Welt: Hier kommt es immer wieder mal zu Notfallsituationen. Patienten, die hier liegen, haben sehr ernste gesundheitliche Probleme, manchmal kommt es zu Reanimationen, manche Patienten sterben. Das ist – in einem gewissen Ausmaß – vollkommen normal und lässt sich nicht verhindern. Auffällig wird dann aber, dass die Zahl der Reanimationen und die der Toten spätestens zum Ende 2000 hin auf der Station 211 deutlich zu steigen beginnt.

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Das Klinikum in Oldenburg. Hier arbeitete Högel auf zwei Stationen. © dpa

So ein Anstieg kann verschiedene Gründe haben. In Oldenburg, so heißt es heute, wurde damals exzessiv versucht, die Herzchirurgie groß zu machen. Sie war ein Prestigeobjekt des Klinikums, sie scheffelte zu der Zeit richtig Geld ins Haus. Die pflegerische Besetzung war hervorragend, weil diese Station dem Klinikum gut tat.

Niemand außer Högel weiß damals, dass er selbst die Notfälle herbeiführt. Er, der von Berufs wegen Menschen pflegen soll, verabreicht ihnen heimlich Medikamente oder Kaliumchlorid. Dann verlässt er das Krankenzimmer. Die überdosierten Mittel führen zu Herzkammerflimmern, dann kollabiert ein Kreislauf, dann hört ein Herz auf zu schlagen. Und in diesem Moment schlägt erst die Patientenüberwachung Alarm und dann immer wieder Högels große Stunde. Er kehrt zurück in das Zimmer, das er vorher schnell verlassen hat, und beginnt die Reanimation. „Anerkennung“, dieses Wort fällt am Mittwoch in Oldenburg immer wieder. Damit Högel wer sein kann, müssen sehr viele andere leiden. Und viele andere sterben.

Högel steigert seine Dosis immer weiter

Das Gefühl oder auch der Kick, das wirkt bei Högel offenbar wie eine Droge. Zumindest steigert er die Dosis immer weiter. Frank Lauxtermann arbeitete damals auf der Station 211. Er sagt, dass die Auffälligkeiten Mitte 2000 begannen. „Das baute sich immer mehr auf und wurde immer höher“, sagt Lauxtermann heute. Immer mehr Reanimationen, häufiger Todesfälle, dazu oft unerklärlich hohe Kaliumwerte. „Ja, genauso war das, eine Steigerung war definitiv da“, wird Högel am Mittwoch auf die Frage antworten, ob die Fälle mehr und die Abstände kürzer wurden. Er hatte, wird er später sagen, aber auch „keine Erinnerung daran, mal eine Pause gemacht zu haben“ bei seinen Taten. Bei Högel gibt es Tage, da reicht ihm eine Reanimation nicht mehr aus, da müssen es mehrere sein.

136 Leichen werden auf insgesamt 67 Friedhöfen exhumiert

Viele Jahre später wird sich eine eingesetzte Sonderkommission mit dem Fall beschäftigen. 136 Leichen wird sie auf 67 Friedhöfen exhumieren, Krankenakten prüfen, es wird eine Durchsuchung geben.

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Eine Exhumierung auf einem norddeutschen Friedhof 2015. Die Soko Kardio, die zwischen 2014 und 2017 ermittelte, ließ 136 Körper exhumieren. © dpa

Arne Schmidt ist Kriminaloberrat und der Leiter dieser Soko Kardio. Er wird im August 2017 auf einer Pressekonferenz die hinter ihm und seinen Kollegen liegende Arbeit skizzieren.

Und dabei unter anderem ein Beispiel geben, wie weit sich Högel 2001 in einen Wahn hineingesteigert hatte: Ende August 2001 meldet Högel sich krank. Zwei Wochen lang ist er nicht auf der Station. In diesen 14 Tagen sterben dort zwei Menschen. Dann, am 13. September 2001, tritt Högel wieder zum Nachtdienst an. In der Nacht vom 14. auf den 15. September 2001 müssen auf der Station 211 insgesamt fünf Menschen 14 Mal reanimiert werden. Alle fünf sind innerhalb der nächsten acht Tage tot.

Bei vier Leichen werden viele Jahre später nach Exhumierungen noch die Medikamente nachgewiesen, die Högel zum Morden einsetzte. Eine Leiche ist feuerbestattet worden, hier können die Ermittler nichts mehr nachweisen.

