Rudolf Isken – der Mann, der den Glühwein nach Dortmund geholt hat

dzWeihnachtsmarkt

Als es sich für Frauen nicht gehörte, öffentlich Alkohol zu konsumieren, holte Rudolf Isken den Glühwein auf den Dortmunder Weihnachtsmarkt. Doch 1969 wollte niemand Glühwein trinken.

Dortmund

, 21.11.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Dortmunder Schausteller-Familie Isken war schon fest auf dem Weihnachtsmarkt verwurzelt, da sollte Sohn Rudolf auf dem Christkindlmarkt in Nürnberg nach einer guten Idee Ausschau halten, um sie an einem eigenen Stand in Dortmund zu etablieren. Was heute ein Umsatzgarant ist, war damals ein Flop. Rudolf Isken, heute 74 Jahre alt, über die eher unterkühlte Glühwein-Premiere im Jahr 1969: „Wir hatten einen Kochtopf mit vier Litern Glühwein. Der Glühwein war immer heiß. Denn wir haben ihn nicht verkauft.“ Heute verkauft Rudolf Isken an seinem Stand an der Marienkirche in der Dortmunder Innenstadt den Glühwein so oft wie kein anderes Getränk. Nicht aus Kochtöpfen, sondern aus Gefäßen mit Durchlauferhitzer.

Geld von den Eltern geliehen

Vor fast 30 Jahren musste er sich von seinen Eltern das Geld für einen Verkaufsstand leihen. Doch Rudolf Isken investierte in einer Zeit in Glühwein, „in der es für Frauen nicht schicklich war, öffentlich Alkohol zu trinken“, sagt er im Rückblick auf die ersten Jahre. Wenig erbaulich war auch der Blick in die Buchhaltung: „Wir hatten in den ersten Jahren eine katastrophal schmale Kasse. An schlechten Tagen waren es gerade mal 50 D-Mark. Bei 200 DM sind wir unter die Decke gesprungen.“ Dann kehrten immer mehr Dortmunder aus kalten Skiurlauben in den Alpen zurück – und wussten, was innerlich auftaut: Glühwein.

Kollegen belächelten den Verkäufer

Immer öfter fuhr Rudolf Isken zur Metro, um für Nachschub zu sorgen. Schausteller-Kollegen belächelten den jungen Glühwein-Verkäufer, der es mit großen Konkurrenten zu tun hatte. Denn die Dortmunder Brauereien wollten auf den Weihnachtsmarkt drängen und die Getränkestände erobern. Dortmund war damals zwar Europas Bierstadt Nummer 1, aber die Brauereien bekamen all die Jahre auf dem Weihnachtsmarkt keinen Fuß in die Hütten. Stattdessen setzte sich durch: Rudolf Iskens Glühwein-Idee.

Nach etwa fünf Jahren des Zitterns glühte die Kasse: „Da kam so eine Schicki-Micki-Welle auf uns zu. Schick war es auch unter Frauen, den Glühwein zu trinken“, erinnert er sich an die erste Hälfte der 1970er-Jahre. Von da an eroberte der Glühwein die Getränkestände auch der Konkurrenz. Bis heute gibt es auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt kein Bier. Bis heute ist der Glühwein-Umsatz ein Geschäfts-Geheimnis der Standbetreiber.

Rudolf Isken – der Mann, der den Glühwein nach Dortmund geholt hat

Rudi Isken an seinem Stand auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt. „Rudis Hütte“ ist mit Glühwein und Kakao-Spezialitäten ein beliebter Stand in der Innenstadt. © Peter Bandermann

Keiner von ihnen lässt sich in die Kasse gucken. Rudolf Isken verrät nur so viel: „Bei mir macht der Glühwein etwa ein Drittel des Umsatzes aus.“ Obwohl in „Rudis Hütte“ an der Marienkirche immer mehr Getränkesorten dazu gekommen sind. Sechs Kaffeesorten und diverse Kakao-Spezialitäten (u.a. mit Baileys, Pfefferminzlikör, Weinbrand, Rum oder Jägermeister („schmeckt wie Lebkuchen“) konkurrieren mit dem Glühwein-Klassiker, der sich nicht verdrängen lässt, aber modische Varianten erfährt.

Patrick Arens vom Schaustellerverein Rote Erde über das Angebot an den zehn Getränkeständen mit Glühwein im Angebot: „Glühwein ist nicht nur rot. Auch weißer Glühwein, Rosé-Glühwein und Glühweine mit Heidelbeer-, Kirsch- und Apfel-Gin-Geschmack sind angesagt.“ Stabil sind die Preise: Der Becher kostet 2,50 Euro. Der Preis ist 2018 in Dortmund also nicht erhöht worden. Zu den zehn Getränkeständen kommen zwei ehrenamtliche besetzte Glühweinstände (Fäßchen am Markt und Vapiano an der Silberstraße).

Bestes Klima: Knapp über null Grad Celsius

Zum Start des Weihnachtsmarkts 2018 sind die äußeren Umstände günstig: Es ist frostig kalt. „Es muss an der Tasse dampfen. Aber die Temperaturen dürfen nicht unter null Grad Celsius fallen“, erklärt Rudolf Isken, „dann fangen die Füße an zu frieren.“ Die Standbesucher trinken dann keinen Glühwein mehr oder sie gehen nach Hause oder sie kommen erst gar nicht.

Hier eine Übersicht über die Glühweinstände des Dortmunder Weihnachtsmarktes:

Gibt es objektive Qualitätskriterien für Glühwein? „Ja“, sagt Matthias Hilgering vom Dortmunder Weinhaus Hilgering:

  • Ein Glühwein besteht immer aus mehreren Grundweinen, ist also ein Cuvée.
  • Der Ausschank sollte bei 60 bis 70 Grad Celsius erfolgen.
  • Guter Glühwein schmeckt auch bei niedrigeren Temperaturen.
  • Glühwein sollte nie köcheln, sonst verliert er an Alkohol und Geschmack.
  • Der Alkoholgehalt sollte bei 11 % liegen: Alkohol transportiert die Aromen.

„Der Glühwein sollte eine schöne fruchtige Note haben und nicht bitter oder scharf schmecken. Bei elf Volumenprozent wird es dann aber auch teurer“, erklärt Matthias Hilgering. Er betont: „Guter Glühwein schmeckt auch lauwarm noch.“ Matthias Hilgering beliefert das bekannte „Fäßchen“ am Alten Markt und den Auxilia-Verkaufsstand am Ende der Silberstraße.

Wiedersehen mit Dortmunder Stammgästen

Der erste Donnerstagabend zu Beginn des Weihnachtsmarktes ist an „Rudis Hütte“ immer ein großes Wiedersehen mit allen Dortmunder Stammgästen. „Dann ist es rappelvoll“, sagt Rudolf Isken. Der Dortmunder Weihnachtsmarkt ist auch für die ganze Familie Isken ein großes Zusammenrücken. Drei Rudolfs haben dann ihre Stände aufgebaut: Enkel Rudolf (18), Sohn Rudolf (45) und Vater Rudolf (74) Isken sind mit ihren Familienmitgliedern und viel Personal im Einsatz. Tagelang hat die ganze Familie die eigenen Stände aufgebaut. Eigentlich wäre es mal an der Zeit, mit Rudolf Isken senior auf den Glühwein-Erfolg auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt anzustoßen. Doch nicht mit ihm: „Ich trinke gar keinen Glühwein.“

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Veranstalter des Dortmunder Weihnachtsmarktes sind der Schaustellerverein „Rote Erde“ und der Verband der Schausteller und Markthändler in Dortmund. Öffnungszeiten: 22. November bis 30. Dezember 2018.
  • Montag bis Donnerstag 10 bis 21 Uhr
  • Freitag und Samstag 10 bis 22 Uhr
  • Sonntag 12 bis 21 Uhr
  • 24. Dezember 10 bis 14 Uhr
  • 26. Dezember 12 bis 21 Uhr
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