„Aus unerklärlichen Gründen verstorben“

Frank Brinkers ist am Mittwoch nach Oldenburg gekommen. Sein Vater starb an diesem Wochenende im September 2001 auf der Station 211, als es dort zu einer Zahl an Reanimationen kam, wie an anderen Stationen Schmerztropfen verteilt werden. Er will, sagt Brinkers, Antworten. Damals, 2001, bekam er einen Anruf, sein 63-jähriger Vater sei, so sagte man ihm, aus unerklärlichen Gründen an Kreislaufversagen gestorben. „Die sagten zu mir, sie könnten sich den Tod nicht erklären.“ Heute, hier in Oldenburg, 17 Jahre später, wisse er, dass in den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst damals definitiv weggeschaut wurde. Nein, sagen will er den Verantwortlichen von damals nichts. Dazu könne man nichts mehr sagen. Nur einen großen Bogen um die Häuser machen.

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Frank Brinkers am zweiten Verhandlungstag in Oldenburg. Sein Vater starb im September 2001 durch die Hand Högels. © Großekemper

Nach diesem Horrorwochenende im Jahr 2001 wird der Stationsleiter beauftragt, eine Strichliste zu führen, um zu dokumentieren, welche Pflegekräfte bei welchen Reanimationen oder Todesfällen dabei waren. Diese Strichliste wird belegen, dass es einen Pfleger gibt, der in 58 Prozent aller Fälle dabei ist: Högel. Diese Liste gibt es noch heute und sie wurde den Verantwortlichen des Klinikums Oldenburg vorgelegt. Sagt Arne Schmidt.

Er wird weiter töten

Diese Strichliste soll aber auch Thema bei einer Besprechung auf höchster Ebene des Klinikums Oldenburg gewesen sein. Es sind mehrere Personen anwesend, unter anderem die Pflegedienstleitung, ein Chefarzt und ein Geschäftsführer. Was dort genau in welchem Wortlaut gesprochen wird, wissen nur die Beteiligten. Das Ergebnis dieser Besprechung aber ist offenkundig: Högel, obwohl unter Beobachtung, wird weiter töten. Ein weiteres Gespräch ist dokumentiert, es findet statt zwischen dem Betriebsrat des Klinikums und dem Geschäftsführer, bei dem Mintrop es „nahezu“ ausschließen soll, dass die Todesfälle versehentlich in den Schichten von Högel zustande kamen. So berichten es das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und die „Nordwest-Zeitung“ in Oldenburg. Diese Zeitung hatte den Fall seit Bekanntwerden journalistisch verfolgt.

Wenn es zu diesem Zeitpunkt keine Beweise gab, ist das die eine Sache. Aber muss bei so schwerwiegenden Verdachtsmomenten nicht die Polizei eingeschaltet werden? Ja, sagt Arne Schmidt, denn Beweise zu finden sei Aufgabe der Polizei.

Ein Krankenhaus lebt von Vertrauen

Vielleicht ist das aber auch der falsche Ansatz, um Entscheidungen erklärbar zu machen. Das Klinikum Oldenburg hatte, als der Fall Högel intern Thema wurde, extern ein anderes Problem: Zwei Patienten waren durch verunreinigtes Kontrastmittel gestorben, es war öffentlich von einem Hygieneskandal die Rede. Ein Krankenhaus aber lebt von Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird. Wenn jetzt das eine Problem gerade mit Mühe bewältigt wird, will man dann genau wissen, ob da noch ein zweites, eventuell noch folgenschwereres wartet?

Der heutige Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg heißt Dr. Dirk Tenzer, über ihn wird es später in einer Pressemitteilung des Klinikums wie folgt heißen: „Die damals Verantwortlichen haben entschieden, die Ermittlungsbehörden nicht einzuschalten. Dr. Tenzer hatte auch in der Folgezeit immer wieder deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er dieses Verhalten heute als falsch einschätzt.“

Mit dem Tag seines Weggangs sinkt die Zahl der Reanimationen

Im November 2001 findet auf der 211 eine Konferenz statt, auf der Pfleger und Ärzte über den bis dahin unerklärlichen Anstieg von Reanimationen und Todesfällen auf der Station reden. Högel wird später aussagen, damals habe er gedacht, man sei ihm auf die Schliche gekommen. Im Dezember 2001 wechselt der Pfleger von der 211 in die Anästhesie. Warum er das tut, ist heute unklar. Unter den Pflegekollegen heißt es, er sei „gegangen worden“. Högel selber wird später sagen, er wollte die Versetzung selber. Sicher ist: Mit dem Tag seines Weggangs von der Intensivstation sinkt dort die Zahl der Reanimationen und Sterbefälle signifikant.

Auf der Anästhesie kann ihm, Stand heute, kein Mord nachgewiesen werden. Er „manipuliert“, so der polizeiliche Sprachgebrauch, aber erneut an Patienten, plötzlich gibt es auch hier Reanimationen. Jetzt, im September 2002, wird gehandelt und Högel bekommt ein Angebot: Entweder wechselt er in den Hol- und Bringdienst der Klinik. Oder er kündigt und ihm wird in einer Übergangszeit von drei Monaten das Gehalt weitergezahlt. Högel bekommt nicht nur das Gehalt, er bekommt auch ein anständiges Zeugnis mit auf seinen weiteren Weg.

„Umsichtig, gewissenhaft und selbstständig“

Der Pfleger wechselt an das Klinikum in Delmenhorst. Die neuen Kollegen haben keine Idee, wer da zu ihnen kommt. In seinem in Oldenburg ausgestellten Zeugnis steht, dass Högel „umsichtig, gewissenhaft und selbstständig“ arbeitet. Und: „In kritischen Situationen handelt er überlegt und sachlich richtig.“

Am Klinikum Delmenhorst findet kurz nach dem Dienstbeginn Högels ein Routine-Gespräch statt. An ihm beteiligt sind ein Oberarzt aus Delmenhorst und zwei Chefärzte aus Oldenburg. Es ist ein ganz normaler Termin, zwischen den Kliniken besteht eine Kooperation. Der Oberarzt aus Delmenhorst sagt dem NDR später, dass er von den Medizinern aus Oldenburg eine überraschende Frage gestellt bekam: Sie wollten wissen, ob es Auffälligkeiten bei dem Pfleger Niels Högel gebe. Er verneint die Frage. Aber ein Krankenpfleger, der zwischen Ärzten Thema ist, damit konnte der Oberarzt nichts anfangen, das hatte er noch nie erlebt. Erst Jahre später wird er diese Frage verstehen.

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Mit einem guten Zeugnis aus Oldenburg bewarb sich Högel im Klinikum Delmenhorst. Hier fing er an, hier tötete er weiter. © dpa

In Delmenhorst setzt Högel seine Taten dann sehr schnell fort. Bis zum Juni 2005 werden ihm die Ermittler knapp 60 Morde nachweisen können. Högel fliegt erst auf, als er bei einer Tat von zwei Kollegen erwischt wird. Der Patient überlebt. Auch in Delmenhorst gab es schon länger Geraune über „Niels mit dem schwarzen Schatten“, über den „Rettungsrambo“. Jetzt ist er – nach fünf Jahren und insgesamt 100 Toten, einer unbekannten Zahl an weiteren Toten und einer noch größeren Menge an durch ihn ausgelösten Zahl an Reanimationen, die die Patienten aber überlebten – erwischt worden.

Im Klinikum Delmenhorst wird nach der Entdeckung der Tat überlegt, wie mit dem Fall umzugehen ist. Da Högel vor einem Urlaub steht, wird beschlossen, dass er noch den einen Spätdienst machen soll, für den er im Dienstplan eingetragen ist. Auch an diesem Abend tötet er eine Frau.

Ab September 2005 leitet Mintrop beide Häuser

Im September 2005 gibt es einen Wechsel an der Spitze des Klinikums Delmenhorst. Auch dieses Klinikum schreibt rote Zahlen, es muss etwas geschehen. Der neue Geschäftsführer heißt Rudolf Mintrop, er leitet von diesem Zeitpunkt an beide Häuser. Als Högel seine letzte Tat begeht, ist Mintrop noch nicht in Delmenhorst. Aber er dürfte schnell mit dem Namen des Pflegers, mit dem er in Oldenburg zu tun hatte, konfrontiert worden sein.

Verdoppelte Sterberate, versechsfachter Medikamentenverbrauch

Ein Oberarzt aus dem Klinikum Delmenhorst hatte sich, nachdem Högel im Sommer erwischt worden war, Ende 2005 an die Polizei gewandt. Zuvor hatte er die Sterberaten und Medikamentenverbräuche in Högels Dienstzeiten abgeglichen. Dabei war er unter anderem darauf gestoßen, dass in Högels zweieinhalb Dienstjahren in Delmenhorst mehr als doppelt so viele Menschen starben, als es im statistischen Mittel normal gewesen wäre. 411 statt 200. Der Verbrauch des zuletzt von Högel am meisten eingesetzten Mittels hatte sich versechsfacht.

2006 kommt es zu einem ersten Gerichtsverfahren gegen Högel wegen versuchten Totschlags. Er wird zu fünf Jahren Haft und einem befristeten Berufsverbot verurteilt. Staatsanwaltschaft und Verteidigung gehen in Revision. Dass da viel mehr war als dieser eine versuchte Totschlag, ist öffentlich nicht bekannt.

„Über den wollen wir nicht mehr reden“

In Oldenburg aber entsteht mit der Verhaftung von Högel „ganz viel Hektik“. Der Ex-Kollege Lauxtermann war nicht selber dabei, er hatte die Station 211 im April 2001 verlassen. Aber er hat zu diesem Zeitpunkt noch einige Freunde dort, die ihm berichten, dass die Pflegedienstleitung auf der Station auftaucht, die Strichliste und die Gesprächsprotokolle an sich nimmt und wieder geht. Lauxtermann wird in diesen Tagen im Jahr 2006 nach der Verhaftung Högels einmal sagen, dass er es unfassbar finde, mit diesem Mann zusammengearbeitet zu haben. Die Pflegedienstleiterin soll sinngemäß erwidert haben: „Über den wollen wir nicht mehr reden, wir sind froh, dass er weg ist.“

Ex-Kollegen wandten sich dann in der gleichen Zeit an Lauxtermann, sagt er heute. Die ehemaligen Kollegen wollten wissen, ob er nicht eine anonyme Anzeige für sie bei der Staatsanwaltschaft abgeben könne, was die Zeit Högels in Oldenburg betreffe. Sie selber hätten einen Maulkorb bekommen.

Eine Frau schöpft Verdacht

Lauxtermann erstattet keine anonyme Anzeige, Högel arbeitet in einem Altenheim, 2008 kommt es zu einem Berufungsprozess, Högel wird zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Davon liest eine Frau in der Zeitung, sie bekommt einen Verdacht: Auch ihre Mutter starb überraschend im Delmenhorster Klinikum. Auf der Station von Niels Högel. Zu einem Zeitpunkt, als er dort Dienst hatte. Die Frau wendet sich an die Polizei und fordert weitere Ermittlungen, schließlich, gegen Widerstände, kommt es zur Exhumierung der Mutter. Auch in ihrer Hirnflüssigkeit wird Ajmalin nachgewiesen, der Wirkstoff von Gilurytmal.

Die Beamten ermitteln weiter, Högel wird im September 2014 wegen dreifachen Mordes und zwei Mordversuchen angeklagt. Mithäftlinge werden vernommen. Sie sagen aus, der Krankenpfleger habe ihnen unter anderem gesagt, dass er „bei 50 aufgehört habe zu zählen“. Oder wohl auch, dass er „der größte Serienmörder“ Deutschlands sei. Im November 2014 wird daraufhin die „Soko Kardio“ installiert und ihre Arbeit beginnt.

Zahlen, die niemand erwartet hätte

Im August 2017 präsentiert die Soko ihre Ergebnisse. Es sind Zahlen, die niemand erwartet hätte: 84 Morde glauben die Ermittler nachweisen zu können, 48 in Delmenhorst, 36 in Oldenburg. Die Zahlen sind unfassbar hoch und noch zu niedrig. Der Oldenburger Polizeipräsident Johannes Kühme sitzt im Sommer 2017 auf dem Podium, er sagt: „Im Klinikum Oldenburg wusste man um die Auffälligkeiten, man wusste um die gestiegenen Reanimationen und die damit zusammenhängenden Todesfälle.“

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Dortmunder Klinik-Geschäftsführer

Am 28. August 2017 präsentieren die Ermittler die Ergebnisse der dreijährigen Arbeit der Soko Kardio. © dpa

Arne Schmidt wird sagen, dass die Morde hätten verhindert werden können, wenn die damals verantwortlichen Personen insbesondere im Klinikum Oldenburg nicht gezögert hätten, die Polizei einzuschalten.

Denn für Schmidt steht aus polizeilicher Sicht fest: „Hätten die damals Verantwortlichen des Klinikums Oldenburg Ende des Jahres 2001 die Ermittlungsbehörden eingeschaltet und ihnen mitgeteilt, dass sie eine Häufung von Reanimationen und Todesfällen auf der Station 211 haben, so wäre schon auf Basis der damals vorhandenen Informationen die massive Häufung der Anwesenheit von Niels H. aufgefallen.“

Dann wären, sagt Schmidt, notwendigerweise die Krankenakten begutachtet worden. „Und die sich daraus ableitenden Bewertungen – die sich im Übrigen auch bei dem vom Klinikum Oldenburg eingeschalteten Gutachter sowie bei dem von uns beauftragten Gutachter weitestgehend identisch sind – hätten Niels H. als verantwortlichen Täter entlarvt.“ Wenn man Schmidts Behördendeutsch übersetzt, heißt das in Konsequenz: Hätte sich Oldenburg Ende 2001 gerührt, hätten sie Niels Högel gepackt. Bevor er nach Delmenhorst ging.

Die besondere Schwere der Schuld ist bereits festgestellt

Heute sitzt Högel in Haft. Er ist bereits zu lebenslang verurteilt, die besondere Schwere der Schuld ist festgestellt. Der Mammutprozess in Oldenburg läuft, er ist ein Prozess für die Opfer und besonders für ihre Angehörigen, an dem Strafmaß für Högel wird sich nicht mehr viel ändern.

Gegen mehrere Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst wurde ermittelt, gegen vier inzwischen Anklage erhoben. Der Prozess soll beginnen, wenn der Mammutprozess in Oldenburg abgeschlossen ist.

Anfang 2019 könnten die Ermittlungen abgeschlossen sein

Seit Mai 2018 wird auch gegen ehemalige Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg ermittelt, einer von ihnen ist Rudolf Mintrop. Der Tatvorwurf lautet auf Totschlag durch Unterlassen. Anfang 2019 könnten die Ermittlungen abgeschlossen werden.

Der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme äußerte sich öffentlich wie folgt: Moralisch trage das Klinikum in Oldenburg die größere Verantwortung, „weil die Verantwortlichen in Oldenburg die Morde in Delmenhorst hätten verhindern können“.

Der Fall dürfte die Justiz noch Jahre beschäftigen

Der Oldenburger Staatsanwaltschaft Martin Koziolek wird, wenn man sich mit ihm über den Fall Högel unterhält, geradezu rechtsphilosophisch. Er spricht von Kausalketten, Garantenstellung und einem Spiel mit vielen Unbekannten. Es gebe, man habe das schon untersucht, im Moment keine vergleichbare Rechtsprechung. Der Fall Högel und seine Verantwortlichkeiten werde die Justiz, so vermutet es Koziolek, noch über Jahre beschäftigen.

Wenn man Koziolek fragt, wer die moralische Verantwortung für diesen Fall trägt, schweigt er kurz, dann sagt er, dass das nicht so einfach zu beantworten sei. Am besten, findet der Staatsanwalt, könne man hier Albert Einstein zitieren: „Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.“

Schweigen, um das große Ganze nicht zu gefährden

Frank Lauxtermann ist der einzige Krankenpfleger aus Oldenburg, der bereit war, auszusagen. Mehrfach tat er das, war auch als Zeuge vor Gericht. Er sagt, dass die Verantwortlichen in Oldenburg viel Schuld auf sich geladen hätten. Letztlich sei der Fall Högel zu vergleichen mit den Missbrauchsfällen der Kirchen: schweigen, um das große Ganze nicht zu gefährden.

In Oldenburg, in dem „kleinen Festsaal“ der Weser-Ems-Halle, tagt geplant zweimal pro Monat das Gericht. Högels Gesicht - er ist in der Haft massig geworden - wird auf zwei große Bildschirme übertragen. Schwarze Haare, dazu ein dunkler Bart, ein helles Licht, er wirkt bleich. Der Prozess in Oldenburg wird mindestens bis Ende Mai 2019 laufen.

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In Oldenburg, in dem „kleinen Festsaal“ der Weser-Ems-Halle, tagt geplant zwei Mal pro Monat das Gericht. © dpa

Heute ist das Klinikum in Oldenburg tief in den roten Zahlen. Die herzchirurgische Station 211 hat heute einen anderen Namen. Und für das Weihnachtsgeld der Angestellten forderte das dortige Kreditinstitut eine Bürgschaft der Stadt Oldenburg ein – und bekam sie.

Keine Stellungnahme möglich

Rudolf Mintrop sagt zu einem detaillierten Fragenkatalog unserer Redaktion, dass ihn die darin gestellten Fragen beschäftigen. Er könne aber während des gegen ihn laufenden Ermittlungsverfahrens keine Stellung beziehen. Bisher sei ihm und seinem Anwalt keine Akteneinsicht gewährt worden. „Der Fall Högel“, schreibt Mintrop weiter, „ist beispiellos, und er hat Kliniken bundesweit zum Nachdenken gebracht, was verbessert werden muss, um solche Taten in Zukunft zu verhindern.“

Sein tief empfundenes Mitgefühl gelte den Angehörigen.

Mit dem Wissen von damals sehe er nicht, wie er sich anders hätte verhalten können.

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